Gorden Wagener   -   Vice President Design Daimler AG

Wagener: „Am Ende der Dekade wird autonomes Fahren möglich sein“. Bild: Daimler/ Michael Dannenmann

| von Yannick Tiedemann

Mercedes-Benz hat auf der Tokio Motor Show 2015 eine für junge urbane Trendsetter vorgestellt. Im Interview mit carIT erklärt Gorden Wagener, Design-Chef der Daimler AG, welchen Einfluss die Digitalisierung auf kommende Modellreihen haben wird und was für Bedienkonzepte es braucht, um die vielen Dienste und Apps richtig nutzen zu können.

carIT: Keine klassische Frontscheibe, verschiedene Leuchtfunktionen, die Sitzanordnung – welche Ausstattungselemente des Vision Tokyo sind designtechnische Spielerei, was wird davon tatsächlich die kommenden Serienmodelle beeinflussen?

Gorden Wagener: Ein solches Showcar gibt uns viel Inspiration und unterstützt eine dauerhaft progressive Designarbeit. Die neuen Modelle, die Mercedes-Benz bis zum Ende des Jahrzehnts in Serienproduktion bringen wird, sind formal weitgehend durchkonzipiert. Deshalb werden sich die konzeptionellen Akzente des Vision Tokyo sicher erst ab 2020 und darüber hinaus in unseren Produkten niederschlagen. Dieses Fahrzeug ist seiner Zeit mindestens zehn Jahre voraus. Ich bin davon überzeugt, dass zum Ende der nächsten Dekade autonomes Fahren möglich sein wird – die Grundlage für ein urbanes Mobilitätsszenario, wie es der Vision Tokyo jetzt schon beschreibt. Formal deuten wir einen elektrischen Antrieb an, der monolithische Körper mit seiner reduzierten Linienführung steht für Purität, die Lounge-Landschaft für modernen Luxus.

carIT: Viele Funktionen im Auto steuert zunehmend Software, die richtig bedient werden muss. Mit welchem HMI-Konzept wollen Sie künftige Mercedes-Modelle ausstatten, damit der Fahrer möglichst wenig abgelenkt wird?

Wagener: Eine ganz wichtige Frage. Der Anteil digitaler Technik im Fahrzeug wird sicher weiter zunehmen und das Produkt Auto bis 2025 stärker verändern als in den 50 letzten Jahren. Ein ganz wichtiger Enabler ist das autonome Fahren – erst dann kann und darf ich all die Funktionen, Dienste und Apps erst richtig nutzen. Die Bedienung muss intuitiv sein und leicht von der Hand gehen. Für den Medienspaß in künftigen Mercedes-Modellen sorgt unser Advanced User Experience Center im kalifornischen Sunnyvale. In Sachen HMI wird am Touchpad sicher kein Weg vorbeiführen, in der Mittelkonsole oder integriert ins Lenkrad. Und auch Sprachbedienung ist für mich eine valide Option, um das Auto künftig zu einem treuen Freund zu machen, der exakt auf das hört, was ich ihm sage. Auch dann, wenn das Radio läuft oder sich Mitfahrende unterhalten. Es wird eine Kombination an HMI-Komponenten geben, die dem Nutzer die Wahl lässt, wie er Funktionen steuert.

carIT: Der Vision Tokyo soll sich Dank innovativer Algorithmen ständig weiterentwickeln, die Insassen und ihre Wünsche und Vorlieben besser kennenlernen. Wo und wie genau stellt sich Mercedes die dafür notwendige Datenverarbeitung vor?

Wagener: Mein Traum ist es, im Fahrzeug eine puristische Schnittstelle zu haben, vergleichbar vielleicht der Startseite von Google. Dort gebe ich ein, was ich finden möchte und bekomme die gewünschten Resultate. Das geht natürlich nur, wenn ich ein extrem leistungsstarkes Server-Backend habe. Der Rest ist keine Raketenwissenschaft, sondern in unseren Labors im Silicon Valley schon heute in der Erprobung. Nicht nur Online-Shops werden smarter, je öfter ich sie nutze, sondern auch Autos. Algorithmen können stimmige Prognosen machen, wenn sie mein Verhaltensmuster speichern und analysieren. Richtig spannend wird es, wenn eine Kombination mit zusätzlichen Informationen möglich ist, also zum Beispiel den Einträgen aus meinem Terminkalender und der aktuellen Straßenlage morgens auf dem Weg zur Arbeit. Dadurch kann über die Zeit eine sehr intensive Beziehung zwischen Fahrer und Auto entstehen, wie wir sie heute noch nicht kennen.

Das Interview führte: Ralf Bretting, zurzeit Tokio