Solmove_Startup

Die smarte Solarstraße soll nicht wie schnöder Asphalt Geld verschlingen sondern über ihre Lebensdauer als Energieerzeuger künftig sogar welches verdienen. Bild: Solmove

| von Chris Löwer

Eine Fahrt durch das Allgäu im energiegewendeten Deutschland: Donald Müller-Judex sucht nach einem freien Dach für eine Photovoltaikanlage. Ein einfacher Job, könnte man meinen. Doch der 57-Jährige stutzt: Es ist nichts zu machen: Jede Halle, jedes Haus, jeder Stall – überall sind die Dächer bereits mit Kollektoren versehen. „Ich habe drei Tage vergeblich gesucht“, erinnert sich Müller-Judex. Sein Erstaunen wich einer Idee: „Okay, dann werden wir halt Straßen nutzen.“ „Die lagen einsam und leer in der Sonne“, sagte sich der gelernte Maschinenbauer.

Drei Jahre später gründete er nach zwei Softwareunternehmen seine dritte Firma: Solmove. Der erfolglose Ritt durchs Allgäu wurde zur Geburtsstunde der smarten Solarstraße, die nicht wie schnöder Asphalt Geld verschlingt, sondern über ihre Lebensdauer als Energieerzeuger welches verdient. Hübscher Nebeneffekt: Die raumgreifenden Solarkraftwerke, die liebreizende Landschaften verschandeln, müssten künftig nicht weiterwachsen, denn satt in der Sonne stehende Straßen, Rad- und Gehwege gibt es genug.

Induktives Laden während der Fahrt

Es musste nur ein extrem widerstandsfähiger und effektiver Belag her, der ohne allzu große Verluste Sonnenkraft in Strom wandelt. „Solarstraßen sind intelligente Transportwege und große Kraftwerke zugleich“, sagt der Gründer. „Perspektivisch können sie E-Fahrzeuge induktiv während der Fahrt laden. Damit lässt sich die Reichweite verlängern und die Autos kommen mit weniger Batterien aus, was Platz, Gewicht und Kosten spart“, umreißt Donald Müller-Judex eines seiner Entwicklungsziele. Außerdem sollen die „Smart Streets“ im Winter dank solargespeister Heizung niemals glatt sein und durch LEDs Warnhinweise geben oder Autofahrer zu freien Parkplätzen dirigieren. „Über eingebaute Sensorik ließe sich das Verkehrsaufkommen analysieren und beispielsweise Ampeln entsprechend schalten“ – so stellt sich Müller-Judex seine intelligente Straße vor.

Auf dem Weg dahin wird sein Team von Wissenschaftlern zweier Fraunhofer-Institute, der RWTH Aachen sowie der Universität Bayreuth unterstützt. Erste Module sind gebaut und werden gerade auf einem Radweg im Ort Erftstadt, unweit von Köln, erprobt. Dort wurde ein 90 Meter langer und 2,40 Meter breiter Radweg aus 130 Modulen gebaut. Die gut 200 Quadratmeter sollen jährlich 14 000 Kilowattstunden Strom erzeugen, was genügen würde, um vier Haushalte ein Jahr lang mit Energie zu versorgen.

Bewährte Technologie für den Asphalt

Solmove hat das Rad nicht neu erfunden: „Unsere Technologie beruht auf bewährter Photovoltaik, die mit einer innovativen, stabilen Glasoberfläche kombiniert auf horizontalen Flächen verklebt werden kann“, erklärt der Gründer. Die Module lassen sich im Gegensatz zu anderen Solarstraßen, die aufwendig gegründet werden müssen, per Stecksystem einfach auf vorhandenen Wegen verlegen und anschließen. Die extrem stabile Glasoberfläche ist so gestaltet, dass sie Licht optimiert auf die darunter liegenden Solarzellen lenkt.

Die Oberfläche ist rutschfest, Regenwasser fließt gut ab – was zudem einen selbstreinigenden Effekt hat. Das Profil der Module vergleicht der Erfinder mit einem „Mikrogebirge“: „Von den Bergspitzen werden die Autoreifen gehalten, an den Hängen wird das Licht eingekoppelt und in den Tälern sammelt sich der Schmutz, der durch einen Gebirgsbach weggeschwemmt wird.“ Sollten mangels Regen die „reißenden Fluten“ dann doch ausbleiben, lassen sich die Module mit normalen Kehrfahrzeugen reinigen, damit sie weiterhin möglichst viel Sonnenstrahlen einfangen können. Ohnehin, versichert Müller-Judex, könnten dem Material Salz, Split und Spikes nichts anhaben, wie erste Tests zeigen. Allerdings: Für Aussagen über die Langzeitstabilität ist es noch zu früh. Und: „Für die rechte Spur auf der Autobahn ist die Technik weniger geeignet, sondern eher für Wohn- und Landstraßen“, schränkt Müller-Judex ein.

Sollte ein Modul doch mal zerstört werden, zersplittert es nicht in tausend Teile, sondern wie eine Verbundglasscheibe. Stromschläge muss im Falle eines Falles niemand fürchten: Spannung und Stromstärke sind gering und werden über Kabel am Rande der Straße abgeführt und ins Stromnetz eingespeist. „Ein Quadratmeter erzeugt rund 100 Watt elektrischer Leistung“, erklärt Müller-Judex. Für deutsche Verhältnisse rechnet er mit rund 100 kWh Ertrag. „Eine Fläche von 33 Quadratmetern reicht aus, um einen durchschnittlichen Haushalt mit Strom zu versorgen. Alternativ kann die hier erzeugte jährliche Strommenge ein Elektroauto 20.000 Kilometer weit fahren lassen“, rechnet der Solmove-Chef vor.

Er geht davon aus, dass in Deutschland rund 1400 Quadratkilometer Flächen zu Solarstrecken werden könnten. Denn nicht jede Straße eignet sich, weil sie beispielsweise durch Gebäude verschattet ist oder in Innenstädten zu viel stehender Verkehr direkte Sonneneinstrahlung verhindert.

Zwar wirft eine Solarstraße weniger Strom ab als eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, doch sie fügt sich besser in die Landschaft ein und wird als multifunktionale Rollbahn erst richtig attraktiv. Das betonen Forscher der RWTH Aachen. Denkbar sei vieles, meinen auch die Verkehrswissenschaftler: Eine LED-Beleuchtung der Straßen, intelligente Verkehrsführung sowie induktives dynamisches Laden von Stromern während der Fahrt. Sollten all diese Funktionen realisierbar werden, würden Straßen endlich smart. Heißt aber auch: Das wird teuer. Schon ohne Extras sind die Module nicht annähernd für den Preis eines Teerbelages zu haben. Allerdings verweist Solmove an dieser Stelle auf eingesparte Kosten für den Winterdienst, der immerhin in jeder Wintersaison mit 200 Euro pro Quadratmeter zu Buche schlage.

Dazu kommt der Mehrwert durch den erzeugten Strom. Nach 25 Jahren Nutzungsdauer soll ein deutliches Plus am Ende der Rechnung stehen. Ein Quadratmeter würde bei einer Einspeisevergütung von 18 Cent pro Kilowattstunde zwischen vier und sechs Euro im Jahr einspielen, kalkuliert Gründer Donald Müller-Judex: „Asphalt, der in der Regel alle 25 Jahre erneuert werden muss, kostet hingegen einen Euro pro Quadratmeter im Jahr.“ Profitieren könnten auch Anwohner, da durch die Glasoberfläche laute Abrollgeräusche im Vergleich zu Asphalt deutlich minimiert werden.

Die Berliner sind nicht die einzigen, die Straßen mehr Sinn durch Solarkraft verleihen wollen. Mitbewerber ist unter anderem der französische Anbieter Wattaway, der bereits ein Stück Autobahn umgerüstet hat. Andere Projekte laufen in China, Ungarn und den Niederlanden, wo die Firma SolaRoad unterwegs ist. Der Ansatz von Solmove wirkt dagegen jedoch intelligenter.

Internationale Wettbewerber

Bei den Mitbewerbern macht entweder die Haltbarkeit Probleme oder der Verlegeaufwand ist sehr hoch, weil es ohne Tiefbauer nicht geht. Auf den können Solmove-Module verzichten. Deren Klickrahmen wird auf vorhandene Straßen geklebt, darauf werden automatisiert die Solarzellen verlegt, was enorm Kosten spart. Ebenso leicht kann man die Straße 4.0 wieder demontieren und die Module recyceln, so wie andere Solarzellen, mit den üblichen Verfahren. Bereits im nächsten Jahr könnte der neue Belag auf den Markt kommen und zunächst Privatleuten sowie Firmen für Einfahrten und Parkplätze angeboten werden. Für die Serienproduktion fehlt allerdings noch ein schlagkräftiger Investor.

Derweil gehen weitere Teststrecken in Betrieb, unter anderem bei RheinEnergie und der Ruhrkohle AG. Außerdem steht Müller-Judex in Verhandlungen für Projekte in Dubai, den USA, Chile und Griechenland. Sein Ziel: In fünf Jahren sollen weltweit und wirtschaftlich Solmove-Straßen ausgerollt sein und den Verkehr smarter fließen lassen.

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