Urbane Mobilität im Wandel (Bosch_1-eb-21595-2-min)

E-Bikes werden auch 2019 der Fahrradbranche Auftrieb geben. Jeder Zweite interessiert sich für ein Rad mit Elektromotor und Vernetzung. Bild: Bosch

| von Claas Berlin

Elektrisch motorisierte Tretroller, Skateboards, Hoverboards, ein Mono-Wheel – es gibt viele interessante Alternativen, sich flink durch Innenstädte zu bewegen, statt im täglichen Autostau zu stehen. Vor allem E-Bikes werden immer populärer: Einst mit einem muffigen Reha‐Stigma behaftet, zählen sie heute zu den Bestsellern im Zweiradsegment und haben sich zu einem festen Bestandteil individualmobiler Lösungen gemausert. Nach Berechnungen des Zweirad-Industrie-Verbands ZVI fuhren zum Jahresbeginn 2018 fast vier Millionen Elektroräder durch Deutschland. 720.000 Stück davon rollten allein 2017 aus den Shops – ein Rekordplus. Dass nun ausgerechnet ein Radtyp das Umdenken befeuert, der am Prinzip der Fortbewegung durch pure Muskelkraft gehörig modelliert, zeigt deutlich, dass die Fahrradwelt Konventionen über Bord geworfen und Vorurteile überwunden hat.

Tatsächlich scheint das E‐Bike eine Lücke genau in dem Moment zu schließen, in dem sie entsteht. Zur rechten Zeit am rechten Ort geben Pedelecs Antworten auf drängende Fragen der Zeit: vom Verkehr verstopfte Städte, Umweltverschmutzung und steigenden Energiebedarf. Vielen erscheinen E-Bikes als ideales Verkehrsmittel und runden die persönliche Bewegungsfreiheit sinnvoll ab. Analog zur Autowelt sollen Vernetzung und Prozessdigitalisierung auf dem Fuß folgen und Plattformen nützliche Services auch für diese Form der Mobilität bereitstellen.

Keine Frage: Ein E-Bike bringt gute Voraussetzungen mit, um es zu vernetzen. Strom steht zur Verfügung, zusätzliches Gewicht ist kein KO-Kriterium, durch Akku und E-Antrieb gibt es Bauraum, der für Speicher und Konnektivität zur Verfügung steht. Weil das Gesamtprodukt komplexer ist als konventionelle Räder, können wesentlich mehr Daten erfasst, gespeichert und ausgewertet werden. Der höhere Grundpreis ermöglicht es, selbst aufwendige Vernetzungslösungen besser zu refinanzieren. Doch davon ist die Branche aktuell noch weit entfernt. „Stand heute beginnen erste Hersteller, lokale Speichermöglichkeiten im Fahrrad zu implementieren, um das asynchrone Auslesen von Betriebsdaten in der Werkstatt zu ermöglichen“, erklärt Walter Melcher, Produktmanager beim Softwareentwickler Doubleslash in Friedrichshafen am Bodensee und Experte für Connected Bikes. Auf native Online-Konnektivität, beispielsweise über festverbaute SIM-Karten, müssen technikaffine Radler wohl noch einige Jahre warten. Schuld daran ist die mangelnde Bereitschaft, monatliche Mehrkosten für ein vernetztes Fahrrad zu tragen. Auch mit der alternativen Vernetzung über die Funktechnologie Narrowband IoT tun sich Hersteller schwer: Sie ist hierzulande nicht flächendeckend verfügbar und es gibt zu viele Device-Anbieter und Provider. „Es ist nicht absehbar, welche Spezifikation am Ende das Rennen machen wird“, sagt Walter Melcher.

Kunden interessieren vor allem zwei Features: alles rund ums Thema Navigation sowie damit verbundene Online- und App-basierte Drittanbieterservices, die sie bei ihrer Tourenplanung unterstützen und das Aufzeichnen gefahrener Strecken möglich machen. Das leisten jedoch schon einfache Fahrradcomputer, die an den Lenker geklemmt und über eine Bluetooth-Kopplung mit dem Smartphone internetfähig gemacht werden. Sie bieten zahlreiche Funktionen, die das individuelle Fahrerlebnis durchaus bereichern – GPS-Navigation und Erfassung von Parametern wie Geschwindigkeit, Wegstrecke, Steigungen oder Trittfrequenz.

Connected Bikes aber wollen mehr bieten: Notruf- und Ortungsdienste zum Beispiel oder die Möglichkeit, einen Diebstahl des Rads sofort zu melden und nach zu verfolgen. „Um darauf aufbauenden Geschäftsmodellen zum Durchbruch zu verhelfen, müssen nicht nur die technischen Rahmenbedingungen integrativer gestaltet werden, sondern auch Polizeibehörden und Versicherungen auf breiter Front mitziehen“, weiß Produktmanager Melcher. „Wir stehen nicht bei Null, aber es ist noch viel Arbeit zu leisten. Wenn ich auf die aktuellen Produkt-Roadmaps der Fahrradhersteller blicke, wird die Branche wohl noch fünf bis sieben Jahre brauchen, um solche Services in der Breite anbieten zu können – selbst wenn Pioniere in diesem Bereich schon heute damit beginnen.“

Beschleunigen können die Entwicklung neutrale Plattformen wie BikeCrowd. Sie bilden Räder digital ab, Anbieter können hochwertige Rundum-Services entwickeln und verteilen. Hersteller von Fahrrädern, Komponenten und E-Systemen nutzen die auflaufenden Betriebsdaten, um viel über die Rahmenbedingungen zu lernen, denen ihre Hardware ausgesetzt ist. Mit den Informationen können sie ihre Produkte passgenau optimieren und an den Bedarf der Nutzer anpassen. Ändern sich die Rahmenbedingungen oder Kundenanforderungen, lässt sich das an den BikeCrowd-Daten schnell ablesen. Im Frühjahr 2019 – rechtzeitig zum Beginn der Fahrradsaison – will Doubleslash die zu BikeCrowd gehörige App im deutschsprachigen Raum am Start haben. Für Biker ist das Programm kostenlos. Bezahlen werden sie mit ihren Nutzerdaten – wie in der Digitalwirtschaft üblich.