Continental forciert On-Street-Parking

Egal ob Robotaxi oder privater Pkw, autonome Fahrzeuge finden in Zukunft sowohl on-street als auch off-street ihren Stellplatz selbstständig. Bild: Continental

| von Fabian Pertschy

„Ich drehe schon seit Stunden, hier so meine Runden, ich finde keinen Parkplatz, ich komm’ zu spät zu dir mein Schatz“, sang Herbert Grönemeyer schon in den 80ern. Hätte der Barde schon damals eine der zahlreichen Parking-Apps genutzt, die momentan den Markt fluten, wäre er wohl rechtzeitig zu seinem Schatz gekommen und seinen Song „Mambo“ hätte es nie gegeben. Laut dem „Mobility Services Report“ (MSR), den das Center of Automotive Management (CAM) in Kooperation mit carIT herausgebracht hat und auf dem diesjährigen Mobility Circle in Hamburg vorstellen wird, sind momentan 101 verschiedene Parkplatzdienste weltweit auf dem Markt – Tendenz steigend. Sie alle sollen eines der drängendsten Probleme der urbanen Mobilität lösen: den Parkplatzsuchverkehr und die mit ihm verbundenen Emissionen.

Zeitfresser Parkplatzsuche

Off-Street-Suchsysteme sind die global weitverbreitetsten Parkplatzdienste.

Deutsche Autofahrer verbringen im Schnitt mehr als 40 Stunden pro Jahr mit der Suche nach einem geeigneten Stellplatz, in einigen Metropolen hierzulande sind es sogar weit über 60 Stunden. Viel Zeit, die die geplagten Pendler eigentlich sinnvoller verbringen könnten. Es ist aber nicht nur Zeit, die verschwendet wird: Einer Inrix-Studie zufolge machen indirekte Kosten für überbezahlte Parkplätze, Strafzettel und CO2 mehr als die Hälfte der Gesamtkosten des Autobesitzes aus. Pro Jahr fallen rund 2000 Euro allein fürs Parken und die Parkplatzsuche an. Mobilitätsanbieter, Autohersteller und Startups versuchen seit Jahren mit smarten Anwendungen des Problems des stundenlangen Stellplatzsuchens Herr zu werden. Wie die Ergebnisse des MSR 2019 zeigen, sind dies vor allem sogenannte Off-Street-Lösungen, also Apps, die in Echtzeit freie Parkplätze in Parkhäusern oder geschlossenen und zumeist kostenpflichtigen Parkbereichen anzeigen. Das ist technologisch deutlich einfacher als Suchsysteme, die „on-street“, also im öffentlich zugänglichen Bereich der Straße freie Stellplätze auskundschaften müssen. Dafür braucht es präzise Sensorik in den Fahrzeugflotten oder zuverlässige intelligente Prognosetools, die Nutzern beispielsweise anzeigen, wie viel Zeit sie voraussichtlich für die Parkplatzsuche benötigen.

Komplexes On-Street-Parking 

Solche Ansätze stecken oft noch in den Kinderschuhen. So hat zumindest BMW im neuen 5er eine Funktion zum On-Street-Parking integriert, die mithilfe historischer und aktueller Daten Rückschlüsse auf freie Parkplätze am Straßenrand zieht und den Fahrer über das Navi-Display informiert. Einen weiteren größeren Vorstoß wagt nun der Zulieferer Continental. Das Unternehmen aus Hannover ist im Bereich Connected Parking seit einigen Jahren durchaus umtriebig: 2017 übernahm Conti das Startup Parkpocket, das sich bei datenbasierten Services für Off-Street-Parking bereits einen Namen gemacht hatte. Auf der diesjährigen IAA in Frankfurt zeigte der Zulieferer zusammen mit Hewlett Packard Enterprise eine Datenhandelsplattform auf Blockchain-Basis, die unter anderem auf den Use Case On-Street-Parking ausgelegt ist. Beim sogenannten Earn-as-you-ride-Programm können Nutzer über die Fahrzeugsensorik Daten über freie Parkplätze an den Autohersteller senden, der diese wiederum an Parkdienstleister weitergibt. Am Ende der Fahrt erhält der Fahrer die Nachricht, dass er für das Freigeben und Teilen seiner Daten ein Guthaben in einer virtuellen Geldbörse erhalten hat. Das Blockchain-Projekt soll dabei auch auf andere Anwendungsszenarien neuer Mobilität ausgelegt sein.

Bei seiner Connected-Parking-Offensive will Conti in einem nächsten Schritt eine ganze Reihe an neuen Parkplatzdiensten auf den Markt bringen, darunter eine Parklösung im freien Straßenverkehr. „Aus meiner Sicht ist die größte Herausforderung beim On-Street-Parking der Zugang zu einer Vielzahl an relevanten und zuverlässigen Datenquellen sowie die intelligente Kombination der Daten“, erläutert Stefan Bader, der bei Conti das Thema Connected Parking leitet und Mitgründer des Startups Parkpocket ist. „Viele vorhandene Lösungen setzen auf einen manuellen, wenig skalierbaren Ansatz.“ Continentals Angebot dagegen solle eine für Kunden im Automotive-Umfeld relevante globale Abdeckung erreichen. Der Parkdienst, der noch Ende 2019 auf den Markt kommen wird, umfasst alle statischen Informationen sowie Ausparkvorgänge in Echtzeit und eine Belegungsvorhersage der Parkplätze entlang der Straße. Datensammler sind die Sensoren, die in einem vernetzten Fahrzeug verbaut sind.

Die Entwickler bei Continental setzen auf ein dreischichtiges Softwaremodell mit den Layern Map, Event und Prediction: Der Map-Layer teilt alle Seiten eines Straßenzuges in Parkmöglichkeiten und Parkverbotszonen ein, die mit Eigenschaften wie Höchstparkdauer oder Preisen angereichert werden. „Wir verlassen uns nicht auf Prognosemodelle, sondern wissen im Idealfall bis auf einen Meter genau, wo und unter welchen Bedingungen geparkt werden darf und wo nicht“, betont Stefan Bader. In der Schicht Event werden Sensordaten von Fahrzeugen, Smartphones oder der Infrastruktur über frei gewordene Parkplätze in Echtzeit verarbeitet, mit dem Basislayer Map abgeglichen und validiert. Conti verfüge bereits über Fahrzeugdaten von OEM-Flotten im zweistelligen Millionenbereich, versichert der Fachbereichsleiter. In der letzten Schicht kommt dann doch ein Prognosemodell zum Einsatz: Der Prediction-Layer soll eine Vorhersage freier Parkflächen auf Basis historischer und Echtzeitdaten unter anderem mithilfe künstlicher Intelligenz erlauben. Die gesammelten Fahrzeugdaten selbst werden via Internetverbindung in das Conti-Backend übertragen und dort weiterverarbeitet. Das gilt indes nicht für Daten, die beispielsweise von Ultraschallsensoren aufgenommen werden – diese werden bereits im Fahrzeug prozessiert, um die Übertragung hoher Datenmengen zu vermeiden.

Autonomes Parken, das „Next Big Thing“

Bosch und Daimler erproben in Stuttgart bereits autonomes Parken in einem Parkhaus. Bild: Bosch

Mit diesem mehrstufigen Verfahren der Datenaufbereitung will Conti nicht nur einen hochpräzisen Parkdienst, sondern auch die Grundlage für den nächsten technologischen Schritt schaffen: das vollautomatisierte Parken. Bislang beschränkte sich autonomes Parken auf den Off-Street-Sektor. Bosch und Daimler haben im Sommer die Erlaubnis erhalten, im Parkhaus des Stuttgarter Mercedes-Benz-Museums fahrerloses Parken auf Level 4 in den Alltagsbetrieb zu schicken. Fahrer können am Eingang des Parkhauses ihre Autos verlassen und sie per Smartphone-Befehl zum zugewiesenen Stellplatz fahren lassen. Bosch-Sensoren im Parkhaus überwachen den Fahrkorridor sowie das Umfeld und liefern die Informationen zur Steuerung des Fahrzeugs. Einen ähnlichenAnsatz verfolgen auch Volkswagen, Audi und Porsche am Hamburger Flughafen. 

Continental will nun mithilfe der datenbasierten Parkkarte die technologische Basis für autonomes Parken auch auf offener Straße schaffen. „Aus Sicht des Kunden hat das Thema sicher einen großen Nutzen“, ist Stefan Bader überzeugt. „Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie nur noch aus dem Auto vor Ihrem Ziel aussteigen müssen und das Auto selber den Parkplatz findet und einparkt. Das wäre doch in der Tat eine große Erleichterung.“ Freilich weiß der Parkexperte, dass zwar Vorstufen entsprechender Technologien bereits heute möglich sind, es jedoch wie immer an den gesetzlichen Regelungen hapert. „Dass autonomes Parken jenseits abgegrenzter Parkbereiche kommen wird, steht außer Frage.“ Damit würde auch Herbert Grönemeyer gänzlich ohne Herzpochen und klitschnass-geschwitzten Klamotten zu seinem Schatz gelangen.