Reise ins Ungewisse

Neue Technologien und Geschäftsmodelle läuten das Zeitalter eines veränderten Autouniversums ein. Bild: Audi

| von Claas Berlin

Es gibt nur wenige Dinge, die die Menschheit nicht in ihrer Gänze entdeckt, erforscht und verstanden hat. Dazu gehört sicherlich die Tiefsee und dazu gehören in jedem Fall die unendlichen Weiten des Universums. Was für das Weltall gilt, gilt nicht unbedingt für die alten und neuen Sterne am Firmament der Mobilitätswelt. Hier wissen wir sehr genau, dass sich das Autouniversum in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess befindet. Neue enorme Sternencluster aus den Hemisphären des Internets und der Telekommunikation tun sich auf und drohen die altbekannten Planetensysteme der Autoindustrie mit ihrer massiven Marktschwerkraft zu verdrängen oder zumindest in die eigene Umlaufbahn zu zwängen.

Neue Technologien und Geschäftsmodelle läuten das Zeitalter eines gänzlich veränderten Autouniversums ein, dessen neue Ausmaße wir heute noch nicht kennen. Den Versuch einer Annäherung an diesen Kosmos macht das Center of Automotive Management (CAM) in Zusammenarbeit mit carIT im Rahmen des Connected-Car-Innovation-Index (CCI) 2018. Um die marktbezogenen Größenunterschiede alter und neuer Mobilitätsplayer zu illustrieren, werden die Unternehmen als verschieden große Planeten auf Umlaufbahnen um ihre Sonne, dem originären Industriesektor, angeordnet. Jedem Sonnensystem hat das CAM eine industriespezifische Stärke zugeordnet, die durch die Nähe der Unternehmensplaneten zur Sonne hierarchisiert wird. Bei den Autoherstellern ist dies beispielsweise die Innovationsstärke im Bereich Connected Car. In allen drei Sonnensystemen steht die Größe der Planeten für die jeweilige Marktkapitalisierung der Unternehmen.

Und genau in dieser Kategorie fallen beim Blick auf das neue Autouniversum die größten Unterschiede zwischen den Herstellern und Zulieferern auf der einen und den Digital- und Mobilfunkplayern auf der anderen Seite auf. Allein die Google-Holding Alphabet verfügt mit 630 Milliarden Euro über einen Börsenwert, der fast so hoch ist wie die Kapitalisierung der weltweit zehn größten Autohersteller zusammen. Spitzenreiter in diesem Vergleich ist Apple: Das Unternehmen aus Cupertino kam zum Stichtag 14. Juni 2018 auf einen Börsenwert von 802 Milliarden Euro. Im August 2018 hat der iPhone-Konzern in US-Dollar gerechnet gar die magische Billionengrenze überschritten. Beachtenswert sind auch die Marktkapitalisierungen der chinesischen Digitalriesen Alibaba und Tencent, die in der gleichen Liga wie Amazon, Facebook und Co. spielen.

Zu den neuen starken Playern gehören auch die Fahrdienstvermittler Uber und Didi Chuxing. Beide Unternehmen existieren erst seit ein paar Jahren, verfügen jedoch längst über Börsenwerte, die denen der etablierten Autohersteller gleichen oder sie oftmals sogar übersteigen. „Allerdings agieren diese neuen Akteure nicht nach den Spielregeln des alten Autouniversums. Vielmehr befinden sich diese in weitgehend getrennten Paralleluniversen und haben ihre eigenen Erfolgsbedingungen und Geschäftsmodelle“, betont CAM-Direktor und CCI-Studienleiter Stefan Bratzel. Doch diese Paralleluniversen stießen zunehmend aufeinander: Nicht nur innerhalb des eigenen Universums herrsche Wettbewerb, die Unternehmen konkurrierten nun vermehrt auch mit Spielern aus anderen Universen, erklärt Bratzel. „Langfristig entsteht ein neues Mobility Universe, das von wenigen Akteuren kontrolliert wird.“

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Einer dieser Player könnte Alphabet beziehungsweise die Tochter Google werden. Der Internetriese verfügt unter anderem mit Android Auto über die neben Apple CarPlay wichtigste Plattform für Smartphone-Konnektivität im Connected Car. Hier kommt erneut die Marktmacht Googles zum Tragen: Im Jahr 2017 lag der weltweite Marktanteil des Smartphone-Betriebssystem Android bei fast 86 Prozent – Apple iOS dagegen nur bei 14 Prozent (Quelle: Gartner).

Auch beim Thema autonomes Fahren macht Alphabet beachtliche Fortschritte: So feierte Tochter Waymo im Oktober die zehnmillionste Testmeile ihrer selbstlenkenden Fahrzeuge in den USA. In Arizona hat die Google-Schwester in diesem Jahr die Genehmigung für den Betrieb eines eigenen autonomen Ridehailing-Dienstes bekommen. Das Beispiel Waymo steht dabei sinnbildlich für die Strategie vieler Digitalriesen, gar nicht erst in das angestammte Geschäftsfeld der OEMs eindringen zu wollen. In der Zukunft mit selbstfahrenden E-Fahrzeugen werde es nicht mehr darum gehen, mit dem Verkauf von Autos Geld zu verdienen, sondern mit ihrem Betrieb, sagt Waymo-Chef John Krafcik. Ähnlich sieht es auch Experte Bratzel: „Big-Data-Player wie Google oder Baidu sind dabei, das Geschäft mit den weit profitableren Mobilitätsdienstleistungen, Daten und Software zu erschließen und werden so zu ernstzunehmenden Konkurrenten der Auto-OEMs.“ Drastischer formuliert: Wenn die Hersteller den Kampf um die Kundenschnittstelle verlieren, könnten sie langfristig zu Zulieferern der Digitalriesen degradiert werden. Gleiches gilt auch für das Sonnensystem der Mobilitätsdienstleistungen. Nicht nur überflügeln die beiden Marktführer Uber und Didi Chuxing viele Autohersteller in Sachen Börsenwert, mit ihren smarten Plattformen beherrschen sie auch den Erstkontakt zum Kunden. Didi Chuxing vermittelte in China allein im Jahr 2017 rund 7,4 Milliarden Fahrten, Uber global immerhin vier Milliarden. Hersteller wie Volkswagen, Daimler oder BMW, die allesamt massiv am Ausbau ihres Mobilitätsangebots gearbeitet haben, können von solchen Dimensionen nur träumen.

Spannend auch die Planetenbewegungen im Kosmos der Autozulieferer. „Sie könnten im neuen Mobility Universe zu den stillen Champions werden, wenn sie die richtigen Wachstums- und Zukunftsfelder der Vernetzung und des autonomen Fahrens adressieren“, sagt CAM-Direktor Bratzel. Das sind neben den etablierten Tier-1-Zulieferern neuerdings auch die Softwaregrößen Nvidia und Intel. Beide verfügen zwar noch über vergleichsweise wenig Umsatz im Automotive-Sektor, lassen die anderen OEMs aber in Sachen Marktkapitalisierung weit hinter sich.

Nun investieren beide massiv in den Bereich autonomes Fahren. Intel hat sich vergangenes Jahr das israelische Sensorik-Startup Mobileye für 15,3 Milliarden US-Dollar gesichert und ist zusammen mit BMW Teil einer breiten Forschungsallianz, die selbstlenkende Autos bis spätestens 2021 zur Serienreife bringen will. Nicht weniger umtriebig war zuletzt Chipentwickler Nvidia. In der Autobranche wird das Unternehmen aus Santa Clara vor allem wegen seines Knowhows im Bereich der künstlichen Intelligenz umworben. Unter anderem Volkswagen, Daimler und Conti setzen beim autonomen Fahren auf Nvidias Rechenpower.

Die genannten Beispiele zeigen, dass es im neuen Mobilitätskosmos nicht zwingend zum oft beschworenen „Kampf der Welten“ kommen muss. Viele der neuen Player setzen auf Kooperationen, da sie in vielen angestammten Domänen der Autoindustrie über nicht genügend Expertise verfügen. Sie setzen auf ihr ureigenes Geschäft mit Daten und Plattformen – die Gravitationskräfte des künftigen Mobilitätsuniversums. Für Hersteller und Zulieferer führt der Weg dabei nicht zwingend in ein schwarzes Loch, doch es bleibt Stand heute eine Reise ins Ungewisse.

Illustration: Henrik Schramm