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Dräxlmaier zählt zu den größten Zulieferern von Bordnetzen und Elektrik/Elektronik-Komponenten. Bild: Dräxlmaier

| von Christoph Hammerschmidt

Auch in der von den Medien täglich aufs Neue durchleuchteten, globalisierten Glitzerwelt der Autoindustrie gibt es Firmen, die vorwiegend unter dem Radar fliegen. Die Dräxlmaier Group aus dem niederbayerischen Vilsbiburg ist eines davon. Das Familienunternehmen hätte durchaus das Zeug zum Hidden Champion. Mit rund 60 000 Beschäftigten an 60 Standorten in 20 Ländern und einem Umsatz von gut vier Milliarden Euro (2017) hat es eine stattliche Größe; im Bereich Kabelbäume, Cockpits und Interieur dürfte es weltweit nur wenige Konkurrenten mit einem ähnlichen Profil geben.

Ein Startup ist Dräxlmaier nicht mehr: Kürzlich feierten die Niederbayern ihren 60. Geburtstag. Dass man aber kein Startup sein muss, um innovativ zu sein, legt die Patentstatistik des Unternehmens nahe – allein 2016 hat es 190 Erfindungen angemeldet. Insgesamt finden sich in Dräxlmaiers IP-Portfolio mehr als tausend Patentfamilien, die Mehrzahl davon ist jünger als fünf Jahre.

Gegründet im Wirtschaftswunderjahr 1958, belieferte Dräxl­maier – damals als Startup-Unternehmen – zunächst einen Vertreter der automobilen Zunft, den heute kaum noch einer kennt: Den Autobauer Glas aus dem nahegelegenen Dingol­fing. Wo heute BMW seine europaweit größte Fertigungsstätte betreibt, schraubte Glas damals sein legendäres Goggomobil zusammen.

Der 20 PS starke Winzling gilt als Ikone der deutschen Motorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg; Dräxlmaier lieferte den Kabelbaum – auch nachdem Glas 1966 von BMW übernommen wurde. Im Lauf ihrer Geschichte weiteten die Niederbayern ihr Produktspektrum erheblich aus; unter anderem assemblieren sie heute auch komplette Cockpitbaugruppen oder übernehmen die Gesamtverantwortung für das Interieur. Zur Kundschaft zählen OEMs der Topliga wie eben der Glas-Aufkäufer BMW, aber auch Audi, Daimler, Jaguar und angeblich sogar Tesla.

Kerngeschäftsfeld blieb dabei der Kabelbaum. Entgegen seinem Image als Low-Tech-Artikel ist dieser Nervenstrang der Autos vor allem fertigungstechnisch ein hochkomplexes Produkt, er muss die gesamte Variantenvielfalt des jeweiligen Fahrzeugmodells abbilden – gerade bei den deutschen Autoherstellern keine triviale Angelegenheit. Dräxlmaier heftet sich denn auch die Erfindung des „kundenspezifischen Kabelbaums“ ans Revers: ein Kabelsatz, der für jedes bestellte Auto maßgeschneidert angefertigt wird und nur diejenigen Funktionen enthält, die für genau dieses Auto benötigt werden.

Dem Unternehmen zufolge kann ein solcher Kabelsatz, theoretisch jedenfalls, in 10 hoch 31 Varianten gefertigt werden – eine unvorstellbar große Zahl. Die hochgradige Individualisierung dieses Bauelements spiegelt sich in einem hohen Anteil an Handarbeit. Imagevideos des Unternehmens zeigen Werkhallen mit zahllosen Einzelarbeitsplätzen zur Kabelbaummontage.

Die wahre Herausforderung aber liegt in der Logistik: Für jedes Auto, das am Fließband gefertigt wird, wird ein Bordnetz in Losgröße eins erstellt. Dieser Kabelbaum, der in kein anderes Fahrzeug passt, muss genau im richtigen Moment angeliefert werden – „just in time“ und „just in sequence“. Dräxlmaier setzte daher schon früh auf massiven IT-Einsatz. Bereits 1987 führte das Unternehmen das Supply Chain Management (SCM) als eine der zentralen IT-Anwendungen ein.

Das autonome Fahren beschert den Vilsbiburgern neue Geschäftsmöglichkeiten, aber auch neue Herausforderungen. Die Bordnetze für autonome Fahrfunktionen müssen ausfallsicher ausgelegt sein und sogar bei Versagen der Hauptbatterie die Energieversorgung gewährleisten. Auch bei der Zukunftstechnik Elektromobilität mischt Dräxlmaier mit und entwickelt Hochvolt-Bordnetzkomponenten, Batteriesysteme und Steuergeräte.

Einen speziellen Entwicklungsschwerpunkt setzt CTO Martin Gall im Bereich der Interieurbeleuchtung. Diese werde über ihre Bedeutung als Ästhetik- und Designelement künftig zusätzliche Informations- und Warnungsfunktionen übernehmen, so der Technikchef (siehe Interview unten). Möglich wird dies durch die Digitalisierung der Innenraumbeleuchtung.

Nachholbedarf besteht aber offenbar im Bereich von Kooperationen und Networking. Wo andere Automobilzulieferer eifrig Allianzen schmieden und sich in Teilbereichen sogar mit Wettbewerbern zusammentun, um sich den Zugang zur jeweils neues­ten Technik zu sichern, genügten sich die Niederbayern lange Zeit selbst. Erst seit einem Jahr betreiben die Bordnetzspezialisten eine Forschungskooperation mit der TU München.

Über weitere Networkingaktivitäten schweigt sich das Unternehmen weitgehend aus. Es gebe „verschiedene Projekte mit mehreren Hochschulen“, teilt die Dräxlmaier-Presseabteilung schmal­lippig mit. Ob das reicht, um das Entwicklungstempo mitzuhalten? Zweifel sind da durchaus angebracht.