| von Hilmar Dunker

BMW hat sich das Thema Mobilität und das damit verbundene Erlebnis immer schon groß auf die Fahne geschrieben. Für uns ist Mobilität definitiv mehr als die reine Transportleistung. Die BMW-typische Freude am Fahren drückt das ja perfekt aus. Wir beobachten die globalen Veränderungen im Mobilitätsbedürfnis der Menschen sehr genau und bieten daher neben Premiumprodukten auch Mobilitätsdienstleistungen an, damit wir uns auch in Zukunft komfortabel und sicher fortbewegen können. Die IT wird dabei eine wichtige Rolle spielen, das steht außer Frage. Das gilt ebenso für das Thema Sicherheit wie auch für den Bereich Komfort und Entertainment.

 _Können Sie uns dafür ein Beispiel geben?

Wir müssen künftig die verschiedensten Mobilitätsformen vernetzen. Dazu zähle ich das Auto, den öffentlichen Nahverkehr, das Flugzeug, die Bahn und alle weiteren Formen von individueller und öffentlicher Mobilität. Um den reibungslosen Übergang zwischen den Verkehrsträgern und eine umweltverträgliche Abwicklung des Verkehrs zu ermöglichen, sind wir künftig auf Konnektivität angewiesen.

_Zwei Milliarden Menschen auf der Welt sind bereits vernetzt. Die Spieleindustrie hat das längst erkannt. Hat die Automobilindustrie geschlafen?

Das ist überspitzt formuliert. Die Spieleindustrie agiert in einem geschützten Umfeld. Die Automobilindustrie muss die Konnektivität erst einmal erforschen und so entwickeln, dass sie höchsten Sicherheitsanforderungen entspricht. Die Automobilhersteller müssen schließlich die Funktion zu jedem Zeitpunkt gewährleisten. Wir führen neue Systeme erst dann ein, wenn sie einen Mehrwert für den Kunden bieten und über die notwendige technische Reife verfügen.

_Ohne Konnektivität können wir vermutlich auch Elektrofahrzeuge nicht effektiv bewegen. Brauchen wir neben dem Leitmarkt für Elektrofahrzeuge nicht auch einen Leitmarkt für Konnektivität in Deutschland?

Wir haben im Rahmen der Nationalen Plattform Elektromobilität diverse Themen diskutiert, unter anderem auch, wie wir das Fahrzeug mit der Infrastruktur verbinden. Meiner Auffassung nach ist die Konnektivität dort schon sehr klar adressiert. Automobilhersteller, Energieerzeuger, Infrastrukturbetreiber und die Politik arbeiten diesbezüglich eng zusammen.

_Ein wichtiger Aspekt für die Mobilität von morgen ist die Bereitstellung von Echtzeitdaten – zum Beispiel für zeitnahe Stau- und Gefahrenwarnungen. Welche Bedeutung kommt dem Thema bei BMW zu?

Das ist für die BMW Group ein langfristiges Thema mit großem Potenzial. Die ersten Schritte sind gemacht: Wir bieten seit Herbst vergangenen Jahres Real Time Traffic Information in unseren Modellen an. Mit Hilfe von Echtzeitdaten für die Navigation können wir „vorausschauen“. Wir sehen alles, was sich in einem Bereich von drei bis sechs Minuten vor dem Fahrzeug abspielt. Das ist ein echter Komfort- und Sicherheitsgewinn für die BMW-Kunden.

_Unterhalb dieser Drei-Minuten-Grenze sind Sie noch „blind“?

Mit dem heutigen Stand der Technologien sind wir schon sehr weit. Aber es gibt mit Sicherheit noch Potenzial. Das hängt mit Servertechnologien im Backend und dem eigentlichen Datentransfer zusammen. Wir haben bereits Ideen, wie wir in absehbarer Zeit diese Lücke schließen können.

_Lassen Sie uns doch mal daran teilhaben.

Die Car-to-Car-Kommunikation wird ein entscheidender Faktor dabei sein. Sie können zum Beispiel aus der Geschwindigkeit oder dem Regeleingriff des ABS der vorausfahrenden Fahrzeuge wertvolle Rückschlüsse ziehen. Für die Realisierung ist allerdings auch das Zusammenwirken mehrerer Fahrzeughersteller sowie gegebenenfalls der Infrastrukturbetreiber notwendig, um die nötigen Penetrationsraten an Fahrzeugen zu erhalten, die für eine sinnvolle Car-to-Car-Kommunikation notwendig sind. Mit jedem Fahrzeug, das unterwegs ist, erhöht sich die Qualität.

_Sie engagieren sich beim nationalen SimTD-Projekt und sind auch beim internationalen „Car 2 Car Communication Consortium“ beteiligt. Dieses von mehreren europäischen Automobilherstellern im Jahre 2003 gegründete Konsortium forscht an einer länderübergreifenden Vernetzung von Fahrzeugen und Infrastruktur – über einen einheitlichen Standard. Wann wird es diesen Standard Ihrer Auffassung nach wohl geben?

Wie bei jedem Projekt, gibt es auch bei diesem europäischen Konsortium Hürden zu überwinden. Dennoch ist da Dynamik drin. Ich würde sagen, wir sind auf einem guten Weg.

_Was ist der bremsende Faktor – die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen?

Wir sind nicht so sehr auf Infrastrukturmaßnahmen oder direkte Unterstützung aus der Politik angewiesen, wichtiger ist die Zusammenarbeit der Hersteller. Das macht es eher leichter. Wir begrüßen, dass die Automobilhersteller durch einheitliche Schnittstellen und Techniken den Standard gemeinsam umsetzen wollen.

_Kommen wir zu einem anderen Bereich: Künftige Generationen wollen sich vermutlich ihre Musik ins Auto streamen oder dort Filme anschauen. Ist ein BMW-Shop im Stile von iTunes denkbar?

Darüber denken wir nicht nur sehr intensiv nach, sondern bieten gerade beim Musikstreaming auch schon Lösungen an. Was den Shop angeht, kann ich mir das gut vorstellen. Wir müssen nur die eigene Rolle definieren. Sind wir Mittler oder Anbieter? Wir wollen dem BMW-Kunden auch weiterhin  maßgeschneiderte Services anbieten.

_Sie kooperieren in den USA mit dem Internet-Radio-Service Pandora. Wann kann man in Europa mit einer solchen Lösung rechnen?

Wir wollen das demnächst anbieten, müssen aber noch einige Eckpunkte wie die Urheberrechte prüfen. Wir sind diesbezüglich mit geeigneten Partnern im Gespräch. Diese Innovationen verlangen allerdings auch nach einem geeigneten Datentransfer ins Fahrzeug.

_Ohne LTE-Technologie ist das nur schwer vorstellbar.

Da haben Sie Recht. LTE überzeugt mit schnellen Datenübertragungsraten im Bereich von 100 Mbit pro Sekunde. Mit UMTS können Sie gerade mal 14,4 Mbit pro Sekunde realisieren. LTE ermöglicht somit einen viel schnelleren Zugriff auf das Internet und dessen Inhalte. Wir beherrschen LTE und werden mit dem neuen Mobilfunkstandard ab 2014 den technischen Vorsprung der BMW Group weiter ausbauen. Das ist unser Ziel und Anspruch.

_Welchen Anspruch haben Sie in Sachen Apps? Schließlich ist das ein Hype-Thema. Anders gefragt: Was können die Kunden 2012 erwarten?

Wir bieten derzeit schon eine Fülle von Applikationen. Nehmen wir nur einmal den Social-Media-Bereich mit Twitter und Facebook. Der nächste Schritt sind Office-Anwendungen. Hinzu kommt der Komplex rund um das Thema Mail. Die Frage ist doch: Wie gehen wir damit im Auto um? Wir werden noch in diesem Jahr eine Fülle innovativer Lösungen dazu anbieten. Lassen Sie sich überraschen.

_Es gibt die Funktion für persönliche Einstellungen in BMW-Modellen, deren Bookmarks bereits aus der Cloud gespeist werden. Sie wollen die Assistenzsysteme über den Fahrzeugzyklus aktuell halten und Sie möchten die Verkehrsschilderkennung künftig aus dem Backend steuern. Setzt die BMW Group dabei konsequent auf eine eigene Cloud?

An dieser Stelle möchte ich gerne unterscheiden. Musik, Filme, Kontaktdaten können wir aus einer Cloud beziehen, die gerne ein Dienstleister für uns betreiben kann. Da sind wir sehr offen. Beim Thema Sicherheit sehe ich das nicht. Wir werden auch in Zukunft vitale Sicherheitsfunktionen onboard haben und nicht aus der Cloud beziehen. Wir wollen nicht, dass man über Softwarearchitekturen auf Aktuatoren zugreifen kann. Sicherheitssysteme können nicht aus der Cloud kommen; dieser Kreis bleibt definitiv geschlossen.

_Apropos Sicherheit: Seit 2003 können BMW-Kunden ein Head-up-Display ordern. Wann kommt ein System, das die Umgebung in die Darstellung mit einbezieht? Also beispielsweise den Navigationspfeil in die reale Straßenführung?

Das befindet sich als kontaktanaloges Head-up-Display im Forschungsstadium. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Aber es wird kommen.

_BMW bietet den personalisierten Schlüssel. Ist das nicht ein wenig antiquiert? Viele Funktionen kann man doch auch mit einem Smartphone steuern. 

Diese Diskussion haben wir auch geführt. Doch der Schlüssel ist sehr valide und wird sich noch verändern.

_Wie wird das aussehen?

Vielleicht kann ich mit einem Schlüssel meine beiden BMWs bedienen.

_Kann der Schlüssel auch den Befehl zum selbstständigen Ausparken geben?

Das könnte er und das Projekt läuft bei uns in der Forschung. Doch bis zu einer möglichen Serieneinführung gibt es noch viele Punkte, die wir mit offiziellen Stellen klären müssen, schließlich betreten wir damit das Gebiet des autonomen Fahrens. Wir werden aber in naher Zukunft das teilautonome Fahren anbieten.

_Das wird sicher auch notwendig werden, denn neue Technologien wie Internet und Mail, die jetzt verstärkt im Auto Einzug halten, fördern das Risiko der Ablenkung. Wie wollen Sie das vermeiden?

Wir haben 2001 das innovative Bediensystem iDrive in Serie gebracht und sind dafür teilweise kritisiert worden. Heute sind die Kritiker verstummt und fast alle Wettbewerber haben iDrive adaptiert. Sie können mir vertrauen, wir werden mit einer innovativen Schriftzeichenerkennung, intelligenter Gestikerkennung und einer modernen Sprachführung wieder Maßstäbe setzen.

_Zum Abschluss: Mit DriveNow mischt BMW auf dem Carsharing-Markt mit. Woher kommt die plötzliche Euphorie der Automobilindustrie? Carsharing ist nicht neu und fand bis dato wenig Beachtung.

Damit sind wir wieder bei der anfänglichen Fragestellung. Was kann die IT zum Mobilitätserlebnis beitragen? In diesem Fall fördert die Technologie das Geschäftsmodell, weil sie zur Vereinfachung beiträgt. Sie buchen das Auto via Smartphone, halten den Chip an die Scheibe und sind startklar. Ohne IT würde das nicht gehen. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Es gibt viele junge Menschen, die auf ein eigenes Auto verzichten, aber dennoch individuelle Mobilität schätzen. Diese Kunden wollen wir künftig erreichen.

 Das Interview führte Hilmar Dunker
Foto: Klaus Dick

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