| von Hilmar Dunker

Michael Dick, bei der Audi AG in Ingolstadt Vorstand für den Geschäftsbereich Technische Entwicklung, über vernetzte Fahrzeuge, Kooperationen mit der Elektronikindustrie und neue Geschäftsmodelle für Automobilhersteller.

carIT: Herr Dick, Audi hat sich dieses Jahr als erster Premiumhersteller auf der Elektronikfachmesse CES in Las Vegas präsentiert und dort ein klares Bekenntnis zum vernetzten Automobil der Zukunft abgegeben. Was kommt damit auf Sie und Ihre Kollegen in der Technischen Entwicklung zu?

Michael Dick: Aus der stetigen Zunahme von Informationstechnologie im Fahrzeug und dem Zusammenwachsen von Internet und Automobil leitet sich für uns ein vielfältiges Aufgabenspektrum ab. Zentrale Schnittstelle wird bei Audi das Multi Media Interface MMI bleiben. Es kombiniert schon heute die Bedienung aller Infotainment-Komponenten vorbildlich in einem zentralen Anzeige- und Bediensystem und wird von uns für zukünftige Fahrzeuggenera­tionen intensiv weiterentwickelt. Den hohen Vernetzungsgrad über ein integriertes UMTS-Modul und einen WLAN-Hotspot, den wir heute ja schon im A8, A7 und A6 anbieten, wollen wir im Rahmen einer Top-down-Strategie konsequent in die unteren Fahrzeugreihen bringen. Nehmen Sie den A1: Er verfügt als Kompaktwagen über viele Features, wie wir sie aus der Oberklasse kennen.

carIT: Also bleibt alles beim Alten? Technische Innovationen werden ihre Premiere auch künftig in den exklusiven Topmodellen feiern?

Michael Dick: Das trifft nicht mehr auf alle Innovationen zu. Die neue Generation unseres Touchpads etwa werden wir erst­mals im A3-Nachfolger anbieten. Wir müssen immer zusehen, dass wir serienreife neue Technologien mit un­serer Modell- und Produktionsplanung in Einklang bringen. Beispielsweise wird der neuen TT-Generation eine wichtige Rolle als Technologieträger zukommen – und uns einen Ausblick geben auf das Cockpit der Zukunft. Gerade in kleineren Serien können wir ein Fenster in die neue vernetzte Welt öffnen und wichtige Erfahrungen für unsere Volumenmodelle wie den A3 und A4 sammeln.

carIT: Skizzieren Sie für uns doch bitte einmal die große Stoßrichtung der Car-IT bei Audi …

Michael Dick: Software und Informationstechnologie sind für Audi markenprägend. Uns ist wichtig, dass jeder Audi umfas­send mit seiner Umwelt vernetzt ist. Nicht nur mit dem Internet, sondern auch mit anderen Fahrzeugen, Park­häusern und Infrastrukturkomponenten entlang der Straße, beispielsweise Ampeln. Im Projekt Travolution hier in Ingolstadt zeigen wir ja schon, welche Vorteile es bringt, wenn Autos mit Ampeln, Parkhäusern oder Tankstel­len kommunizieren können. Die Vernetzung macht den Straßenverkehr sicherer, aber auch flüssiger und senkt damit die CO2-Emissionen. Ich bin davon überzeugt, dass viele Autofahrer solche qualitativ hochwertigen Ver­kehrsinformationen unterwegs als Mehrwert empfinden, weil sie auch den Spaß am Fahren steigern können.

carIT: Damit Informationstechnologie und Automobil sinnvoll zusammenwachsen, müssen Sie doch bestimmt noch einiges tun?

Michael Dick: Natürlich. Eine grundlegende Herausforderung ist, die dynamischen Upgradephasen der Softwarebranche in Einklang mit den längeren Hardwarezyklen unserer Fahrzeuge zu bringen. Deshalb verfolgen wir den Ansatz, die Hardware so zu verbauen, dass wir die Softwarestände jederzeit aktualisieren können. So halten wir die Fahrzeuge, die viele Jahre lang auf unseren Straßen unterwegs sind, mit einem stets aktuellen Funktionsumfang immer auf der Höhe der Zeit. Ein derart vernetzter Audi behält auch als Gebrauchtwagen seine Attraktivität. Sie sehen: Software als Produkt wird immer wichtiger für uns.

carIT: Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben?

Michael Dick: Neben Design und Antriebstechnologie entwickelt sich Software bei Audi mehr und mehr zu einer Kernkompe­tenz. Im Bereich der Steuerung und Regelung unserer Fahrdynamiksysteme etwa setzen wir zwar auf Standard­software auf, entwickeln die für einen Audi typischen Leistungsmerkmale aber zu 100 Prozent selbst.

carIT: Aber die vielfältigen Aufgaben, die die vernetzte Mobilität der Zukunft mit sich bringt, können Sie allein doch kaum lösen …

Michael Dick: Das wollen wir auch nicht im Alleingang lösen. Audi ist Kooperationen gegenüber aufgeschlossen. Wir sind durchaus bereit, eng mit entsprechenden Knowhow-Trägern zusammenzuarbeiten. In der strategischen Aus­richtung von Audi haben solche Partnerschaften längst hohe Priorität. Das beste Beispiel, wie wir uns den Her­ausforderungen der Informationstechnologie im Automobil über Kooperationen stellen, ist unser Joint Venture E.solutions GmbH, das wir im Jahr 2009 mit Elektrobit Automotive Software gegründet haben. Ziel ist es nicht nur, bei der Informationstechnologie auf der Höhe der Zeit zu bleiben, sondern auch die Entwicklung der In­formationstechnologie für das Automobil aktiv voranzutreiben. Wir richten uns nicht nur als Kunde daran aus, was der Markt der Zulieferer uns bietet, sondern wir setzen mit Unterstützung von E.solutions eigene Akzente. In dieser eigenen Entwicklung markenprägender Softwarepakete sehen wir einen Wettbewerbsvorteil für Audi, auch durch den Knowhow-Schutz, den wir dadurch haben. Auch unser Flottenversuch mit dem A1 e-tron, den wir im Sommer 2011 starten, ist ein gutes Beispiel für eine weitgehende Zusammenarbeit. Dort sind der Ener­gieversorger E.ON, die Stadtwerke München und die Technische Universität München beteiligt.

carIT: Stichwort A1 e-tron: Bei der Wankel-Technologie, die Sie in diesem Fahrzeug einsetzen wollen, um die Reichweite zu erhöhen, scheiden sich offenbar die Entwicklungsgeister im Volkswagen-Konzern. Wie groß ist die Aufregung wirklich?

Michael Dick: Ganz grundsätzlich ist es immer aufregend, etwas Neues wie einen Wankel-Range-Extender zu machen. Wir gehen aber im Konzern offen mit dem Thema um. Schließlich haben wir alle das Ziel, Synergieeffekte mitzu­nehmen und die Vorteile des Konzernverbundes zu nutzen. Weiterentwicklungen kann man grundsätzlich nur dann erfolgreich betreiben, wenn man auch mal etwas völlig Neues versucht. Wir werden unser Pilotprojekt mit dem A1 e-tron dieses Jahr auf jeden Fall durchziehen und im Frühsommer mit einer Testflotte in München starten. Die Ergebnisse und Erfahrungen aus diesem Feldversuch tragen dann zu der Entscheidung bei, ob wir dieses Fahrzeug in Serie fertigen werden.

carIT: Wann rechnen Sie mit einem Beschluss?

Michael Dick: Nicht vor Mitte dieses Jahres. Aber ich bin zuversichtlich, denn das Konzept des A1 e-tron passt gut zu Audi und unserer Philosophie des Vorsprungs durch Technik.

carIT: Welchen Stellenwert räumt Audi der Elektromobilität denn generell ein?

Michael Dick: Wir stehen in unserer Branche vor einem nachhaltigen Technologiewechsel, und die Elektromobilität wird sich durchsetzen, davon bin ich überzeugt. Aber das wird noch einige Zeit dauern. Benzin- und Dieselmotoren wer­den uns weiterhin begleiten und bis auf weiteres an erster Stelle stehen – nicht nur bei Audi. Allerdings werden wir eine fortschreitende Kombination von Verbrennungsmotoren mit Elektrotechnik in Hybridantrieben unter­schiedlicher Prägung sehen. Beispielsweise legen wir die nächste Generation unseres modularen Längsbaukas­tens MLB dahingehend aus, dass wir herkömmliche Antriebe und auch den Plug-in-Hybrid mit einer Reichweite von bis zu 50 Kilometern rein elektrisch einsetzen können. Das wird dann unter anderem den Nachfolgern des A4 oder des Q7 zugutekommen. Bereits in diesem Jahr werden der Q5 und A6 als Full Hybrid mit einer elek­trischen Reichweite von bis zu drei Kilometern auf den Markt kommen, dicht gefolgt vom A8 Hybrid. Und Ende 2012 bringen wir dann mit dem Audi e-tron auf Basis des R8 den ersten rein elektrischen Audi in einer Kleinserie auf den Markt.

carIT: Lassen Sie uns noch einmal auf die Zusammenarbeit mit der Elektronikbranche zurückkommen. Welchen Einfluss werden die zu integrierenden Endgeräte auf die Innenraumgestaltung haben?

Michael Dick: Durch die Vernetzung des Automobils und den Einzug von Informationstechnologie werden sich in den nächs­ten zehn Jahren die Fahrzeugarchitekturen und die Innenraumgestaltung stark verändern. Bei allen Bestre­bungen, diese neuen technischen Möglichkeiten schnell in unsere Fahrzeuge zu integrieren, achten wir streng darauf, dass ein Audi immer ein Audi bleibt. Heißt konkret: Wir werden auf jeden Fall die Hoheit über die Gestaltung unserer Innenräume behalten. Zum Beispiel werden Sie in der Formensprache des Armaturenbretts weiterhin unsere erfolgreichen Leichtbauprinzipien dokumentiert sehen und die für Audi typische Liebe zum Detail finden. Wir werden die uns zur Verfügung stehenden Bauräume in Zukunft sicher anders nutzen, aber immer wird Technik auf Eleganz treffen. Und wir wollen dem Fahrer nicht nur die größtmögliche Unterstützung bieten. Es ist auch ein wesentliches Element unserer Bedienphilosophie, dass wir die Ablenkung des Fahrers mi­nimal halten wollen. Dieser Aufgabe widmen wir im Interesse der Fahrsicherheit bei unseren Bedienkonzepten viel Aufmerksamkeit.

carIT: Auch dafür hätten wir gern ein konkretes Beispiel …

Michael Dick: Wir nutzen in unseren Serienautos zunehmend die Daten aus dem Navigationssystem, um andere Komponenten im Fahrzeug zu steuern. Mittels prädiktiver Streckendaten können wir etwa die Lichtverteilung optimal an die Straßen- und Geschwindigkeitsverhältnisse anpassen. Das Allwetterlicht, das den Nebelscheinwerfer ersetzt, reduziert die Eigenblendung bei Nebel oder starkem Regen durch eine breitere Streuung des Lichts. Auch bei Beschleunigungs- und Bremsvorgängen passt sich der Lichtkegel der entsprechenden Karosserieneigung an, indem die Module abgesenkt beziehungsweise angehoben werden.

carIT: Bereiten Ihnen die unterschiedlichen Produktlebenszyklen von Gebrauchselektronik und Automobil kein Kopfzerbrechen?

Michael Dick: Nein, wir arbeiten ja schon in der Elektronikentwicklung sehr erfolgreich mit Unternehmen zusammen, die nicht in der Automobilindustrie zuhause sind. Die Nvidia Corporation aus USA zum Beispiel liefert die Pro­zessoren für unsere MMI-Systeme. Natürlich sind die Entwicklungszyklen in unseren beiden Branchen höchst unterschiedlich, ebenso die Ansprüche an die Langlebigkeit. Unsere Kunden wollen ihr Fahrzeug natürlich sehr viel länger als ein Elektronikprodukt oder einen Computer nutzen. Umso wichtiger ist es, die richtigen Produkt­partner auszuwählen und perfekt in eine stimmige Gesamtarchitektur einzubinden. Wenn beides passt, gibt es keine Probleme bei Qualität, Zuverlässigkeit und Wertstabilität. Abhängig von der Fahrzeugklasse könnten auch Geräte wie zum Beispiel ein iPhone als Schnittstelle im Fahrzeug eine Rolle spielen, dann allerdings integriert in unsere Bedienphilosophie, welche die Ablenkung des Fahrers auf ein Minimum reduziert. Selbst den Business Case für einen eigenen App Store mit speziellen Applikationen für unsere Autos haben wir bereits diskutiert. Das Thema steckt aber noch in den Kinderschuhen.

carIT: Heißt das, Audi denkt über zusätzliche Geschäftsmodelle nach? Und wenn ja, könnten Sie uns skizzieren, wie diese aussehen könnten?

Michael Dick: In Zukunft werden wir unser Geld sicher nicht allein mit dem Verkauf von Fahrzeugen verdienen. Wir brauchen durchgängige Mobilitäts- und Serviceangebote, die wir gemeinsam mit unserer Händlerorganisation entwickeln wollen. Parkplatzfinder, einfache Abrechnungsverfahren über Tankstellen, eine intelligente Motorsteuerung, die in Einklang mit den Ampelphasen auf der Fahrstrecke steht – das sind faszinierende Aufgaben, die vor uns liegen. Ich bin jetzt seit mehr als 30 Jahren in der Automobilbranche tätig, aber so spannend wie heute war es tatsächlich selten.

Das Gespräch führten: Ralf Bretting und Hilmar Dunker

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