Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Mit Hilfe eines Drohnen-Aufsatzes sollte die nun auf Eis gelegte Flugtaxi-Studie „Pop.Up Next“ sowohl in der Luft als auch auf der Straße mobil sein. Bild: Audi

| von Claas Berlin

Bei der Suche nach neuen nachhaltigen Mobilitätskonzepten heben Autohersteller ab. Erst kürzlich gab Porsche bekannt, ausgerechnet mit dem derzeit flügellahmen Flugzeughersteller Boeing einen Senkrechtstarter für Städte zu entwickeln. Das elektrische Fluggerät soll als urbanes, umweltfreundliches Taxi dienen. Porsche-Vertriebsvorstand Detlev von Platen ließ angesichts der Kooperation wissen: „Wir bringen die Stärken zweier weltweit führender Unternehmen zusammen, um ein potenziell wichtiges Marktsegment der Zukunft anzugehen.“ Das ist die Frage. Denn die Betonung liegt auf „potenziell“.

Nahezu zeitgleich zur frohen Botschaft aus Zuffenhausen sickerte die Nachricht durch, dass Audi sein ähnlich gelagertes Projekt „Pop.Up Next“ heimlich still und leise begräbt. Die Ingolstädter haben ähnlich wie Porsche ihr Heil in der Kooperation mit einem Flugzeugbauer, Airbus, gesucht. Gemeinsam mit Italdesign wurde ein Konzept, das ein selbstfahrendes Elektroauto mit einer Passagierdrohne vereint, entwickelt. Das bereits flugfähige Modell im Maßstab 1:4 war in den vergangenen Monaten der Renner auf jeder Messe. Bald sollte ein Prototyp folgen. Noch vor Kurzem war die Euphorie groß: „Flugtaxis werden kommen. Davon sind wir bei Audi überzeugt“, gab sich Bernd Martens, Audi-Vorstand für Beschaffung/IT und Präsident der Audi-Tochter Italdesign, im November letzten Jahres siegessicher. „Mit dem Pop.Up Next loten wir gleichzeitig die Grenzen des technisch Machbaren aus.“ Die war offenbar schnell erreicht: Bei den Ingenieuren, so ist zu hören, gilt der hochfliegende Plan als zu komplex und zu teuer. Das kann der OEM, der gerade überall im Konzern den Rotstift kreisen lässt, weiterhin unter der Abgasaffäre, Absatzproblemen und branchentypischen Transformationswehen leidet, gar nicht gebrauchen. Mithin wachsen die Zweifel daran, ob Flugtaxis überhaupt geeignet sind, den Weg in eine multimodale Mobilität zu bereiten. Zumal der Luftraum über den Städten jetzt schon voll ist und künftig durch unbemannte Drohnen noch verstopfter sein wird.

Dessen ungeachtet zeigen sich Daimler und der chinesische Autohersteller Geely optimistisch. Beide sind an dem Flugtaxi-Projekt Volocopter des gleichnamigen Bruchsaler Start-ups beteiligt. Das technische Layout des elektrisch angetriebenen Senkrechtstarters ist weniger ambitioniert als das von Audi, so dass nach einigen Jahren Entwicklungszeit immerhin bereits erfolgreiche Testflüge stattgefunden haben. Und doch bleibt das finanzielle Engagement des Autokonzerns bei dem Start-up sonderbar. „Unser Partner Volocopter zeigt: Mit dem Flugtaxi wird aus dem Traum vom Fahren der Traum vom Fliegen“, schwurbelt Daimler-Chef Ola Källenius und man fragt sich: Wollen die Untertürkheimer künftig der gute Stern auf allen Straßen oder auf allen Luftwegen sein? Warum das angestammte Terrain verlassen? Kritiker sehen in diesem Engagement einen weiteren Beweis für das hektische Suchen der Autobauer nach neuen Geschäftsmodellen – was manchen verwirrt zurücklässt.

Auch bei Daimler drängst sich die Frage auf, wie lange sich das Management angesichts der wirtschaftlich angespannten Situation und vielen Baustellen im Konzern noch ein solch luftiges Engagement leisten wird? Denn die Herausforderungen, die am Boden zu bewältigen sind, sind für die gesamte Branche groß genug. Man könnte auch sagen: Es herrscht Stress und möchte mit dem HB-Männchen antworten: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“

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