Ein Studienfahrzeug fährt auf eine futuristische Stadtkulisse zu

Für die urbane Mobilität der Zukunft gibt es eine Vielzahl an möglichen Szenarien. Bilder: Shutterstock/Pavel Chagochkin,

| von Jonas Rosenberger

Mit dem Elektroauto bis zur Stadtgrenze, dann mit dem Robotaxi ins richtige Viertel und mit dem Elektroroller ans Ziel. Sieht so die Zukunft städtischer Mobilität aus? Ganz genau weiß das niemand, es gibt verschiedene Szenarien. „Es muss allen klar sein, dass wir einen Sinneswandel für die Transformation des Verkehrs brauchen“, sagte Jörg Reimann von Charge Now im November auf dem Mobility Circle in Hamburg. Auf der Konferenz diskutierten Experten die Frage, wie sich der urbane Verkehr weiterentwickeln und verbessern lässt, aus unterschiedlichen Perspektiven.

Schließlich stehen viele Städte weltweit vor einer drängenden, bislang aber ungelösten Frage: Wie sollen sie mit der zunehmenden Urbanisierung und dem steigenden Verkehrsaufkommen umgehen? Wie können Menschen von einer Seite der Stadt zur anderen kommen, ohne Staus zu verursachen und auf größere Probleme zu stoßen?

Elektromobilität steht im Zentrum

Einige Citys erproben derzeit neue Herangehensweisen, wobei Visionen von Flugtaxen oder autonom fahrenden Bussen eine eher untergeordnete Rolle spielen. Sehr wohl präsent ist jedoch die Elektromobilität – nicht zuletzt wegen ihrer lokalen Emissionsfreiheit. „Es geht heute in erster Linie darum, ein System zu finden, das alle Bürger glücklich macht“, sagte Henrik Falk von der Hamburger Hochbahn auf derselben Veranstaltung. Er betonte: „Es werden in Zukunft nicht weniger Menschen mobil sein, sondern mehr.“ Die Frage sei nur, welche Verkehrsmittel sie nutzen.

Der Forderung mancher Politiker, den Pkw-Verkehr in Städten durch Verbote zu reduzieren, stellt sich Stefan Bratzel, der das Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach leitet, offen entgegen: „Ich halte den Ansatz, über Verbote einen Wandel zu erreichen, für falsch. Sinnvoller ist es, Begehrlichkeiten zu wecken und den Menschen eine Alternative anzubieten.“ Wird private Mobilität eingeschränkt, sollte das nur geschehen, weil bestehende Verkehrsflächen für neue Angebote gebraucht werden. „Eine verzichtsorientierte Diskussion ist der falsche Weg. Wir sollten eher darüber sprechen, dass den Menschen etwas gegeben, statt weggenommen wird“, sagt auch Robert Henrich vom Sammeltaxi-Fahrdienst Moia. Es gelte, ein schlüssiges Gesamtkonzept zu entwickeln, mit dem die Mobilität jederzeit und ohne Schwierigkeiten gewährleistet werden kann.

Multimodale Mobilitätskonzepte sind gefragt

Im Raum steht das Zusammenspiel verschiedener Lösungen, etwa des klassischen ÖPNV mit Sammeltaxi-Diensten. Für die „letzte Meile“ könnten sich Tretroller anbieten. „Wir als ÖPNV haben es in den letzten 100 Jahren nicht geschafft, die Alternative zum Pkw zu werden. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir es auch in weiteren 100 Jahren nicht geschafft haben“, so Hochbahnleiter Falk. Nur den öffentlichen Personennahverkehr auszubauen, reiche nicht aus, sagt auch CAM-Direktor Bratzel: „Es braucht neuen Ideen. Der Pkw lockt seit jeher mit dem Versprechen persönlicher Freiheit. Jede Alternative zum Pkw muss das ebenso bieten. Für den Wandel braucht es eine sinnhafte, begeisternde Erzählung, die die Leute mitnimmt.“

Eine der Überlegungen ist, den ÖPNV kostenlos zu machen, wie jüngst in der Augsburger Innenstadt geschehen. Zwar bekommen damit mehr Menschen Zugang zu Bus und Bahn, dennoch sei die Subventionierung nur einzelner Angebote fragwürdig, betont Reimann mit Blick auf die ökonomische Dimension. Statt allein Bus und Bahn zu rabattieren, sollten eher die verschiedenen Elemente eines Mobilitätsökosystems verzahnt werden. So könnten die Verluste eines Anbieters durch die Gewinne eines anderen kompensiert und der Mobilitätswandel insgesamt vorangetrieben werden.

Wirtschaftlichkeit neuer Dienste verbessern

Die Idee einer Mobilitätsflatrate besitzt Charme, keine Frage: „Es kann attraktiv sein, alle Verkehrsmittel in einer Stadt mit nur einem Guthaben zu nutzen, das automatisiert abgerechnet wird“, sagt Stefan Bratzel. Gleichzeitig gibt Moia-Chef Henrich zu bedenken, dass Flatrates im Mobilitätsbereich nur schwer umsetzbar seien: Weil die einzelnen Angebote sich qualitativ unterscheiden, könnte es passieren, dass einzelne Kunden immer den hochwertigsten Service nutzen. Die Lösung: preisliche Abstufungen, die berücksichtigen, welche Verkehrsträger man wie oft in Anspruch nimmt.

Generell stellt die Frage nach der Wirtschaftlichkeit der Angebote derzeit alle Mobilitätsdienstleister vor Probleme. „Die Geschäftsmodelle neuer Dienste müssen profitabel sein“, betont zwar Charge-Now-Chef Reimann. Nur so könne es einen Wandel in der urbanen Mobilität geben. „Doch leider sind sie es noch nicht.“ Dass Anbieter in dieser Situation enger kooperieren müssen, gilt unter Mobilitätsexperten als ausgemacht. Zum einen ließen sich dann ihre Dienste zeitlich und räumlich besser aufeinander abstimmen. Zum anderen könnten sie von einem serviceübergreifenden Fahrtenguthaben durchaus profitieren.

Nächster logischer Schritt auf diesem Weg wäre eine zentrale Koordinierungsstelle, eine Art moderne Leitzentrale. Dazu müssten sich die Anbieter stärker füreinander öffnen. Erste Ansätze geben Anlass zur Hoffnung: In Hamburg etwa hat sich ein Netzwerk gebildet. „Wir können es nur gemeinsam schaffen und brauchen eine Durchlässigkeit zwischen einzelnen Angeboten und Diensten. Es hilft uns, wenn wir keine Mauern aufbauen, sondern uns miteinander verzahnen“, kommentiert Hochbahnchef Henrik Falk die aktuelle Entwicklung in der Hansestadt.