Ein autonomes Fahrzeug mit der Aufschrift Otonomo.

Das Geschäftsmodell von Otonomo könnte den großen Tech-Konzernen ein Dorn im Auge sein. Bild: Otonomo

| von Chris Löwer

Zum Unternehmen:

Name: Otonomo

Standort: Herzlia, Israel

Produkt: Cloudbasierte Datenservice-Plattform

Gründung: 2015

Gründer: Avner Cohen, Ben Volkow

Mitarbeiter: 100+

Investoren: Aptiv, Bessemer Venture Partners, Dell Technologies Capital, Hearst, Maniv Mobility, Stage One und andere

Auszeichnungen: Gartner „Cool Vendor 2018“, Frost & Sullivan 2018 European Car Data Platform New Product Innovation Award, Top 100 Insurtech Firms 2019 ...

Daten sind der Treiber für intelligent vernetzte Fahrzeuge sowie neue digitale Dienste und Services. Deshalb sind Alphabet, Apple und Co. so scharf auf den binären Output von Fahrzeugen. Automobilhersteller wiederum zieren sich, diesen Schatz einfach so preiszugeben. Nur: Weder sich den Giganten aus dem Silicon Valley willfährig auszuliefern noch in eine Connected-Car-Kleinstaaterei zu verfallen, sollte die Lösung sein. Die Daten müssen aus ihren Silos befreit werden, damit sie gewinnbringend von mehreren Akteuren genutzt werden können. Diese Idee trieb Ben Volkow um, als er vor fünf Jahren Otonomo gründete.

Zusammenarbeit mit der Autoindustrie

Das israelische Startup sammelt, aggregiert und analysiert Fahrzeugdaten, um sie über eine Art Marktplatz OEMs, Zulieferern, Versicherungen, Kommunen und Diensteanbietern zugänglich zu machen. Ein milliardenschweres Geschäft, das sich letztlich nach dem Motto „Teile und herrsche“ für alle Beteiligten auszahlen kann. Otonomo versteht sich mit seiner cloudbasierten Plattform als neutraler Makler, der Daten herstellerunabhängig gebrauchstauglich und gesetzeskonform verfügbar macht. Und damit US-Tech-Riesen wie Alphabet in die Suppe spuckt. Was Volkow so natürlich nie sagen würde. Er spricht eher davon, dass Autohersteller, Fahrer und Dienstleister dank Otonomo nun die Möglichkeit haben, Teil eines Ökosystems zu werden, das Daten austauscht.

Das gelingt allerdings nur, wenn die Fahrzeuge gesichert angezapft werden und tatsächlich untereinander Informationen austauschen können. Es braucht also offene und idealerweise standardisierte Schnittstellen. Daher befindet sich Volkow und sein Team in regem Austausch mit der Autoindustrie. Derzeit arbeitet das Startup mit einem guten Dutzend Hersteller zusammen, darunter BMW, Daimler, Fiat Chrysler, Mitsubishi und PSA. „Wir sind sehr gut vernetzt“, sagt Henning Wiefelspütz, bei Otonomo zuständig für die DACH-Region, und verweist darauf, dass die Automotive-Data-Services-Plattform von Otonomo ein stark wachsendes Ökosystem von Herstellern, Fuhrparks und mehr als 100 Dienstleistern antreibt.

„Unsere neutrale Plattform nimmt täglich mehr als 2,6 Milliarden Datenpunkte von über 20 Millionen weltweit vernetzten Fahrzeugen sicher auf, verarbeitet sie und reichert sie an, um die Markteinführung neuer Dienste zu beschleunigen“, so Wiefelspütz. Otonomo kauft die Daten direkt bei den Herstellern ein und stellt sie anonymisiert anderen Anwendern oder App-Entwicklern zur Verfügung.

Vielzahl gewinnbringender Anwendungsfälle

Das ist das Geschäftsmodell: Die Firma verdient am Handel mit Daten und deren Aufbereitung, Hersteller verdienen durch den Datenverkauf hinzu oder bezahlen, wenn sie sich aus dem Datenpool bedienen möchten – der eher ein See als ein Pool ist: Letztlich können alle denkbaren Informationen erfasst und verarbeitet werden, darunter sämtliche Sensordaten, GPS-Koordinaten, Beschleunigungswerte, durchschnittlich gefahrene Geschwindigkeiten, Scheibenwischer- sowie Lichtstatus und Werte rund um den Fahrzeugzustand.

Die Zielgruppe potenzieller Datenkäufer steckt das Startup weit, was Wiefelspütz anhand denkbarer Anwendungen illustriert: Durch die Aggregierung, Anonymisierung und Organisation der Fahrzeugdaten können Vehikel vorausschauend gewartet, Flotten effizienter organisiert und Parkplätze treffsicher gefunden werden. Nutzungsabhängige Versicherungen und Concierge-Dienste wie Wagenpflege, Reparaturen oder Betankung auf Abruf – vor allem von Elektrofahrzeugen – zählt die Firma zu einigen der zukunftsträchtigsten Dienste. Nicht zuletzt könnten Kommunen so ihre Parkräume besser bewirtschaften, Schlaglöcher aufspüren und den städtischen Verkehr intelligenter dirigieren.

Ungeachtet des in Europa seit Kurzem vorgeschriebenen Notrufknopfes in Autos ist für Wiefelspütz die automatische Unfallerkennung ein wichtiger Anwendungsfall, bei dem neben dem Unfallort unter anderem auch Daten über Beteiligte, Art des Aufpralls und Anzahl der Verletzten an Ersthelfer übermittelt werden. Laut Otonomo arbeiten die Entwickler der Firma mit Vertretern aus zwölf Branchen zusammen, um neue Services aufzusetzen und Business Cases auszuloten. Die junge Firma betreibt dazu neben dem Headquarter im israelischen Herzlia Pituach auch in den USA und Deutschland Forschungs- und Entwicklungszentren.

Komplettlösung für Datenschutz

Egal, um was es geht, die Daten werden stets sicher und im Wissen des Autofahrers weitergegeben: „Privacy by Design ist das Kernstück unserer Plattform, die DSGVO-, CCPA- und andere datenschutzkonforme Lösungen mit persönlichen als auch aggregierten Daten ermöglicht“, lässt Wiefelspütz wissen. Bei personenbezogenen Daten bietet Otonomo eine Komplettlösung für die Zustimmungsverwaltung an.

Wie heiß das Thema ist, wurde Ben Volkow klar, als ihn BMW bei seinem Job als Mitgründer und CEO des Startups Traffix Systems anheuerte, eine Datenbank für vernetzte Autos aufzubauen. Volkow ist übrigens Serientäter: Otonomo ist seine dritte Gründung. Bleibt abzuwarten, ob es dabei bleiben wird.

Auf dem gemeinsamen Kongress von automotiveIT und carIT, dem größten Branchentreffen der Automobil- und IT-Industrie in Deutschland (am 26. und 27. Oktober im WECC in Berlin) werden sich Teilnehmer exklusiv bei Vertretern von Otonomo darüber informieren können, wohin die Reise gehen wird und welche Datenschätze sich aus vernetzten Autos noch heben lassen. Denn Otonomo und Co. stehen erst am Anfang einer spannenden Entwicklung.

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