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China verfügt über eine gewaltige Landmasse, die für das autonome Fahren kartographiert werden muss. Ausländische Unternehmen, die diese Nachfrage bedienen möchten, müssen mit lokalen Partnern zusammenarbeiten. Fotos: Here, Unsplash

| von Claas Berlin

Der Aufwand, ein riesiges Land wie China mit zentimetergenauen Karten für selbstfahrende Fahrzeuge abzudecken, ist kaum vorstellbar. Doch genau das hat die Regierung vor – auch wenn das Land dabei noch am Anfang steht. 14 Unternehmen haben Lizenzen erhalten, um solche Karten zu produzieren. NavInfo, einer der führenden Anbieter, will bis Mitte 2019 nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg 150.000 Kilometer Landstraßen erfasst haben. Das Unternehmen hat dafür gut zehn Fahrzeuge, die es mit Rundumkameras und Lidarsensoren auf die Reise schickt. Die Signale dieser Geräte zu Straßen, Tunnels oder Verkehrszeichen wertet das Team an Bord der Autos sofort mit Laptops aus. Algorithmen und die Handarbeit von fast 100 Ingenieuren sorgen für den Feinschliff. Wie immer sind die Ambitionen Chinas groß: Peking will bis 2030 rund 30 Millionen selbstfahrende Autos auf den Straßen haben. Der Markt für autonome Fahrzeuge könnte 2030 ein Volumen von 500 Milliarden US-Dollar haben, schätzt die Unternehmensberatung McKinsey. Mehr als 50 Firmen testen inzwischen mit autonomen Fahrzeugen – allerdings dürfen nur wenige auf öffentliche Straßen. Die deutschen Hersteller Daimler, Audi und BMW gehören dazu. Welches Kartenmaterial die Autobauer nutzen, will die Regierung genau kontrollieren – ebenso wie den Zugriff auf sensible Geodaten. Ausländische Firmen bekommen daher keine Lizenzen für hochgenaue Karten und müssen sich lokale Partner suchen.

Kein Wunder also, dass etwa Daimler im August einen Siebenjahresvertrag mit NavInfo zur exklusiven Lieferung digitaler Karten und Navigationssoftware auch für die Entwicklung autonomer Fahrzeuge geschlossen hat. Man werde die neueste Technologie einsetzen, um Genauigkeit und Funktionalität für autonome Fahrzeuge noch weiter zu verbessern, betonte Nav­Info bei der Bekanntgabe des Deals. Auch Here Technologies, dessen HD-Live-Map-Dienst mit hochauflösenden und selbst-aktualisierenden Karten nach Firmenangaben Ende 2018 mehr als eine Million Straßenkilometer in Nordamerika, Europa und Asien abdecken wird, arbeitet seit zwei Jahren mit NavInfo zusammen. Ein 2016 beschlossenes Joint Venture in China sei bereits aktiv, um nach den Worten eines Here-Sprechers „unsere ortsbasierten Dienste in China auszubauen“. Here ist im Besitz der deutschen Autobauer Daimler, Audi und BMW, des US-Chipkonzerns Intel und der Zulieferer Bosch und Continental. Mit NavInfo sowie Increment P aus Japan und SK Telecom aus Südkorea gründete Here zudem die OneMap Alliance, um ab 2020 ein einheitliches, dynamisches HD-Kartensystem in der Region – und letztlich weltweit – bereitzustellen, das auf den Spezifikationen der Here-HD-Live-Map basiert. Japan ist China bei autonomen Fahrzeugen und HD-Karten bisher voraus.

TomTom aus Amsterdam kündigte im Juli 2017 eine Partnerschaft mit Chinas größter Suchmaschine Baidu für die Erstellung von HD-Karten an. Baidu besitzt den Kartendienst Baidu Maps und ebenfalls eine Lizenz zur Erstellung hochgenauer Karten. Außerdem testet Baidu selbst autonome Fahrzeuge auf den Straßen Pekings. Der Deal ebnet TomTom den Weg nach China, während Baidu von TomToms Echtzeitkartenplattform profitiert. Neben NavInfo und Baidu ist das zum Onlineriesen Alibaba gehörende AutoNavi in die HD-Karten eingestiegen. Lizenzen haben zudem der Mobilitätsanbieter Didi Chuxing sowie kleinere Firmen wie Wuhan Kotei Informatics Co., das ein HD-Karten-Joint-Venture mit Shanghai Automotive (SAIC) geschlossen hat. Auch Alibaba-Konkurrent JD.com hat sich um eine Kartografielizenz beworben, da er eigenes Material für eine geplante Flotte autonomer Lieferwagen verwenden will.

HD-Karten werden umso wichtiger, je höher das Niveau der Autonomie steigt. Die auf dem Satellitensystem GPS basierenden Karten sind spätestens ab Autonomie-Level 4 von 5 nicht mehr genau genug. L4-Autos können sich in fast jedem Umfeld selbst steuern, benötigen aber einen Fahrer für Notsituationen. Mit installierter HD-Karte könnte ein L4-Fahrzeug auf die kostspieligen Lidarsensoren verzichten. L5 bedeutet dann den Wegfall von Steuerrad und Fahrer. Generell gilt: HD-Karten erhöhen auf jeder Ebene die Sicherheit, weil sie anders als Sensoren wetterunabhängig funktionieren. Jochen Siebert, Managing Director der auf den chinesischen Automobilmarkt spezialisierten Unternehmensberatung JSC Automotive, glaubt, dass insbesondere NavInfo beim Kartieren gut vorankommt. Im Januar kündigte NavInfo zudem eine Partnerschaft mit Intel-Tochter Mobileye an, deren Road-Experience-Management-System es in China vertreiben will. Dieses nutzt anonym im Verkehr gesammelte Daten von Frontkameras zur Erstellung detaillierter Karten. Baidu geht das Thema derweil von allen Seiten an: Neben HD-Karten und selbstfahrenden Autos entwickelt es künstliche Intelligenz und startete eine offene Softwareplattform namens Apollo für Unternehmen, die im Bereich selbstfahrender Autos aktiv sind. Dass Baidu auch selbst autonome Fahrzeuge entwickle, helfe dem Unternehmen, die Anforderungen dieser Autos an die HD-Karten besser zu verstehen, sagt Li Zhenyu, Vizechef der Abteilung für intelligentes Fahren bei Baidu.

Ein Problem beim Erstellen von HD-Karten sind bisher die Restriktionen der Regierung im Zusammenhang mit der in China stets weit gefassten „nationalen Sicherheit“. Jochen Siebert geht davon aus, dass HD-Karten in Metropolen wie Schanghai durchaus hochwertig sein können. Außerhalb dieser Städte aber könne die Erhebung von Geodaten jederzeit auf Basis von Sicherheitsbedenken unterbunden werden. „Relevant sind nicht nur Militäranlagen, sondern zum Beispiel auch Ölfelder.“ Offizielle Stellungnahmen, wie dies gelöst werden könne, gibt es nicht. Andere Vorreiter beim autonomen Fahren wie Singapur oder Japan haben weniger Bedenken: Beide Länder fördern die Technologie massiv. Eine Karte für Singapur sei in kurzer Zeit machbar, sagt Siebert. Singapur ist klein. In China dagegen gibt es knapp 700 Städte – und tausende abgelegener Dörfer.