Corona-Krise bedroht Mobilitätsdienstleister

In Deutschland können Uber-Nutzer trotz Coronavirus weiterhin Einzelfahrten buchen, in den USA und Kanada hat der Fahrdienst sein Pooling-Angebot gestoppt. Bild: Uber

| von Yannick Polchow

Im öffentlichen Nahverkehr waren die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Mobilitätssektor zuerst zu spüren: Fahrgäste konnten Busse nur noch hinten betreten, der Fahrerbereich wurde durch Flatterband abgesperrt. Zudem wurde der Fahrplan von U- und S-Bahnen in vielen deutschen Großstädten spürbar ausgedünnt. Auch Regionalzüge der Deutschen Bahn verkehren im nationalen und länderübergreifenden Betrieb auf vielen Strecken seltener.

Fernbusanbieter stellen den Betrieb ein

Zu einem kompletten Erliegen des Betriebs kam es hingegen auf Seiten der Fernbusanbieter. Sowohl Marktführer Flixbus als auch der französische Anbieter Blablabus haben seit heute alle Fahrten von und nach Deutschland eingestellt. „Betroffene Fahrgäste werden selbstverständlich informiert und erhalten einen Gutschein über den gesamten Ticketpreis ohne Stornierungsgebühr“, teilt Flixbus mit. Wann der Betrieb wieder aufgenommen werden kann, ist unklar.

Fernbus Flixbus

Flixbus wird seinen Betrieb in Deutschland vorerst auf unbestimmte Zeit einstellen. Bild: Flixbus

Im Gegensatz zum Fernbusgeschäft wird der Mitfahrdienst Blablacar sein Angebot vorerst aufrechterhalten. „Im gegenwärtigen Kontext des ‚Social Distancing‘ ist das Bilden von Fahrgemeinschaften jedoch derzeit nicht zu empfehlen. Dennoch, da auch die Freiheit zur Bildung von Fahrgemeinschaften von zentraler Bedeutung für uns ist, sehen wir uns nicht berechtigt, die Plattform zu schließen. Denn diese gehört eigentlich euch, unseren Mitgliedern, ohne die der Dienst nicht existieren würde. Daher wird BlaBlaCar weiterhin für diejenigen zur Verfügung stehen, die unbedingt reisen müssen“, heißt es auf der Website des Unternehmens.

Einen deutlichen Rückgang der Buchungen verzeichnet aktuell der Mobilitätsanbieter Free Now. Dennoch erhält das Unternehmen sein Taxi- und Ridehailing-Angebot aber aufrecht und trifft sowohl für Fahrer als auch Fahrgäste notwendige Vorkehrungen, so ein Unternehmenssprecher gegenüber carIT. Darüber hinaus ist Free Now auch mit den Behörden in Kontakt und evaluiert, wie der Anbieter das Gesundheitssystem unterstützen kann. In Spanien wurden beispielsweise extra Taxis für Krankenhäuser abgestellt, die gesondert Medikamente oder medizinisches Personal transportieren. Ähnliches werde auch in Deutschland angestrebt, betont Free Now.

Mietwagengeschäft ist stark rückläufig

Mobilitätsanbieter Sixt erwartet für das Geschäftsjahr 2020 trotz Auswirkungen der Corona-Krise ein gutes Ergebnis, wenn auch sehr stark unter dem Vorjahr. Nach vorläufigen Zahlen stiegen die Konzernerlöse 2019 um 13,3 Prozent auf knapp unter drei Milliarden Euro. Trotz starken Rückgangs im Flughafen-Geschäft verzeichne das Unternehmen auch in der aktuellen Corona-Krise nach wie vor eine steigende Privatkunden-Nachfrage in den Stadtbüros; dies betrifft vor allem Mobilitätslösungen wie flexible Langzeitmiete, Abo-Modelle und Carsharing als Alternative zu Massen-Verkehrsmitteln.

Weltweite Einschränkungen der Mobilität führten seit Anfang März insgesamt jedoch zu einem deutlichem Rückgang der Anmietungen und Reservierungen an den Flughäfen, vor allem bei Touristen und Firmenkunden. Als kurzfristige Maßnahmen setzt der Anbieter daher auf eine deutliche Verkleinerung der Vermietflotte und erhebliche Einsparungen bei Sach- und Personalkosten.

Sixt Mietwagen

Aufgrund zunehmender Reisebeschränkungen nehmen die Mietwagenbuchungen zurzeit deutlich ab. Bild: Sixt

Carsharing-Anbieter halten Angebot aufrecht

Die Pandemie wirkt sich auch massiv auf das Geschäft der Carsharing-Anbieter aus. Eine offizielle Anfrage von carIT ließ der Marktführer Share Now bislang unbeantwortet. Der gemeinsame Carsharing-Dienst von BMW und Daimler gab lediglich in einer Kunden-Mail bekannt, dass an allen deutschen Standorten jedes Fahrzeug nun viermal mehr Desinfektionsbehandlungen erhält als sonst.

Volkswagens elektrifizierter Carsharing-Dienst We Share, der aktuell mit 1.500 Fahrzeugen in Berlin operiert, teilte auf carIT-Anfrage mit, dass der Betrieb mit erhöhten Hygienemaßnahmen aufrecht erhalten wird. „Wie wir erwartet haben, verzeichnen wir in den vergangenen Tagen einen leichten Rückgang bei der Anzahl der täglichen Fahrten. Trotzdem erkennen wir, dass unser Angebot weiterhin stark genutzt wird und viel Nachfrage besteht. Wir schlussfolgern daraus, das Carsharing insbesondere in diesen Zeiten ein wichtiges Angebot im Mobilitätsmix der Stadt ist. Zum jetzigen Zeitpunkt behalten wir unseren Service wie gewohnt bei“, heißt es dazu aus der Presseabteilung des Unternehmens.

Grundsätzlich bestehe für das Unternehmen als Teil der Volkswagen-Gruppe Planungssicherheit. Dennoch geht We Share davon aus, dass bei einer längeren Krise eher weniger Fahrten und damit rückläufige Umsätze bei gleichbleibender Kostenstruktur, beispielsweise durch hohe Parkgebühren, verzeichnet werden. Dies hätte negative wirtschaftlichen Folgen. Wie hoch diese ausfallen, könne die Volkswagen-Tochter derzeit aber noch nicht abschätzen.

Carsharing Berlin Volkswagen

We Share wird seinen Service in Berlin weiterhin anbieten. Im Zuge der Corona-Pandemie wurden die Hygienemaßnahmen jedoch deutlich ausgeweitet. Bild: Volkswagen

Uber und Lyft pausieren in Nordamerika

Auch für die großen Fahrdienstvermittler hat die Corona-Pandemie Konsequenzen: Wie Uber und Lyft jeweils über Twitter mitteilten, stellen beide mit sofortiger Wirkung ihre Pooling-Angebote in Nordamerika ein, um der Ausbreitung des Virus vorzubeugen. Beim Ridepooling teilen sich Nutzer mit ähnlichen Reiserouten für einen Streckenabschnitt ein Fahrzeug. Uber will das Angebot neben den USA und Kanada auch in London und Paris vorübergehend beenden. Berichten zufolge sagte ein Uber-Sprecher, dass das Unternehmen von Fall zu Fall über ähnliche Schritte an anderer Stelle nachdenke. Einzelfahrten über Uber X seien hingegen nicht betroffen, gleichwohl Uber seine Nutzer bittet, nur wirklich notwendige Fahrten zu unternehmen.

In Deutschland blieben die Dienste von Uber unterdessen bestehen, sagte ein Uber-Sprecher gegenüber carIT: „Sicherheit hat für uns höchste Priorität. Wir beobachten die Lage aktiv und treffen Maßnahmen zum Schutz unserer Nutzer“. Hierzulande bietet das US-Unternehmen jedoch keinen Ridepooling-Dienst an, sondern lediglich Privatfahrten mit professionellem Fahrer. Diese würden auf der Uber-Plattform mit verschiedenen Maßnahmen unterstützt: Dazu gehöre ein 24-Stunden-Support, finanzielle Unterstützung selbstständiger Fahrer sowie die Beschaffung zusätzlicher Desinfektionsmittel, heißt es bei Uber Deutschland.

Moia Volkswagen Ridehailing

Moia hat seinen Betrieb in Hamburg und Hannover nun eingestellt. Bild: Moia

Die Volkswagen-Tochter Moia stellt seinen Ridepooling-Dienst indes vorerst nicht ein. Wie es auf der Website des Mobiltätsanbieters heißt, stehe man „in diesen besonderen Zeiten“ weiterhin als „verlässlicher Partner zur Seite“. Aus diesem Grund habe man in Hannover zum Schutz der Fahrer den Beifahrersitz gesperrt und in Hamburg die Zahl der buchbaren Plätze reduziert, heißt es. Wie alle anderen Mobilitätsanbieter betont auch Moia, das bei den Fahrzeugen „höchste Hygienemaßstäbe“ eingehalten und sie täglich mehrfach von Innen gereinigt würden. UPDATE: Mittlerweile hat der Ridepooling-Dienst angekündigt, seine Dienste ab April in Hamburg und Hannover wegen des Coronavirus einzustellen.

Gleiches gilt für Konkurrent Clevershuttle, der sein Ridepooling-Angebot vorübergehend aus dem Programm genommen hat und aktuell nur noch Einzelfahrten anbietet. Kunden der Deutschen-Bahn-Tochter sollen zudem auf Bargeldzahlungen verzichten und nur noch auf der Rückbank Platz nehmen.

Autonome Fahrtests liegen vorerst auf Eis

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, wollen darüber hinaus die Autonomes-Fahren-Spezialisten Waymo, Cruise und Argo sämtliche Fahrzeugtests, die einen sogenannten Backup-Fahrer benötigen, vorerst auf Eis legen. Selbstlenkende Fahrzeuge ohne solch einen Fahrer operierten laut Waymo weiterhin in Phoenix, im US-Bundesstaat Arizona. Tests in Kalifornien pausierten dagegen komplett, so die Google-Schwesterfirma. Die General-Motors-Tochter Cruise Automation wolle dem Bericht zufolge ihre Erprobungsfahrten für die kommenden drei Wochen aussetzen. An den Tests beteiligte Mitarbeiter würden für die Zeit, in der sie in diesen Wochen gearbeitet hätten, vollständig entlohnt, heißt es. Argo, das Autonomes-Fahren-Startup von Ford, hat ebenso angekündigt, seine Testfahrten zu pausieren, obwohl der Coronavirus momentan keinen signifikanten Einfluss auf die Arbeit von Argo habe, so der Bericht.

Lime Scooter Sharing

Die weiß-grünen Scooter des US-Verleihers Lime wurden aufgrund der Corona-Pandemie in Deutschland und anderen europäischen Ländern voerst aus dem Verkehr gezogen. Bild: Lime

E-Scooter-Sharing wird ausgesetzt

Die Anbieter Lime und Bird stellen ihr Sharing-Angebot rund um E-Roller ein. Der US-Vermieter Line pausiert sein Angebot aufgrund der Corona-Krise an fast allen Standorten, darunter auch Deutschland. Lediglich in Australien, Südkorea, Neuseeland und den Vereinigten Arabischen Emiraten können in wenigen Städten noch Roller ausgeliehen werden. „Lime verfolgt die Entwicklungen auf der ganzen Welt weiterhin genau und bleibt in Abstimmung mit den Gesundheits- und Regulierungsbehörden in mehr als 25 Ländern“, heißt es dazu auf der Homepage des Unternehmens. Bird hat diese Woche entschieden, seinen Dienst in 20 europäischen Märkten einzustellen. Wann der Betrieb wieder aufgenommen wird, ist unklar.