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Die autogerechte Stadt stößt in allen deutschen Ballungsräumen an Grenzen. Bild: Pixabay/Stefan Schweihofer

| von Ralf Bretting

Mobilität und Wohnen stehen in Deutschland seit Jahrzehnten in einem seltsam ambivalenten Verhältnis zueinander. An Straßen, auf denen viele Autos fahren, will niemand auf Dauer leben. Auf dem Land, wo das Mobilitätsangebot in Regionen mit weniger als 150 Einwohnern pro Quadratkilometer oft eingeschränkt ist, aber auch nicht. Beide Szenarien können durch eine intelligente Vernetzung gewinnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt vielen Stadtplanern das Auto regelrecht als Heiligtum, das sie bundesweit in den Mittelpunkt ihrer architektonischen Konzepte rückten. Ergebnis im Norden wie im Süden: mehrspurige City-Ringe, monströse Kreuzungen, Schnellwege, riesige Parkflächen. Noch immer gehören die Innenstädte heute überwiegend den Autos, Fußgänger und Radfahrer haben sich unterzuordnen. Auch deshalb, weil sich der Fahrzeugbestand in Deutschland seit 1960 mehr als verzehnfacht hat und die Ballungsräume aus allen Nähten platzen.

Aus der Not heraus entstehen nun neue Konzepte, um den allgegenwärtigen Missständen zu begegnen. Statt Stau, Lärm und Abgasemissionen stehen Mobilitätsservices, autofreie Zonen, Flugtaxis oder gar Seilbahnen hoch im Kurs. Tatsächlich haben Städte wie beispielsweise München neue Formen der Mobilität als Werttreiber bei der Entwicklung geplanter und bestehender Quartiere identifiziert. Der Druck zu Handeln ist immens: Laut einer Studie reicht die in der bayerischen Landeshauptstadt vorhandene Straßenkapazität absehbar nicht aus. Im Augenblick gibt es vor allem in den Morgen- und Abendstunden Stauspitzen, im Jahre 2030 droht ganztägig Dauerstau – so wie man es heute bereits aus Metropolen wie Los Angeles, Moskau oder Schanghai kennt.

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In dicht bebauten Quartieren kann die Lebensqualität durch weniger Parkflächen steigen. Bild: VCD/Katja Täubert

Kein Wunder, dass Quartiersentwicklungen, die eine höhere Lebensqualität durch bessere Mobilitätskonzepte versprechen, Aufmerksamkeit erregen. Verkehrsexperten und Immobilienentwickler fordern inzwischen einstimmig, dass Städte ihr Mobilitätsangebot stärker miteinander verknüpfen und vernetzen müssen – ÖPNV, Radverkehr und Shared Mobility müssen transparenter, einfacher und günstiger werden.

Auch beim Thema Infrastruktur ist laut Bauträger Michael Schwaiger aus München Weitsicht gefragt. „Ein Haus ohne Ladestationen für E-Autos und E-Bikes ist künftig wie eine Wohnung ohne Internetanschluss. Wer heute in neue Mobilitätskonzepte bei der Immobilienentwicklung investiert, entscheidet maßgeblich über den Wert und die Attraktivität, den die Immobilie in fünf oder zehn Jahren haben wird.“ Kooperationen von Wohnbauunternehmen und Carsharing-Anbietern können dafür sorgen, dass in urbanen Neubauprojekten die Bedeutung des eigenen Autos zurückgedrängt wird. Die Automobilität wird durch geteilte Fahrzeuge abgedeckt. Die Flächen für eingesparte Stellplätze können anderweitig genutzt werden. Zudem senkt jeder nicht notwendige Stellplatz die Baukosten. Selbst in bestehenden Wohngebieten sorgen vergünstigte ÖPNV-Tickets, Carsharing und Mobilitätsstationen dafür, dass Anwohner ihre eigenen Pkw erst stehenlassen und später ganz abschaffen. Das Entwicklungspotenzial – Experten sprechen von Umfeldverbesserung – ist gerade für dicht bebaute Quartiere immens.

Laut Verkehrsclub Deutschland (VCD) starten und enden mehr als 80 Prozent aller Wege vor der eigenen Haustür. Täglich entscheiden sich dort Millionen Menschen, wie sie mobil unterwegs sein wollen. Der Zugang zu umweltfreundlichen Verkehrsmitteln am Wohnort ist ein zentraler Hebel für die Mobilitätswende. René Waßmer, der beim VCD das Projekt „Wohnen leitet Mobilität“ führt, geht noch weiter: „Für Wohnungsunternehmen sollte künftig die Förderung der nachhaltigen Mobilität am Wohnort selbstverständlich werden.“ So wie es heute für jede Wohnung einen Energieausweis gebe, könnten Vermieter künftig mit einem Mobilitätsausweis für ihre Wohnungen werben. „Habe ich als Mieter die Möglichkeit, günstig ein geteiltes E-Rad zu nutzen oder meine Einkäufe mit einem geliehenen E-Auto zu erledigen, brauche ich kein eigenes, teures Fahrzeug mehr. Statt Parkplätzen gibt es so mehr Platz für Grün- und Aufenthaltsflächen und die Lebensqualität im Wohnumfeld steigt.“

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