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Die D³-Plattform von BMW in Unterschleißheim: mehr als 100.000 Prozessorkerne und über 200 GPUs. Bild: BMW

| von Pascal Nagel

Die D³-Plattform (Data-Driven Development) bildet künftig die Basis für das Anlernen der autonomen Systeme. Der Ansatz fußt auf der Annahme, dass die Komplexität und Vielzahl von Verkehrssituationen letztlich über große Datenmengen durchaus abbildbar und beherrschbar wird. „Die neue Mobilität zwingt zum Umdenken und zu mehr Schnelligkeit“, sagt Alejandro Vukotich, bei BMW seit kurzem verantwortlich für die Entwicklung von Fahrerassistenz und autonomes Fahren. „Auch wir bei BMW müssen uns sichtbar verändern, was wir mit dem Autonomous Driving Campus hier in München nun versuchen.“

Alejandro Vukotich, Chef des autonomen Fahrens bei BMW, präsentiert in München die neue Entwicklungsplattform.

Die Grundlage bilden fünf Millionen tatsächlich zurückgelegte Testkilometer, aus denen zwei Millionen Kilometer mit relevanten Szenarien ausgewählt werden. Diese werden fortlaufend qualifiziert und regelmäßig durch Re-Processing aufgewertet. Hinzu kommen 240 Millionen simulierte Testkilometer. 

Das Re-Processing der zwei Millionen realen Kilometer und die Simulation der 240 Millionen virtuellen Kilometer erfordern eine hoch performante Daten-Plattform mit über 230 Petabyte Speicherkapazität sowie eine Compute-Plattform mit mehr als 100.000 Prozessorkernen und über 200 GPUs (Graphics Processing Units).

BMW arbeitet mit Hochdruck an autonomen Fahrfunktionen auf Level 3, schickt dafür derzeit rund 80 autonome 7er auf die Straße.

Für die Verbindung zwischen der D³-Plattform zu den „Hardware in the Loop (HiL)“-Stationen am BMW Group Autonomous Driving Campus stehen Glasfaserleitungen zur Verfügung. Die resultierende nutzbare Datenrate liegt damit bei rund 3,75 Terabit/s. Räumlich sind Campus und Plattform nur wenige Kilometer in Unterschleißheim bei München getrennt, um die Übertragung der Datenmengen zu garantieren.

„Unsere neue Plattform ist mehr als nur einfaches Data Storage“, betont Vukotich. „Sie bildet die Entwicklungsgrundlage beispielsweise für den iNext, der 2021 in Serie gehen soll.“ Einen Alleingang hat BMW in seinem neuen AD Data Center gewiss nicht vor. Erstmals arbeitet der Münchner OEM mit einem anderen Hersteller bei der Entwicklung autonomer Systeme zusammen – und das mittels agiler Methoden. Zusammen mit Fiat-Chrysler tüfteln die Entwickler innerhalb von Zwei-Wochen-Sprints an den Technologien. Auch Zulieferer wie Aptiv oder Continental sowie Technologie-Partner wie Here, Intel oder Mobileye sitzen mit im Agilitäts-Boot.

„Die Probleme bei der Softwareentwicklung zum autonomen Fahren sind so komplex, dass wir uns lange Planungsphasen wie früher schlicht nicht mehr leisten können“, erklärt Alejandro Vukotich. „Mit dem agilen Modell der Zwei-Wochen-Sprints sind wir nun in der Lage, den Kurs schnell und flexibel anpassen zu können.“ 

Die großen Datenmengen aus dem autonomen Testfahrzeug werden auf eine On-Premise-Cloud-Struktur übertragen.

Unterstützung erhalten die Ingenieure und Entwickler von der BMW Group IT um CIO Klaus Straub, die über die Fachbereiche hinweg die Strategie „100 Prozent agil“  ausgerufen hat. „Mithilfe unserer IT- und Automobil-Partner haben wir das Setup für das AD Data Center innerhalb von nur drei Monaten aufgesetzt“, erzählt Straub. „Das Einlassen auf agiles Vorgehen ist dabei ein absolutes Muss.“

IT-seitig umgesetzt wurde die D³-Plattform gemeinsam mit IT-Dienstleister DXC Technology. Das System von DXC wird vor Ort in einer On-Premise-Cloud-Umgebung betrieben. Damit sollen Arbeitslasten leicht verschoben werden können, versprechen die beiden Unternehmen.

Dem Schritt, sämtliche Datentransfer-Prozesse über eine Cloud-Infrastruktur laufen zu lassen, habe man indes relativ frühzeitig eine Absage erteilt. „Unsere Plattform soll täglich mit rund 1,5 Petabyte an Daten versorgt werden, das lässt sich über die Cloud gar nicht abbilden“, erläutert BMW-CIO Klaus Straub. Die notwendige Rechenpower erhalte man momentan nur on-premise. „Für die Entwicklung autonomer Fahrzeuge ist eine solche Konfiguration alternativlos. Anders wird sich die Situation darstellen, wenn autonome Autos im Serienbetrieb fahren. Dann werden Updates over-the-air eine entscheidene Rolle spielen.“