Dr. Carsten Breitfeld

Byton-CEO Carsten Breitfeld: „Für eine Smart Mobility braucht es schlicht Produkte, die exakt darauf vorbereitet sind.“ Bilder: Byton

| von Pascal Nagel

Carsten Breitfeld hat über 20 Jahre bei BMW gearbeitet und zuletzt das i8-Programm geleitet. Vor wenigen Jahren dann der Cut: Gemeinsam mit Ex-Infiniti-Mann Daniel Kirchert gründete Breitfeld einen eigenen Autohersteller: Byton. Im Rahmen der CES in Las Vegas stellte der junge OEM vor. Am Rande der Messe konnte carIT mit Carsten Breitfeld über die Motivation hinter diesem Schritt und die Alleinstellungsmerkmale der Marke sprechen. 

carIT: Herr Breitfeld, Sie haben viele Jahre für einen traditionellen Autobauer gearbeitet. Bei Byton hatten Sie nun die Möglichkeit, eine neue Automarke auf dem weißen Blatt Papier zu zeichnen. Ist das eigentlich Fluch oder Segen?

Wenn man ganz ehrlich ist natürlich beides. Auf der einen Seite ist es ein Fluch, weil man alles neu machen muss. Man hat keine Organisation, die im Hintergrund das Standardgeschäft erledigt, wie in einem Großunternehmen. Auf der anderen Seite ist es natürlich eine große Chance, weil wir die Dinge genauso umsetzen können, wie wir das für richtig halten. Da gibt es keine Hindernisse, keine Legacy, auf die man Rücksicht nehmen muss; nicht tausende Mitarbeiter, die möglicherweise ein neues Mindset brauchen. Wir konnten von Anfang an eine Kultur aufbauen und die technologischen Weichen stellen, um unsere Idee zu verfolgen. Von daher ist es am Ende doch mehr Segen. 

Wenn man eine Automarke und ein Fahrzeug bei Null startet, wie geht man das an?

Am Anfang steht natürlich eine Vision. Man muss sich die Frage stellen, wo man in 20 Jahren stehen möchte. Ich habe in meiner Zeit bei BMW das i8-Programm geleitet und einen guten Eindruck davon bekommen, wie sich die Mobilität in Zukunft entwickeln wird. Meiner Ansicht nach wird die Welt derzeit mit großen Schritten immer smarter. Und für eine Smart Mobility braucht es Produkte, die exakt darauf vorbereitet sind. Gemeinsam mit Daniel Kirchert habe ich dann die Vision entwickelt, als erstes Unternehmen genau solch ein Fahrzeug anzubieten. Also haben wir überlegt, wie ein solches Auto aussieht, wie man es bedient und nahtlos in ein Ökosystem einbindet. 

Dieses Fahrzeug haben Sie als seriennahes Konzept nun auf der CES gezeigt. Es bedient natürlich die drei Hot Topics der Branche: Elektrifizierung, autonomes Fahren und volle Vernetzung. Was ist Ihnen davon am wichtigsten?

Alle drei Punkte gehören ja irgendwo zusammen. Der E-Antrieb ist, technologisch betrachtet, bereits auf dem Weg sich zu etablieren, die Akzeptanz der Kunden steigt. Jetzt geht es um den nächsten Schritt und das ist für mich die Verbindung aus autonomem Fahren und Connectivity. Erst dann wird Mobilität wirklich smart. Dann kann man sich nämlich die Frage stellen, wie die Menschen die neu gewonnene Zeit im Auto nutzen können. Die Consumer Electronics-Welt zeigt uns da eine Menge. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die meiste Zeit des Jahres lebe ich in Palo Alto im Silicon Valley. Jeden Morgen fahre ich auf dem Highway 101 nach Santa Clara – im dichten Verkehr mit um die zehn Meilen die Stunde wohlgemerkt. Wenn ich mich dann umschaue, haben 80 Prozent der Autofahrer ihr Smartphone in der Hand. Offensichtlich besteht an der Stelle ein enormes Bedürfnis. Also gehen wir jetzt den Schritt und sagen: Wir machen aus dem Auto selbst dieses Smart Device. 

Das bringt uns zum Thema Vernetzung. Das HMI – ein Bildschirm, der sich über die gesamte Breite des Innenraums erstreckt – ist das, was den Byton Concept auf den ersten Blick am stärksten von anderen Fahrzeugen am Markt unterscheidet. Bitte erklären Sie den Gedanken dahinter.  

Die User Experience hat bei uns im Fahrzeug zwei Ebenen: Auf der einen Seite steht das Angebot für alle. Das findet wie Sie sagen auf dem großen Bildschirm, dem Shared Experience Display, statt. Dort können die Passagiere Filme schauen, Videokonferenzen halten oder Power Point-Präsentationen ansehen. Dann hat aber jeder Nutzer auf der anderen Seite noch ein eigenes Device für sich. Für den Fahrer etwa befindet sich das zusätzliche Display in der Mitte des Lenkrades. Das ist ein ganz logischer Schritt: Wir haben die Bedienung von wichtigen Fahrzeugfunktionen einfach dahin gelegt, wo es physikalisch am sinnigsten ist. Der Fahrer muss für die Bedienung der Klimaanlage oder der Navigation nun nicht mehr die Hände vom Lenkrad nehmen. Gleichzeitig kann er das Fahrerdisplay in ein Androidtablet umwandeln. Das gefährliche Hantieren mit dem eigenen Smartphone gehört damit der Vergangenheit an. Das wäre sogar bei hohen Geschwindigkeiten erlaubt, wir begrenzen es allerdings auf die Nutzung im langsamen Verkehr. 

Haben Sie bei diesem Display nicht die Befürchtung, dass es den Fahrer ablenken könnte? 

Das Display an sich stellt ja erstmal keine Ablenkung dar. Wichtig ist die Frage, was man darauf zeigt. Da geht es zunächst um Farben und Helligkeit. Unser Display passt sich automatisch der Lichtstärke der Umgebung an. Dann schauen wir natürlich auf den Content: Videos oder andere bewegte Bilder sind für den Fahrer während der Fahrt tabu, ganz klar. Nicht zuletzt ist entscheidend, wie das User Interface bedient wird. Uns war besonders wichtig, dass unser Shared Experience Display besonders klar und aufgeräumt ist. Stellen Sie sich einmal vor, auf wie vielen Bedienebenen Sie heutzutage in einem gut ausgestatteten Auto hantieren – viele verschiedene Eingabemethoden und Entfernungen zu Tasten, Knöpfen und Reglern. Nach meiner Erfahrung ist unsere Lösung wesentlich eleganter und weniger ablenkend. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Personalisierung und das Ökosystem Byton Life. Können Sie die Cloud-Plattform hinter dem Fahrzeug skizzieren?

Zunächst einmal setzen wir für die Personalisierung Face-Recognition-Kameras ein. Damit wird der Fahrer erkannt, wenn er sich nähert, die Tür entriegelt sich. Dann wird wiederum durch Gesichtserkennung das individuelle Nutzerprofil geladen, für den Fahrer und alle Mitreisenden. Vorher muss man natürlich zustimmen, ob man diese Funktion nutzen möchte, dann wird in der Byton Life Cloud ein Profil angelegt. Dort sind sämtliche Konfigurationen abgespeichert, von der Sitzposition, der Lenkradeinstellung, der bevorzugten Temperatur, über die Farbschemata im Display, bis hin zu den Inhalten und Apps. Es ist der komplette digitale Fingerabdruck. Macht der Fahrer das beispielsweise hier in Las Vegas und fliegt morgen nach China, dann erkennt ein Byton ihn auch dort und lädt sämtliche Einstellungen. Jeder Byton auf der Welt liefert dem Passagier die gleiche Umgebung, die gleiche Erscheinung, den gleichen individuellen Content. Und denkt man nun weiter an Shared Mobility, dann wäre ein Angebot, bei dem sich jeder Nutzer sofort wie zuhause fühlt, ein riesiger Fortschritt. 

Lernt das System auf Basis künstlicher Intelligenz den Insassen fortlaufend besser kennen?

Sicher. Das Problem mit heutigen User Interfaces ist doch, dass sie meist sehr statisch sind. Aber eine Menüführung zum Beispiel ist doch nie für alle Menschen gleich richtig. Unser System lernt den Nutzer jeden Tag etwas besser kennen. Wir haben etwa ein dynamisches Menü, das sich laufend anpasst. Je häufiger gewisse Funktionen genutzt werden, desto einfacher sind sie im Menü zu finden und zu bedienen. 

Diese Kundenzentrierung scheint die Autobranche in den letzten Jahren etwas verschlafen zu haben? Liegt darin die Chance für Byton?

Das ist exakt der Kern. Wir wollen das Next Generation Smart Device auf die Straße bringen. Nun ist es immer noch in erster Linie ein Auto und diese Tatsache darf man nicht unterschätzen. Daran sind schon viele gescheitert. Der zentrale Punkt, warum das Smartphone so erfolgreich ist, ist die Kundenzentrierung. Die Hardware dahinter interessiert doch kaum. Entscheidend ist, dass die Menschen die Plattform und den Content nutzen. Man muss ein Verständnis dafür entwickeln, welcher Content gewünscht ist, welcher nicht, und welcher wann verändert werden muss. Das ist eine Kundenorientierung, die monatlich geschehen muss und nicht wie beim klassischen Automobil alle sieben Jahre. Schnelle Updates mit hoher Frequenz zu bringen, hat die Autoindustrie bislang noch nicht gut genug verstanden. Wir versuchen das besser zu machen. Dafür haben wir ein Consumer Electronics-Unternehmen im Unternehmen. Wichtig ist, eine Kultur von Anfang an zu etablieren, die den Automobilbau und die Consumer Electronics-Welt zusammenbringt. Um nochmal auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen: Es ist dann natürlich ein Segen, auf dem weißen Blatt Papier anzufangen. 

Sie meinen, wenn man das nicht von vornherein zusammenbringt, dann kann das nicht funktionieren?

Exakt. Wenn sich Apple mit BMW oder Daimler zusammentun würde, dann könnten die alles was wir hier diskutiert haben mit jeder beliebigen Exzellenz realisieren. Aber das wird nicht funktionieren, weil die Kulturen so weit auseinanderliegen, dass man nur sehr mühsam eine gemeinsame Produktvision, ein gemeinsames Geschäft aufbauen könnte. Wenn Sie mich fragen, was einzigartig an Byton ist, dann ist es genau das: Wir haben die gesamte Bandbreite an Know-how, von Auto bis Smartphone, in einem Unternehmen. Das sind alles erfahrene, hochmotivierte und dabei sehr realistische Menschen, die etwas Wegweisendes erschaffen wollen.