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Ralf Frisch: „Solange es keine überzeugende Alternative zum eigenen Pkw gibt, wird die überwiegende Mehrheit der Pendler und Reisenden in Kauf nehmen, weiterhin im Stau zu stehen.“ Bild: PTV Group

| von Pascal Nagel

carIT: Herr Frisch, die Menge an Verkehr in deutschen Städten nimmt besorgniserregende Dimensionen an. Welcher Worst Case droht, wenn hier nicht entgegengesteuert wird?

Frisch: Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Wenn die Verkehrsentwicklung ohne Einfluss von außen sich weiter so entwickelt wie bisher, steuern wir unaufhaltsam auf einen Verkehrskollaps zu. Solange es keine überzeugende Alternative zum eigenen Pkw gibt, wird die überwiegende Mehrheit der Pendler und Reisenden in Kauf nehmen, weiterhin im Stau zu stehen. Wenn die Politik es zu lange versäumt zu handeln und attraktive Verkehrsangebote zuzulassen beziehungsweise sogar zu fördern, werden in der Konsequenz immer drastischere Maßnahmen nötig sein, um die Auswirkungen bewältigen zu können. Das wird bei Mautgebühren für innerstädtische Straßen anfangen und bis zu Fahrverboten zum Beispiel nach dem chinesischen Vorbild gehen: Fahrzeuge mit Kennzeichen mit geraden und ungeraden Nummern teilen sich das Nutzungsrecht der Straßen.

Welche Mittel stehen derzeit zur Verfügung, um den Verkehrskollaps abzuwenden?

Trotz der düsteren Prognose, gibt es doch Licht am Ende des Tunnels: sehr aktuell ist zum Beispiel das neue Mobilitätsgesetz aus Berlin, bei dem massiv der Fahrradverkehr gefördert wird und das übrigens durchaus zu Lasten des Individualverkehrs. Ansonsten ist es aus meiner Sicht unerlässlich, dass neue Mobilitätsformen wie zum Beispiel das Ridesharing unterstützt werden. Das Ziel bei dieser Art der Fortbewegung ist es, dass sich mehrere Personen eine Fahrt teilen und somit das Verkehrsaufkommen auf der Straße reduziert wird. Ganz wichtig: solche Angebote sollten immer in Abstimmung mit dem ÖPNV, oder noch besser als Angebot des ÖPNV, realisiert werden. Ein Leuchtturmprojekt ist beispielsweise der Berlkönig der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Das autonome Fahren wird insbesondere für den urbanen Verkehr oftmals als Heilsbringer gehandelt. Welche Voraussetzungen müssen in den Städten noch erfüllt werden, damit die Technologie ihr volles Potential ausschöpfen kann?

Ich denke, dass das autonome Fahren im Augenblick weniger im urbanen, und weit mehr im ländlichen Raum Heilsbringer sein wird. Bis es im urbanen Raum so eingesetzt werden kann, dass es sein volles Potenzial ausschöpft, wird noch einige Zeit vergehen. Bis dahin sollten wir die Chance, die durch das autonome Fahren für den ländlichen Raum entsteht, wahrnehmen. Außerhalb des Stadtgebietes gibt es deutlich weniger komplexe Verkehrssituationen und damit Konfliktpotenzial. Denken Sie nur an die Einsatzmöglichkeiten beim ÖPNV. Warum ist heutzutage die Nachfrage im ländlichen Raum nach ÖPNV so gering? Weil das Angebot lückenhaft und unattraktiv ist. Aus Wirtschaftlichkeit wird oftmals nicht mal ein Takt, sondern etwa alle zwei Stunden ein Bus bereitgestellt. Das Henne-Ei Prinzip. Wenn nun aber ein autonomer Bus zum Einsatz kommen könnte, der die Fahrgäste on-demand, also nach Bedarf, von der S-Bahn-Haltestelle bis an die Haustür fährt, dann wäre das sicherlich ein überzeugender Ansatz. Dieser Bus könnte dann auch ohne finanzielle Einbußen eine Stunde außer Betrieb sein, da es ohne Fahrer auch keine anfallenden Kosten gibt.   

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