| von Sebastian Ballhausen

Carl Benz und Gottlieb Daimler stehen für das Produkt Automobil – seit 125 Jahren. Ihrer Kreativität und vielleicht auch ihrer erfinderischen Weitsicht – und der von der Ford Motor Company perfektionierten Fließbandfertigung – verdanken wir die individuelle Mobilität, die die ganze Welt letztlich in den Rausch der motorisierten Freiheit versetzte. Ein Leben ohne das – eigene – Auto ist für viele Menschen in den Industrienationen unvorstellbar, gar unmöglich. Doch das Auto ist mehr als ein reines Fortbewegungsmittel und der Inbegriff der mobilen Freiheit, es hat sich in vielen Ländern zu einem persönlichen Statussymbol entwickelt. Davon lebt eine Marke wie Mercedes. Was treibt also ausgerechnet dieses Unternehmen dazu, ein Carsharing-Projekt zu kreieren?

Womöglich wieder Weitsicht! Die Automobilindustrie steht vor einem Paradigmenwechsel und damit vor der Neudefinition der individuellen Mobilität. Der Begriff wird künftig um das Attribut „nachhaltig“ ergänzt. Das Auto verändert somit seinen Charakter. Daimler hat das erkannt. Wie jedes zukunftsorientierte Unternehmen betreiben die Stuttgarter eine Art Thinktank, in dem bewusst über den Tellerrand des eigenen Geschäftsfeldes geblickt wird. Business Innovation nennt sich diese Denkerstube unter Führung von Jérôme Guillen. Dort wurde neben rund 60 weiteren Geschäftsideen auch Car2go kreiert. „Car2go stellt einen weiteren wichtigen Baustein in der Daimler-Strategie auf dem Weg zur nachhaltigen Mobilität dar“, erklärt Martin Zimmermann, Vice President Strategy, Alliances and Business Innovation bei Daimler. Die Idee: Wann immer ein Auto benötigt wird, kann es rund um die Uhr spontan auf der Straße angemietet oder mit dem Mobiltelefon, einem Smartphone oder über das Internet von zu Hause gebucht werden. Das Fahrzeug lässt sich beliebig lange anmieten und kann auf jedem freien öffentlichen Parkplatz innerhalb des Car2go-Gebietes zurückgegeben werden. Abgerechnet wird pro Minute – Steuern, Versicherung, zurückgelegte Kilometer und sogar die Kosten für den Kraftstoff sind enthalten. Nutzungsvoraussetzung ist die Registrierung als Kunde. Durch Vorhalten des Führerscheins an ein Lesegerät im Bereich der Windschutzscheibe öffnet sich die Zentralverriegelung und die Miete beginnt. Nach Eingabe einer persönlichen PIN kann der Kunde losfahren. Erste Tests in Deutschland (seit 2008) und den USA (2009) verliefen erfolgreich. In Ulm nutzten mittlerweile 20 000 Kunden die 200 eingesetzten Smart fortwo der ersten Car2go-Generation. Seit der Einführung wurden mehr als 350 000 Mietvorgänge durchgeführt, zumeist mit einer Dauer zwischen 30 und 60 Minuten. Inzwischen werden bis zu 1000 vollautomatische Mietvorgänge pro Tag verzeichnet. Auch in Austin wurde Car2go angenommen – obwohl der Smart nicht gerade dem amerikanischen Way of Drive entspricht. In der texanischen Metropole sind nach nur vier Monaten über 10 000 Nutzer registriert und bislang wurden mehr als 80 000 Mieten durchgeführt. „Car2go hat sich in Ulm und Austin als innovative Alternative für den städtischen Verkehr erfolgreich etabliert“, bestätigt Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender von Daimler und Mercedes-Benz-Chef, in einer Mitteilung. Die erfolgreiche Bilanz hat Daimler deswegen bewogen, sich im Rahmen der Bewerbung eines Konsortiums für das zukunftsweisende Projekt Autolib der Stadt Paris als Lieferant für Fahrzeuge und Car2go-Technologie zu engagieren. Geplant ist, bis 2012 insgesamt 3000 Elektrofahrzeuge in Form von Smart fortwo electric drive und A-Klasse-Modellen mit Elektroantrieb zu liefern. Das Projekt umfasst darüber hinaus die Installation der entsprechenden Park- und Ladeinfrastruktur in Paris und einigen umliegenden Ortschaften. Für die Umsetzungsphase des Konzepts rüstet sich Daimler bereits: Die Stuttgarter produzieren im lothringischen Werk Hambach inzwischen speziell ausstaffierte Serienversionen des Carsharing-Smart.

Ohne moderne IT ist allerdings weder das Gesamtkonzept noch der „Smart car2go edition“ darstellbar. Die Entwicklung der Infrastruktur sowie der Steuerungssysteme stammt aus der Feder der Daimler-IT unter der Führung von Michael Gorriz. Die Mannschaft um den CIO stand der Entwicklungsabteilung auch beratend zur Seite. Die Carsharing-Version ist mit einer komplett neu entwickelten Hardwaregeneration ausgestattet, die den vollautomatischen Mietprozess abwickelt. Die Carsharing-Telematik ist speziell für die Anforderungen von Car2go ausgelegt. Optisch als auch technisch ist das System komplett in das Fahrzeug integriert: Kernstück ist eine Bedieneinheit mit großem, berührungsempfindlichen Bildschirm. In ihr findet auch der Fahrzeugschlüssel seinen Platz – in der Erprobungsphase war dieser noch im Handschuhfach untergebracht. Bis zu vier Chipkarten (unter anderem zum Betanken und zur Einfahrt in Parkhäuser) können ebenfalls dort in eigenen Steckplätzen abgelegt werden. Die Telematikeinheit ist direkt mit der Fahrzeugelektronik vernetzt und kann dadurch die Wegfahrsperre steuern: Wenn ein Kunde mit Hilfe seiner Zugangsberechtigung sowie durch Eingabe einer persönlichen Geheimzahl einen Mietvorgang beginnt, wird die Wegfahrsperre freigeschaltet, nach Abschluss des Mietvorganges wird sie sofort wieder aktiviert. „Die neue Hard- und Softwaregeneration ist die Plattform, auf der zukünftig weitere Dienstleistungen im Fahrzeug zur Verfügung gestellt werden können“, erklärt Car2go-Geschäftsführer Robert Henrich. „Wir können jetzt zusätzliche Funktionen, wie beispielsweise internetbasierte Dienste und Medien, kundenfreundlich in das System integrieren.“ Eine weitere Neuheit ist das in der Car2go Edition enthaltene 100 Watt leistende Solardach, das komplett in die Bordelektrik integriert ist. Die auf diese Weise gewonnene Solarenergie versorgt die Telematik mit Strom und lädt zudem kontinuierlich die Fahrzeugbatterie, so dass während der Fahrt die Lichtmaschine entkoppelt und so der Treibstoffverbrauch je nach Einsatz um bis zu 10 Prozent gesenkt werden kann. Ist das Fahrzeug in der Sonne geparkt, wird mit dem Solarstrom außerdem die Lüftung betrieben und dadurch die Temperatur im Innenraum um bis zu 18 Grad Celsius abgesenkt. So lässt sich Car2go auch problemlos in extrem heißen Regionen einsetzen. Der Start von Car2go in weiteren Städten, speziell in Europa und Nordamerika, soll ab dem ersten Quartal 2011 erfolgen. Und noch ein Schritt in die Breite: die Kooperation mit Europcar. „Wir möchten gleich mit unserer neuen Car2go Edition an den Start gehen und damit unseren Kunden die bequemste und fortschrittlichste Carsharing-Technologie bieten, die es heute gibt“, erklärt Geschäftsführer Henrich gegenüber der Presse.

Nicht das letzte Wort in Sachen neuer Mobilität, denn Daimler setzt noch einen drauf und macht damit einen weiteren Schritt zum umfassenden Mobilitätsanbieter. Im September 2010 startete das Pilotprojekt Car2gether in Ulm. Car2gether ist eine webbasierte Mitfahr-Community. Möchte jemand eine Fahrt anbieten oder eine Mitfahrgelegenheit finden, so muss er sich zunächst auf der Car2gether-Website registrieren und ein Profil mit persönlichen Informationen wie zum Beispiel Foto und Handynummer anlegen. Anschließend kann der Benutzer per Rechner oder Smartphone seine gewünschte Startzeit sowie sein Fahrtziel eingeben. Car2gether bringt Fahrtangebote und Mitfahrwünsche zusammen und übermittelt die passenden Fahrer oder Mitfahrer an den Benutzer. Dieser kann mit dem Mobiltelefon oder am PC die Fahrt oder Mitfahrt bestätigen. Sobald die Tour vereinbart wurde, werden die Fahrtdetails beiden Teilnehmern angezeigt. Zusätzlich können sich die Benutzer per SMS oder E-Mail benachrichtigen lassen. Die Mitfahrangebote und -gesuche erscheinen auch in Form eines „Live-Tickers“ auf dem Webportal von Car2gether. Dort werden die Angebote und Gesuche in Kurzform aufgeführt und alle 15 Sekunden automatisch aktualisiert. Bei Interesse können sich die Benutzer im Live-Ticker über die jeweilige Fahrt oder Mitfahrt näher informieren und sich gegebenenfalls direkt dafür entscheiden. Mit einer eigenen Fan-Seite auf Facebook und einem Twitter-Account ist Car2gether zudem fest in die virtuelle Welt der Online-Communities integriert und fördert so den Austausch. Die Mitfahrzentrale 2.0 bietet sich als ideale Ergänzung zum eigenen Auto und zu anderen Fortbewegungsmitteln an, heißt es dazu bei Daimler.

Geht die Geschäftsidee auf? „Es ist unter Umständen ein Element der neuen Mobilität“, urteilt Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer gegenüber carIT. Vorsicht ist dennoch geboten: Mit Vermietergeschäften haben sich schon so manche Autohersteller in der Vergangenheit schwer getan, so der Experte. Doch der Automobilmarkt verändert sich. Die emotionale Bindung der Jugend an das Auto ist rückläufig. Die Web-2.0-Generation geht neue Wege – sie stellt sich Mobilitätsangebote bedarfsgerecht zusammen. Das eigene Auto spielt dabei nicht mehr unbedingt die zentrale Rolle. Nach Aussagen des Hightechverbandes Bitkom verzichten junge Menschen unter 30 Jahren inzwischen lieber auf das Auto als auf das Internet. Und laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Progenium liegt der Imagewert von Marken wie Smart oder Opel bei jungen Leuten in etwa auf dem Niveau von Waschmaschinen. Insofern könnten Vermieter/Carsharing-Systeme ebenso funktionieren wie Mitfahrzentralen. 125 Jahre nach dem Beginn der individuellen Mobilität kündigt sich nicht nur bei den Antrieben ein Paradigmenwechsel an.

Autor: Peter Rademacher

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