Ralf-Peter Schäfer, Leiter der Business Unit Traffic & Travel Information bei TomTom

Im Interview mit carIT spricht TomTom-Experte Ralf-Peter Schäfer über die Potentiale von Floating Car Data für das Verkehrsmanagement. Bild: TomTom

| von Michael Vogel

Herr Schäfer, inwiefern nutzen Kommunen heute bereits FCD?

Wir sehen den Trend, dass Städte, Gemeinden und Autobahnbetreiber FCD einsetzen. Allerdings oft als Zweitquelle, da immer noch sehr stark in die Infrastruktur investiert und diese auch gewartet wird.

Was melden Ihnen die Verantwortlichen in der öffentlichen Verwaltung zurück, warum sie zögern?

Man hat eben jahrelang in Infrastruktur investiert. Das gesamte Ökosystem beruht darauf, dass man Induktionsschleifen hat, dass man Reisezeiten modellieren muss und dass die Kommunikation über Ampeln und digitale Anzeigetafeln erfolgt. Dabei hat sich die Navigation als alternative Form der Kommunikation mit den Fahrern in den vergangenen Jahren sehr stark verbreitet, dank Konnektivität über Smartphones, portable Navis, Einbaugeräte und Flottenmanagementsysteme. TomTom kann inzwischen 15 bis 20 Prozent der Fahrzeuge anonymisiert beobachten, sie aufgrund der Verkehrslage auf Ausweichrouten umleiten, Nachfrage modellieren, aber auch Staus, Engpässe und Ampelphasen ablesen. Die Navigation liefert also einen Baustein für das Verkehrsmanagement von morgen.

Also sollten sich Städte von Infrastrukturdaten verabschieden?

Schrittweise. Wobei man die Infrastruktur nicht abschalten muss. Man kann ein System aufbauen, das kollaborativ wirkt. Man nimmt die Infrastrukturdaten zusammen mit der Navigation und den aus der Navigation generierten FCD-Daten, um das Gesamtsystem zu verbessern und zu erweitern.

Uns sagte der Verantwortliche einer Autobahn-Verkehrsleitzentrale eines Bundeslandes: Wir nehmen unsere Daten, da wissen wir, wie sie zustande kommen.

Das ist eine Meinung, die man immer wieder hört. Ich glaube, dahinter steckt die Frage der Abhängigkeit und des Geschäftsmodells. Aber diese Argumente greifen heute nicht mehr. Es gibt inzwischen ausreichend Wettbewerb bei der Bereitstellung von FCD, den man bei Ausschreibungen ausnutzen kann. So kommt man zu einem guten Produkt, ohne von einem einzelnen Anbieter abhängig zu werden.

Wo liegen die Unterschiede zwischen einem Fokus auf FCD und einem Fokus auf Infrastrukturdaten?

Das System, das wir und andere anbieten, kommt völlig ohne Infrastruktur aus, um Verkehr zu messen, Reisezeiten zu ermitteln oder Prognosen zu betreiben. Wir können das für Einzelfahrten, aber auch für komplette Netzwerkzustände prognostizieren. Daten aus der Infrastruktur werden also zunehmend redundant, haben aber noch den Vorteil, dass man mit ihnen Fahrzeugvolumina messen kann, etwa komplette Verkehrsflüsse auf den Autobahnen. Dieser Vorteil wird durch die weitere Durchdringung mit vernetzten Fahrzeugen aber immer geringer. Teils ist er schon obsolet.

Jedes fabrikneue Fahrzeug hat inzwischen eine Konnektivität an Bord oder bekommt sie durch Nachrüstlösungen. Man muss also die bestehende Infrastruktur nicht mehr erweitern. Wenn Schleifen ausfallen, muss man sie nicht mehr unbedingt instand setzen. Über die Navigationssysteme kann ich aber nicht nur messen, sondern auch flexible Angebote kommunizieren, das geht über die Infrastruktur nur mit großem Aufwand. Ich kann also den Verkehr optimieren, indem ich die Nachfrage und Straßennetzauslastung intermodal steuere: zum Beispiel durch die vorübergehende Ausweisung einer zusätzlichen Radspur in einer Großstadt, durch nachfrageorientierte Mautgebühren, höhere Parkplatzgebühren oder durch günstigere Preise im Nahverkehr.

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