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In den 50er und 60er Jahren gehörte der Tankwart noch zum gewohnten Bild. Der ist heute zwar überwiegend ausgestorben, am Aufbau und Angebot der Sprit-Stationen hat sich aber nur wenig geändert. Bilder: Aral

| von Markus Stier

Im Nasa-Kontrollzentrum war der Absturz ein erwartetes Desaster. Nur wusste niemand, wo genau das Ding runterkommen würde. Das längst aufgegebene Skylab, die erste Behausung der Menschheit im All, war außer Kontrolle geraten und trat in die Erdatmosphäre ein. In Balladonia, Südaustralien, kündigte sich das Ereignis durch die Feuerschweife zerfetzter Wrackteile am Himmel an. Eine spektakuläre Show, wenn denn jemand da gewesen wäre, um sie zu sehen. Balladonia ist ein ödes Fleckchen Erde inmitten einer der trockensten Gegenden der Erde.

Nullarbor ist nicht etwa ein Aborigine-Wort, sondern Latein und steht für „kein Baum“. Bis nach Cocklebiddy im Osten sind es 250 Kilometer, bis Norseman im Westen 200. Dazwischen ist nichts – oder fast nichts. Denn es gibt da eine Tankstelle. Das Balladonia Roadhouse wurde für einen einzigen Tag berühmt, weil am Morgen des zwölften Juli 1979 das Telefon klingelte. Am Apparat der mächtigste Mann der Welt. US-Präsident Jimmy Carter entschuldigte sich für etwaige Ruhestörungen durch das abgestürzte Weltraumlabor und versprach, er werde selbstverständlich für alle eventuell entstandenen Schäden aufkommen. Knapp 1000 Kilometer weiter westlich fand in Perth gerade die Wahl zur Miss Universum statt. Clevere Vermarkter und amerikanische Medien schickten flugs Miss USA für ein paar hübsche, bunte Bilder ins Niemandsland. Das war’s.

Wer 40 Jahre später nach Balladonia kommt, findet nahezu das gleiche Bild vor wie damals die Schönheitskönigin. Ein Motel, ein paar Baracken für zwei dutzend Bewohner und als Herzstück: Kneipe und Tankstelle. Die hat allerdings einen kleinen Anbau erhalten für das Heimatmuseum, auf dessen Dach von Weitem ein großes Skylab-Wrackteil lockt. Jeder Roadtrain-Trucker weiß, das Ding ist eine Fälschung. Die Nasa hat damals alle größeren Puzzleteile eingesammelt, lediglich ein paar kleine Reste künden vom einstigen Besuch aus dem Himmel, etwa eine verschmorte Platine in einer Vitrine. Für alle Irdischen ist das Balladonia Roadhouse das, was es schon immer war: der einzige Treffpunkt für Menschen im Umkreis von 500 Kilometern.

Es ist ein Phänomen der Mobilität: Dort wo sich beim Erschließen großer Landmassen zwei Eisenbahnstrecken kreuzten, entstanden Städte, an den Kreuzungen großer Straßen entstand nichts – außer vielleicht einer Tankstelle. Sie bot nicht nur die Chance, das Spritreservoir aufzufüllen, sich zu erleichtern oder etwas zu essen. Tankstellen waren Begegnungsstätten und Treffpunkte. Glaubt man der jüngsten Aral-Studie, sollen sie das künftig mehr denn je wieder sein. Die vom Erdölkonzern engagierten Forscher und die beteiligten Wissenschaftler des Deutschen Luft- und Raumfahrtzen­trums (DLR) sagen der Tankstelle eine große Zukunft voraus. „Solange sich Menschen fortbewegen, wird es eine Rolle und Potenziale für die Tankstelle geben“, meint der Aral-Vorstandsvorsitzende Patrick Wendeler. Gemäß ersten veröffentlichten Erkenntnissen aus der Studie werden die Menschen in Deutschland das auch mehr denn je tun: Für das Jahr 2018 vermeldete der ADAC mit 745 000 Staus ein Rekordjahr.

Laut Prognose des DLR werden die Deutschen 2040 mit Pkw und Nutzfahrzeugen 900 Milliarden Kilometer jährlich zurücklegen und damit rund ein Viertel mehr als noch im Jahr 2010 – und das obwohl die Bevölkerungszahl im gleichen Zeitraum um 4,7 Millionen Personen zurückgehen soll. Schon 2014 kam das Verkehrsministerium zu ähnlichen Zahlen. Den Zuwachs führen die Analysten vor allem auf die zunehmende Mobilität im Alter zurück und das schnelle Wachstum der Logistikbranche durch E-Commerce. Die Aral-Studie rechnet mit einer Verdopplung des Nutzlastverkehrs, während der Individualverkehr um fünf Prozent abnehmen soll. Ein Grund ist der wachsende Personenwirtschaftsverkehr, der in prosperierenden Städten den Transport der Menschen übernimmt – angefangen von klassischen Bussen bis hin zu autonomen Fahrzeugen. Die Studie blickt bis 2040 voraus. Barbara Lenz, Direktorin des Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, rechnet damit, dass bis dahin bereits jedes vierte Fahrzeug ohne Fahrer auskommt.

Schwierige Zeiten trotz steigender Mobilität

Trotz steigender Kilometerleistung geht dagegen die Zahl der Tankstellen wohl weiter zurück. Knapp 14 000 sind von einst 46 684 (Höchststand 1969) geblieben. Schärfere Umweltbestimmungen zwangen viele seit den 1990er Jahren zu schließen, unabhängige Betreiber konnten sich kostspielige Umbauten nicht leisten. Auch wenn der CO2-Verbrauch hierzulande im Vorjahr wieder leicht angestiegen ist, litt die Branche in den vergangenen Jahren unter effizienteren Motoren und niedrigeren Verbräuchen. Gleichzeitig ist die Marge an jedem verkauften Liter Kraftstoff weiter geschrumpft.

Freilich: Als es losging, boten Tankstellen ein lukratives Geschäft. Bertha Benz kaufte 1888 auf ihrer legendären Fahrt von Mannheim nach Pforzheim das Benzin buchstäblich zu Apothekenpreisen. Sie tankte Ligroin, ein sonst zum Reinigen verwendetes Leichtbenzin, in der Stadtapotheke von Wiesloch. 20 Jahre später waren Automobile noch immer äußerst exotische Fortbewegungsmittel. Um 1900 entstanden nach und nach weitere Verkaufsstellen. Das erste Tankstellenverzeichnis in Deutschland aus dem Jahr 1909 führt immerhin 2500 Zapfstellen, darunter Drogerien, Kolonialwarengeschäfte, Fahrradläden, Hotels und Gaststätten. Abgefüllt wurde Benzin in beliebige Behälter. Nicht selten kamen ausrangierte Milchkannen oder schlicht Flaschen zum Einsatz, übrigens in vielen afrikanischen Ländern eine bis heute übliche Praxis.

Erste standardisierte Tankstellen richtete John D. Rockefeller ein, dessen Standard Oil Company vom Fördern des Rohöls über den Transport mit eigenen Eisenbahnen bis zum Verkauf die gesamte Wertschöpfungskette kontrollierte. 1911 zerschlug der amerikanische Staat unter Präsident Theodore Roosevelt das Imperium, was dem Reichtum von Rockefeller aber keinen Abbruch tat. Er kaufte in großem Stil die stark gefallenen Aktien seines Unternehmens auf, in festem Glauben, der Bedarf an Öl werde zunehmen und die Wertpapiere wieder steigen lassen. Tatsächlich boomte das Geschäft des ersten modernen Oligarchen kurz darauf durch den beginnenden Ersten Weltkrieg. Im Bundesstaat Indiana stellte das Unternehmen 1917 den ersten Prototyp einer Großtankstelle auf: Erstmals konnten Kunden unter einem geschützten Dach tanken, ein Kassenhäuschen stand etwas abseits, an der Straße verkündete ein Mast mit Tafel die aktuellen Preise.

Erste Tankstelle in Hannover

Die Idee machte in den Roaring Twenties schnell Schule. Eine erste Tankstelle der Firma Olex entstand 1922 am Raschplatz in Hannover. Rockefellers Konzept setzte sich ab 1927 durch, in Hamburg konnte man an einer modernen Zapfsäule mit Füllrüssel tanken, zuvor mussten die Tankwarte den Sprit aus Kanistern einfüllen. Anfangs boten die Tankstellen Petroleum, Benzol und Benzin verschiedener Qualitäten an, Diesel kam erst später dazu, weil selbstzündende Motoren seinerzeit ausschließlich im Last- und öffentlichen Personenverkehr im Einsatz waren. Den ersten Superkraftstoff aus Aromaten und Aliphaten entwickelte das 1898 in Bochum gegründete Unternehmen Aral (daher der Name), mit 2450 Tankstellen heute die Nummer eins in Deutschland. Mit dem wachsenden Geschäft übernahmen allerorten große Ketten das Geschäft. Zu den Big Five gehören hierzulande BP (Marke Aral), Shell, Phillips 66 (Jet), Total und ExxonMobil (Esso). In Deutschland gibt es noch 500 freie Tankstellenbetreiber.

Angefangen bei den Autobahntankstellen, die als Erste von den gängigen Ladenschlusszeiten ausgenommen wurden, verlagerte sich das Geschäft über die Zeit auf andere Produkte als Kraftstoff oder Autozubehör. Mit dem Verkauf von Zeitschriften, Lebensmitteln, Snacks und Tabak bis hin zu Alkohol erfüllt die Tankstelle heute den Zweck eines 24-Stundensupermarktes inklusive Treffpunkt. Geht es nach Aral, soll genau dieser Faktor künftig eine noch größere Rolle spielen. Lange Zeit fremdelte die Ölindustrie mit alternativen Antriebsformen. Doch wer ein Elektroauto fährt, muss selbst an den 400 Schnellladestationen von Tesla mindestens eine halbe bis Dreiviertelstunde Zeit mitbringen, um wieder auf eine nennenswerte Reichweite zu kommen. Warum diese Zeit nicht für eine Mahlzeit nutzen? In Skandinavien, wo Elektromobilität dank staatlicher Subventionen deutlich verbreiteter ist, bewerben sich zunehmend Hotels oder hochpreisige Restaurants um Ladesäulen für die solvente Tesla-Kundschaft.

So könnte die Tankstelle der Zukunft aussehen: Klassische Zapfsäulen werden zugunsten von ultraschnellen Ladesäulen deutlich reduziert. Packstation und Carsahring-Services ergänzen das Angebot.

Tranformation des altbewährten Geschäftsmodells

Bei Aral fragt man sich: Warum nur Essen? Die Verweildauer an den Ladesäulen ließe sich auch als Arbeitszeit nutzen. Denkbar wären zeitlich anmietbare Computerarbeitsplätze oder Konferenzräume für Meetings. Wer dann doch zu einem festen Arbeitsplatz weiter muss, nutzt die Tankstelle der Zukunft als Umsteigestation. Mobilitätsdienste sollen zu einem vierten großen Standbein der Betreiber werden: Carsharing-Betreiber könnten dort ebenso Stützpunkte einrichten wie die Anbieter autonomer Taxidienste. Platz würde durch eine mehrstöckige Bauweise auf großzügigen Arealen zur Verfügung stehen. Tankstellenbetreiber könnten ebenso E-Bikes oder konventionelle Fahrräder verleihen. Wer Business oder Besorgungen erledigt hat, holt sein aufgeladenes Auto wieder an der Tankstelle ab. Bei der Gelegenheit ließen sich dann auch per Internet georderte Waren einladen. Die Tankstelle von morgen soll auch als Paketstation dienen. Wehrte sich die Ölwirtschaft bisher mit Händen und Füßen gegen alles, was in Sachen Antrieb nicht zum Kerngeschäft gehört, ist die Zapfstation im Jahr 2040 selbstredend ein Potpourri der Auffüllmöglichkeiten. Schnellladesäulen für Elektroantriebe gehören ebenso dazu wie Zapfsäulen für Erdgas und Flüssiggas, in denen Aral-Chef Wendeler zusätzliches Potenzial sieht. Bisher sehen die klassischen Erdölunternehmen im Verkauf alternativer Energieträger kein großes Geschäft: zu gering die Stückzahlen, zu lang die Ladezeiten, zu unterschiedlich die Bezahlsysteme. Doch bis 2040 fließt eine Menge Wasser den Rhein hinunter und Strom in eine wachsende Zahl von Fahrzeugen.

Wer Studien mit dem DLR betreibt, kommt um Luftfahrt nicht herum: Warum in die Tankstelle der Zukunft nicht einen Landeplatz für autonome Helikopter oder sonstige fliegende Transportvehikel integrieren. Immerhin hat die Firma Volocopter aus Bruchsal 2016 die weltweit erste Lizenz für elektrische Senkrechtstarter erhalten. Firmengründer und Visionär Alexander Zosel hat gerade den Auftrag ergattert, den Testbetrieb für eine Flotte von Lufttaxis für Singapur aufzubauen. „Wir könnten schnell mit Verbindungen zwischen Flughäfen und Innenstädten beginnen“, sagt der Ex-Basketballer und DJ. In zehn Jahren will Volocopter bis zu 100 000 Passagiere pro Stunde durch Millionenstädte wie Dubai fliegen, bis zu 27 Kilometer weit. Die Unternehmensberatung Porsche Consulting kalkuliert den Umsatz mit Lufttaxis im Jahr 2035 auf 32 Milliarden US-Dollar. Als Start- und Landeplätze dienen sogenannte Hubs, an denen Batterien und Passagiere gewechselt werden können. Genau dort könnte die Tankstelle ins Spiel kommen.

Bei allen Visionen für eine alternative Mobilität: Die Aral-Studie lässt keinen Zweifel daran, dass auch in zwei Jahrzehnten der größte Teil der Fahrzeuge teilweise oder ganz mit Verbrennungsmotoren arbeiten wird. Den Löwenanteil an Neuzulassungen machen demnach mit geschätzten 68 Prozent Hybridautos aus, die mit Benzin oder auch Diesel fahren können. Die Forscher von Aral und DLR erwarten bis 2040 etwa 1,3 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen, ein Anteil von 13 Prozent. Eine Untersuchung des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation ist etwas optimistischer: Dort geht man bis 2030 von immerhin 25 Prozent aus. Aber auch in dieser Prognose zapft die Mehrheit noch Kraftstoff für Verbrennungsmotoren. Patrick Wendeler sieht sich damit nicht als Bewahrer des Ewiggestrigen: „Wir werden mit weiterentwickelten hochwertigen Kraftstoffen, die zunehmend Biokomponenten oder synthetische Kraftstoffe enthalten, auch in den nächsten Jahrzehnten punkten“, ist sich der Aral-Vorstandschef sicher. Und egal ob die Menschen in der Zukunft ihre Flugtaxis, Elektrofahrräder, Autos oder ihre Mägen auffüllen wollen – für DLR-Verkehrsforscherin Barbara Lenz ist klar: „Mit Sicherheit hat die Tankstelle auch in Zukunft eine wichtige Rolle für unsere Mobilität. Mit neuen Funktionen kann sie zu einem Knotenpunkt in unserem Alltag werden.“