Eine Frau steht mit einer Straßenkarte mitten in der Wüste neben ihrem Auto und ist beim Lesen im Seitenspiegel zu sehen.

Die Straßenkarte hat noch nicht ausgedient. Der Shell-Atlas 2020/21 ist im Handel und die ADAC-Karten erfreuen sich ungebremster Beliebtheit. Bild: Adobe Stock/plprod

| von Markus Stier

Es sollte eine beschauliche Landpartie an der Elbe werden. Als Victor Klemperer und die Seinen 1936 ins Auto steigen, ahnen sie nicht, dass sich die Tour nach Torgau in einen Horrortrip verwandeln wird. „Immer bösere Dorfstraßen, Schlamm, Löcher, förmliche Granattrichter, aus denen das Spritzwasser wie ein Sturzsee über uns planschte“, berichtet der Literaturwissenschaftler und spätere Politiker in seinem Tagebuch.

Sein gebrauchter Opel, Klemperers ganzer Stolz, rutscht und wankt, jeden Moment rechnet sein Lenker mit einem Überschlag oder zumindest einem Reifenschaden. Nach etlichen Kilometern Tortur scheint das Schlimmste überstanden, aber plötzlich ist die Straße gesperrt. Die Klemperers müssen die ganze Strecke wieder zurück. Er hätte besser auf Kurt Mair gehört: „Gute Autokarten sind für Planung und Durchführung einer Fahrt unerlässlich“, war das Credo des begeisterten Motorrad- und Autofahrers vom Traunsee, der schon in den 1920er Jahren erstens den Motortourismus und zweitens die Notwendigkeit vor­aussah, Automobilisten mit möglichst zuverlässigen Streckeninformationen zu versorgen.

Die ersten Straßennamen heißen Magellanstraße, Drakestraße oder Frobisher Strait – benannt nach großen Navigatoren, die wichtige Schifffahrtsrouten eröffneten. Der Mensch des Mittelalters kommt in seinem Leben kaum über einen Radius von zwanzig Kilometern über seinen Geburtsort hinaus, mit der Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus beginnt 1492 die Neuzeit und die Epoche der Entdecker. Es schlägt auch die Stunde der Kartografen. Kartenmaler wird erst im 16. Jahrhundert ein echter Beruf und der Begriff zeigt, dass es sich durchaus um eine Kunst handelt.

Alle Wege führen nach Rom

Frühe Karten werden wie Staatsgeheimnisse gehütet. Wer im Gewirr der Landmassen des blauen Planeten Abkürzungen kennt, wer in riesigen Ozeanen die genaue Position einer Frischwasser führenden Insel weiß, hat einen wirtschaftlichen und militärischen Vorteil. Kartografie ist nicht zuletzt ein politisches Thema. Als um 330 n. Chr. ein unbekannter Künstler die nach ihrem späteren Herausgeber Konrad Peutinger benannte „Tabula Peutingeriana“ anfertigte, lautete die unmissverständliche Botschaft: Alle Wege führen nach Rom.

Knapp sieben Meter lang, zeigt die älteste erhaltene Straßenkarte der Welt das Römische Reich von der spanischen Atlantikküste bis nach Indien. Doch geht es bei der zwölfteiligen Pergamentrolle nicht um die tatsächliche Ausdehnung eines bereits bröckelnden Weltreiches, sondern in stark verzerrter Form auf nur 34 Zentimetern Breite um das über 100.000 Kilometer umfassende Straßennetz, die Entfernungen zwischen Städten und Siedlungen. Eingezeichnet sind bereits Thermen und Tempel, Raststätten und Poststationen, aber auch Wälder.

Dass topografische Besonderheiten zur Orientierung und zum sicheren Transport unerlässlich sind, erkennt auch John Ogilby. Der Schotte ist der Erfinder des Straßenatlanten. Sein 1675 herausgegebenes Werk zeigt auf 300 handgravierten und kolorierten Seiten die wichtigsten Strecken durch England und Wales. Ogilby führt standardisierte Symbole für Ackerflächen oder Kirchen ein, zeigt Richtungsänderungen mit Pfeilen an und markiert Steigungen und Gefällstrecken. Der Atlas „Britannia“ bleibt bis ins 19. Jahrhundert ein Verkaufsschlager. Genutzt wird er aber eher von Stubengelehrten, mit knapp sieben Kilo Gewicht ist das Standardwerk als Reiseutensil eher ungeeignet.

Michelin wird Pionier des Straßenatlas

Die ersten genauen topografischen Karten, auf denen jeder Weg und jeder Weiler verzeichnet ist, werden für das Militär angefertigt. Sie sind eher Aufmarschpläne als Navigationshilfen. Aber mit dem Siegeszug des Fahrrads und der zunehmenden Motorisierung der 1920er Jahre werden Straßen auf den Karten immer wichtiger. Aus der bei der preußischen Armee hoch gelobten „Spezialkarte“ von Gottfried Reymann wird die erste deutsche Generalkarte im detaillierten Maßstab 1:200 000. Mit der Massenmotorisierung werden die einst kostbaren und seltenen Karten zu Werbemitteln. Die Zulieferindustrie bemächtigt sich des immer populärer werdenden Mediums.

Der Reifenhersteller Michelin bringt ab 1911 erste einheitliche Karten Frankreichs einzeln oder gebunden als Atlas heraus. André Michelin schafft eine Institution und auch Tatsachen: Die Klassifizierung der Straßen nach Größe und Bedeutung und die von Paris ausgehende Durchnummerierung übernimmt später der Staat. Reifenhersteller wie Continental und Dunlop, Mineralölkonzerne wie Leuna und Esso geben Karten heraus, der Straßenatlas von Shell ab 1950 wird schnell eine Institution. Nur wenige hochspezialisierte Verlage sind in der Lage, präzise und gut lesbare Karten anzufertigen, für Shell arbeitet das Unternehmen von Visionär Kurt Mair, der auch Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke aufzeichnet.

Zwischen Massenautomobilisierung und Wirtschaftswunder liegt der Zweite Weltkrieg, dessen Flächenbombardements – neben den natürlichen Feinden Regen, Frost, Erosion und Schwerlastverkehr – auch die Straßen schwer in Mitleidenschaft gezogen haben. Noch 1950 beklagt die deutsche Zeitschrift Das Auto, dass viele Karten zerstörte Wege und notwendige Umleitungen nur unzureichend abbilden. Bei Mair hofft man noch in den 1990er Jahren, präzise Karten könnten nicht nur Streckenalternativen aufzeigen, sondern auch beim Stauumfahren helfen.

Gedruckte Straßenkarten haben noch Zukunft

Doch seit nach der Jahrtausendwende die große Digitalisierung des Straßennetzes beginnt, übernehmen diese Funktionen Navigationssysteme, denen es leichter fällt, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Die Erkundungsabteilung bei MairDumont musste schon vor dem Mauerfall allein in Westdeutschland 300 Behörden abtelefonieren, um auf aktuellem Stand zu bleiben, bei TomTom setzt man auf Schwarmintelligenz. Bis zu 1.000 Freiwillige rapportieren Straßenumbauten- oder Sperrungen aktiv oder automatisch. Wo viele Nutzer fahren, ist auch eine Straße, sagt sich die Software, und so findet ein neuer Kreisverkehr ebenso schnell Einzug wie ein frisch erschlossenes Gewerbegebiet. Mit Mobilfunkdaten können Smartphones Staus nahezu in Echtzeit melden.

Die Straßenkarte hat derweil nicht ausgedient. Der Shell-Atlas 2020/2021 ist im Handel, die ADAC-Karten erfreuen sich ungebremster Beliebtheit. Zum einen bieten physische Karten mit ihrem Detailreichtum von Höhenlinien bis Küstenverläufen ein deutlich präziseres Bild als die vereinfachten digitalen Varianten. Bordcomputer und Smartphone mögen den Reisenden auf kürzestem oder schnellstem Weg ans Ziel führen, auf Karten sind schon seit den 1950ern landschaftlich reizvolle Straßen farblich gekennzeichnet. Vor allem aber liefert das Navi-System immer nur den kleinen Ausschnitt, die Karte aber den Blick aufs große Ganze. Ihre Stunde schlägt schon bei der Planung der nächsten Reise. So beginnt der Urlaub schon lange vorher, mit dem Finger auf dem Papier.

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