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Das elektrische A-Car kann fast jedes Hindernis überwinden. Bilder: Andreas Heddergott / TU München

| von Yannick Tiedemann
Am Münchener Flughafen konnte carIT einen genaueren Blick auf den Mobilitäts-Möglichmacher werfen    

Wenn über Visionen der Mobilität der Zukunft diskutiert wird, geht es meist um urbane, infrastrukturell gut ausgebaute Ballungszentren, um die Revolution durch Robotaxis, Shared Services und die Elektrifizierung des Straßenverkehrs in westlichen und fernöstlichen Industrienationen. Oft wird dabei vergessen, dass in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt Menschen heute noch von den grundlegendsten Formen der Mobilität ausgeschlossen sind. So leben Bauern in Ghana, Bolivien oder Indonesien oftmals weit entfernt von größeren Städten und können diese in den seltensten Fällen mit einem Fahrzeug erreichen. Der Zugang zum Markt, zu medizinischer Versorgung, politischer Teilhabe oder Bildung bleibt für Millionen Menschen ein Luxusgut, das für uns seit mehr als einem Jahrhundert selbstverständlich erscheint.

Ein Problem, dem sich vor gut fünf Jahren ein Team von Studenten und Wissenschaftlern der Technischen Universität München (TUM) annahmen. „Wir hatten damals das Bedürfnis, etwas für Afrika und die Menschen tun zu wollen“, erinnert sich Prof. Markus Lienkamp, Leiter des Lehrstuhls für Fahrzeugtechnik an der TUM. Aus diesem schlichten Ansinnen ist 2013 die Idee des sogenannten „A-Car“ entstanden – ein kleiner Elektro-Transporter, der genau auf die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung in afrikanischen Ländern südlich der Sahara zugeschnitten sein sollte. Nach der Präsentation des zweiten Prototyps auf der IAA 2017 in Frankfurt konnten Journalisten das Fahrzeug nun auf einer Motocross-Strecke nahe des Münchener Flughafens Probe fahren.

Eines der für ärmere Regionen der Welt entscheidendsten Merkmale: Das A-Car ist mit 10.000 Euro vergleichsweise kostengünstig. Und das trotzdem der Unimog-Verschnitt auf einen von Bosch entwickelten elektrischen Antriebsstrang setzt. „Ein Elektroantrieb ist nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch technisch die bessere Lösung, da er wartungsarm ist und sein volles Drehmoment direkt beim Anfahren entfalten kann“, erklärt Martin Šoltés, der gemeinsam mit Sascha Koberstaedt das Projekt an der TUM leitete und nun mit seinem Partner das eigens für das A-Car ausgegründete Unternehmen Evum anführt. Das für den Transport von Menschen und Gütern konzipierte Vehikel ist durch einen modularen Aufbau der Ladefläche für verschiedene Einsatzszenarien vorgesehen. Gut eine Tonne Gesamtlast vermöge das A-Car zu transportieren, so die Entwickler.

Die maximale Batteriekapazität liegt nach Angaben der TUM bei 20 kWh und soll eine Reichweite von rund 200 Kilometern ermöglichen. Dazu liefern Solarmodule – ein sinniges Feature in Subsahara-Afrika – auf dem Dach des A-Cars zusätzliche Energie für die Batterie. Das Auto kommt auf eine Leistung von 8 Kilowatt pro Achse, wodurch die notwendige Geländegängigkeit verbessert wird. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 70 km/h. Dieses Tempo erreichte carIT bei der Probefahrt auf der hügeligen und schlammigen Strecke freilich nicht, dafür bewies das A-Car seine Robustheit und Geländetauglichkeit. Standardmäßige Annehmlichkeiten wie Servolenkung oder ABS sind im Prototyp zwar nicht verbaut, scheinen angesichts des Anforderungsprofils des Zielmarkts aber auch nicht zwingend notwendig.

Šoltés und Koberstaedt wollen möglichst viele der Komponenten des A-Cars vor Ort in sogenannten „Micro Factories“ produzieren, um die lokale Wirtschaft zu stärken. Noch müssen die meisten Elemente wie die Elektromotoren oder die Batterie importiert werden, erklärt Šoltés. Dafür bauen die Ingenieure mit ihrer Firma Evum auf ein Partnernetzwerk, in dem sich Zulieferer wie Bosch, Dräxlmeier oder Mahle tummeln. Mittelfristig soll das Elektromobil mit einer Stückzahl von rund 1.000 Fahrzeugen ab Ende 2019 in Kleinserie gehen. Die ersten Fahrzeuge werden in Europa in einer Modellfabrik hergestellt. „Bevor das Auto in Afrika produziert werden kann, müssen wir zunächst die technischen Abläufe in den Griff bekommen“, erklärt Sascha Koberstaedt. „Dann können wir Menschen aus Afrika hier schulen, die wiederum ihr Wissen vor Ort weitergeben.“

Die erste Fabrik auf afrikanischem Boden soll frühestens 2020 stehen, die dann den lokalen Markt bedienen soll. Doch bei Afrika soll es nicht bleiben. „Wir wollen das A-Car auf der ganzen Welt verfügbar machen“, sagt Koberstaedt. Auch in Europa könnte der Elektro-Transporter künftig zu sehen sein, dann vielleicht als nützlicher Helfer im Stadtpark oder auf dem Weinberg.