| von Hilmar Dunker

Ulrich Hackenberg, Mitglied des Markenvorstands Volkswagen für den Geschäftsbereich Entwicklung, über den neuen Modularen Infotainment-Baukasten, die Technologie des Golf VII und die Wünsche der Autofahrer von morgen.

Mit dem MIB stellt sich der Volkswagen-Konzern den Infotainment-Herausforderungen von morgen. Der modulare Aufbau ermöglicht den Einsatz vielfältigster Infotainment-Funktionen über ein breites Spektrum an Fahrzeugklassen hinweg. Durch die markenübergreifend verteilte Entwicklung werden dabei die konzernweiten Synergiemöglichkeiten optimal ausgeschöpft und eine schnelle Reaktionszeit auf die sich ständig ändernden Marktanforderungen ermöglicht.

 _Können Sie uns die Technologie hinter dem MIB mal etwas näher erläutern?

Der Zentralrechner der Topnavigation setzt sich aus zwei Einheiten zusammen. Das hochleistungsfähige Modul integriert neben dem Arbeits- und Flashspeicher den neuesten Tegra-Prozessor. Mit dieser Ausstattung sind sämtliche Sprachsteuerungs-, Online-, Media-, Navigations- und Telefonfunktionen umsetzbar. Das neue modulare Layout ermöglicht eine einfache Aktualisierung der Hardware. Dadurch kann das System immer auf der Höhe der Zeit gehalten werden.

 _Trotz aller Modularität im Hintergrund unterscheidet sich das Bedienkonzept des neuen Audi A3 mit seinem Dreh-/Drücksteller von dem des künftigen Golf VII, der weiterhin auf Touchscreen-Technologie setzt. Welche Marke ist in Sachen ergonomischer Bedienung nun auf dem Holzweg?

Die Art und Weise der Bedienung hat bei den einzelnen Marken eine lange Tradition. Eine eindeutige, wissenschaftlich begründete Aussage, welches Bedienkonzept generell das bessere ist, gibt es aus meiner Sicht nicht. Hier kommt es im Detail immer auf die einzelnen Kriterien und die Gewohnheiten der Kunden an. Beide Wege – die indirekte Bedienung bei Audi und die direkte Interaktion auf dem Touchscreen bei Volkswagen – haben unterschiedliche Stärken.

 _Welche sind das?

Touch-Interaktion ist eine etablierte Form der Bedienung, die vor allem durch die einfache Erlernbarkeit und die direkte, unmittelbare Interaktion mit den dargestellten Elementen besticht. Darüber hinaus ist der Kunde beispielsweise durch den Umgang mit Smartphones die Touch-Bedienung aus anderen Bereichen gewohnt. Wir bei Volkswagen setzen klar auf Touch als segmentübergreifendes, markenprägendes Element für die Bedienung von Informations- und Kommunikationssystemen in unseren Fahrzeugen.

 _Welche Bedeutung messen Sie Text-to-speech, Bedienung durch Gestik sowie Augmented Reality bei?

Die Auswertung verschiedener Ein- und Ausgabekanäle – wie beispielsweise Sprache, Touch und Gestik für die Interaktion mit den technischen Geräten in einem automobilen Umfeld – ist ein Schlüsselfaktor für sichere und zugleich intuitive Anzeige- und Bedienkonzepte. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auf die zwischenmenschliche Kommunikation verweisen. Gerade die parallele Verfügbarkeit mehrerer Kommunikationskanäle – man spricht etwas und unterstützt das Gesagte durch entsprechende Gesten – macht den Informationsaustausch zwischen zwei Menschen nicht nur extrem robust, sondern auch flexibel im Hinblick auf sich ändernde Randbedingungen.

 _Welche Konsequenzen hat das für die Entwickler in Ihrem Haus?

Diesen Komfort wollen wir auch unseren Kunden im Umgang mit den im Auto verbauten Informations- und Kommunikationssystemen bieten. Der Kunde hat die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Ein- und Ausgabemöglichkeiten zu wählen.

 _Der MIB nutzt bei seiner Einführung noch den UMTS-Standard. Wann meinen Sie, wird die LTE-Technologie Einzug halten?

LTE, also Long Term Evolution, bietet als Nachfolgestandard von UMTS die Chance auf höhere Datenraten, aktuell verbreiten sich LTE-Router für den Heimeinsatz – als DSL-Ersatz in ländlichen Gebieten – und für erste Mobilgeräte. Wir arbeiten zusammen mit den Chipherstellern an der Einführung von LTE im Automobil, bei realistischer Betrachtung wird diese ab 2014 stattfinden.

 _BMW und Mercedes gehen den Weg, Smartphones so zu integrieren, dass der Autofahrer die gewohnte Oberfläche des Geräts im Display wiederfindet. Folgen Sie dieser Philosophie? Oder welchen Weg geht Volkswagen bei der Integration?

Die Bedienung über Touchscreens hat bei Smartphones einen wirklich überwältigenden Erfolg; wir bei Volkswagen werden dies auch konsequent in unseren Fahrzeugen nutzen. Die Philosophie zur Integration in den Fahrzeugen von Volkswagen wird sich für den Kunden noch gewohnter darstellen als bei unseren Wettbewerbern. Volkswagen arbeitet derzeit an einer Integration, die eine sichere und gewohnte Bedienung auch während der Fahrt ermöglicht.

 _Apps spielen künftig im Auto eine wichtige Rolle. Peugeot führt als einer der ersten Hersteller im Sommer beim neuen 208 ein umfangreiches App-Paket ein und wird dieses Thema unter Umständen sogar mit einem eigenen Shop begleiten. Wann kann der Polo-Fahrer damit rechnen?

Die persönlichen Apps, die der Kunde auf seinem Smartphone mitführt, werden über die Smartphone-Integration auch im Fahrzeug nutzbar. Weiterführende Konzepte zur Funktionserweiterung der integrierten Fahrzeugsysteme können mit dem fahrzeugübergreifenden Einsatz des MIB in allen Fahrzeugklassen verfügbar gemacht werden.

 _Und sehen Sie dahinter auch ein Geschäftsmodell?

Wir sehen hier ein Potenzial, die Kreativität anderer Anbieter oder auch unserer Kunden zu nutzen, um die Attraktivität unserer Fahrzeuge zu steigern.

 _Kann der Kunde künftig seine Daten in einer VW-Cloud lagern?

Als Fahrzeughersteller tritt Volkswagen nicht in Konkurrenz zu bestehenden Clouds mit ihren personenbezogenen Funktionalitäten. Neue fahrzeugbezogene Funktionalitäten werden dem Kunden zukünftig durch eine geeignete VW-Infrastruktur zur Verfügung gestellt.

 _Können Sie sich vorstellen, dass Technologien wie das Internet im Auto einmal kaufentscheidend sein werden?

Für Volkswagen steht der Nutzen der Kundenfunktionen im Vordergrund. Die Technologie ist dabei Mittel zum Zweck. Kaufentscheidend wird damit die optimale Anwendung dieser Technologien sein. Volkswagen wird den Anforderungen der Kunden frühzeitig Rechnung tragen.

 _Eine globale Studie des Beratungsunternehmens KPMG unter Automobilherstellern und Zulieferern hat ergeben, dass die Automobilindustrie keine richtige Vorstellung von den Kundenwünschen der Zukunft hat. Welche Features stehen Ihrer Meinung nach bei den Käufern 2025 auf der Wunschliste ganz oben?

Volkswagen führt zu diesem Thema regelmäßig Studien durch, sowohl in den „klassischen“ Märkten USA, Europa und China als auch in einflussreichen Märkten wie zum Beispiel Südkorea. Die Kundenanforderungen werden im Jahre 2025 noch stärker durch Medien und Vernetzungstechnologien geprägt sein als heute. Themen wie Connectivity und Verbrauch/Nachhaltigkeit sind heute im Fokus und werden in Zukunft bedingt durch neue Mobilitätskonzepte noch mehr an Bedeutung gewinnen.

 _Erläutern Sie das bitte noch ein wenig.

Speziell Connectivity ist ein Bereich, der heute schon stark gefragt ist, der sich jedoch noch stark entwickeln wird. Heute weiß man, dass die Jungen das Thema Connectivity stark nachfragen: Die Jungen sind mit neuen Technologien aufgewachsen und sie haben gelernt, dass sich Technologien verändern, verwandeln und sogar verschwinden, wenn sie durch andere ersetzt werden. Jüngere Kunden präferieren deshalb heute Lösungen, die ihr „Mobile Device“ in das Auto integriert.

 _Und die älteren Kunden?

Die älteren Kunden wollen eine integrierte Lösung und legen mehr Wert auf den Verbrauch und auf Effizienz. Die Kombination der Themen Connectivity und alternative Antriebe ermöglicht auch völlig neue Funktionen wie zum Beispiel die Vorkühlung/-heizung eines batterieelektrischen Fahrzeugs beim Ladevorgang.

 _Einige Premiummarken propagieren derzeit medienwirksam das vernetzte Auto. Was verstehen Sie bei Volkswagen darunter und wie sehen die Milestones dazu aus?

Die Welt des Kunden ist heute durch Smartphones, Tablets, PCs und so weiter hochgradig vernetzt. Das vernetzte Auto wird sich nahtlos in diese Welt integrieren und neue Funktionen für Komfort, Unterhaltung und Sicherheit bieten. Sichtbare Meilensteine finden Sie heute schon in unseren E-Fahrzeug-Testflotten. Hier erhält jeder Flottenkunde mit seinem Fahrzeug ein iPhone, mit dem er den Ladevorgang und die Innenraumklimatisierung steuern sowie weitere Details zum Fahrzeugstatus einsehen kann.

 _Für das vernetzte Auto bedarf es einer möglichst durchgehenden IT-Infrastruktur im Auto und außerhalb. Ist das Ethernet die richtige Lösung dafür – schließlich findet man diese Technologie in jedem Büro und Haushalt. Oder wird die Strukturgleichheit überschätzt?

Als Einstieg in diese Technologie entwickelt Volkswagen die Vernetzung von Kameras für Assistenzsysteme auf Basis der Ethernet-Technologie. Dadurch werden digitale Punkt-zu-Punkt-Verbindungen ersetzt und Volkswagen schafft die Technologiegrundlage für die Verwendung von Ethernet als breitbandiger Bustechnologie in zukünftigen Fahrzeugen. Übertragungsraten, wie sie aus der IT in Büro und Haushalt bekannt sind, können damit zukünftig auch für die Vernetzung im Auto genutzt werden.

 _Mit der fortschreitenden Vernetzung wird auch die Menge an Daten, die aus und in das Auto transferiert werden, dramatisch ansteigen. Dafür bedarf es gewaltiger Backendstrukturen. Wie bereitet sich denn Volkswagen darauf vor?

Grundsätzlich achten wir bei der Konzeption der Funktionen auf Dateneffizienz und Datenschutz, das heißt, wir überlegen uns sehr genau, welche Daten wie oft übertragen werden. Die Backendkonzepte werden vollständig skalierbar ausgelegt, um flexibel auf alle Anforderungen reagieren zu können. Wir haben mit der Inbetriebnahme des neuen Konzernrechenzentrums am Standort Wolfsburg, welches neue Maßstäbe für Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Energieeffizienz setzt, die internen Voraussetzungen geschaffen.

 _Die sich anbahnende Datensammlung könnte ja künftig theoretisch auch für Bewegungsprofile der Autofahrer genutzt werden. Wie würden Sie auf den möglichen Vorwurf reagieren?

Die Kommunikation des Fahrzeugs erfolgt gesichert mit einem von Volkswagen kontrollierten Backend mit Einverständnis des Kunden. Die für eine Funktion möglicherweise notwendige Weitergabe von Daten erfolgt in anonymisierter Form. Dies ist beispielsweise in der Google Navigation im Phaeton heute so umgesetzt.

 _Abschließend: Wird der Golf VII in seiner Klasse in Bezug auf Entertainment, Infotainment und Fahrerassistenz neue Maßstäbe setzen?

Ganz klar ja! Im Bereich Entertainment/Infotainment werden wir eine noch intuitivere Bedienung mit allen State-of-the-Art-Medien anbieten. Fahrerassistenzsysteme auf Basis von Radar, Kamera und Ultraschall fusionieren zusammen mit hochgenauen digitalen Karten und bringen Premiumfunktionen in die Golf-Klasse. Lassen Sie sich überraschen vom breiten Angebot.

Das Interview führte Hilmar Dunker

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