Audi turns the car into a virtual reality experience platform at

Audi präsentiert eine Technologie, die virtuelle Inhalte in Echtzeit an die Fahrbewegungen des Autos anpasst. Bild: Audi  

| von Götz Fuchslocher

Das flaue Gefühl um die Magengegend kennen viele: Etwa, wenn man während der Fahrt ein Buch liest, schreibt oder einen Film auf dem Tablet anschaut. Die Reisekrankheit, oder: Kinetose, rührt aus widersprüchlichen Informationen der Sinnesorgane. Die Augen des automobilen Mitfahrers sehen quasi Stillstand, während der Gleichgewichtssinn im Ohr Bewegung wahrnimmt.

Die Reisekrankheit könnte sich mit Zunahme des automatisierten oder autonomen Fahrens weiter ausbreiten, wenn noch mehr Menschen aufgrund hinzugewonnener Zeit im Auto anderen Tätigkeiten nachkommen als aus dem Fenster zu schauen. Einer Studie der Universität Michigan zufolge, die unter 3.200 Personen aus fünf Ländern durchgeführt wurde, sollen zwischen sechs und zwölf Prozent beim autonomen Fahren unter Reisekrankheit leiden.

Augen und Ohren synchronisieren

Die Wissenschaft wie auch die Automotive-Unternehmen sind am Thema dran. So haben sich Medienberichten zufolge Wissenschaftler der Universität von Michigan eine Lösung patentieren lassen, die darin besteht, dass Lichtsignale nahe den Augen quasi Bewegungen signalisieren. Als mögliche Lösung haben die Experten zwei Varianten zum Patent angemeldet, einmal eine Brille, zum anderen ein fest im Fahrzeug installiertes System. Wie man hört, sei man dabei, mit Zulieferern und Autoherstellern Kontakt aufzunehmen.

Die Brille „Seetroën S19“ von Citroën erzeugt mithilfe einer sich bewegenden, farbigen Flüssigkeit einen künstlichen Horizont, um den Konflikt der Sinnesorgane aufzulösen. Bild: Citroën

Eine preiswerte Lösung, quasi to go, zeigt derzeit schon mal der französische Autohersteller Citroën mit einer Brille gegen Reisekrankheit, für die man den Namen „Seetroën“ wählte. In einem Brillengestell kommt eine Flüssigkeit zum Einsatz, die einen künstlichen Horizont erzeugt. Laut dem OEM soll sich dadurch der Konflikt der Sinnesorgane auflösen lassen. Sobald erste Symptome der Reisekrankheit auftreten, soll die Brille für etwa zwölf Minuten getragen werden, heißt es. Wie Citroën kürzlich meldete, konnte man mit Seetroën bereits wenige Monate nach dem Launch mehr als 20 Millionen Klicks und 15.000 Verkäufe erzielen.

Dies veranlasste den OEM anlässlich der Technologiemesse VivaTech dann im Mai ein weiteres Modell zu präsentieren, das man gemeinsam mit dem Startup Boarding Ring und dem Designstudio 5.5 kreiert hat. Laut Citroën können die Brillenmodelle Seetroën und Seetroën S19 von Erwachsenen und Kindern ab zehn Jahren verwendet werden – ein Alter, ab dem das Innenohr komplett ausgebildet ist. Da die Brille keine Gläser besitze, könne sie von allen von Familienmitgliedern oder Mitreisenden genutzt und auch über einer anderen Brille getragen werden, hört man vom französischen OEM. Citroën bietet die Brille zu einem Preis von 99 Euro in seinem Liefestyle-Webstore an.

Unterstützung durch komplexe Algorithmen

Forschungen an Techniken, die geeignet sein sollen, die Symptome der Reisekrankheit um mindestens 60 Prozent zu reduzieren, kündigte Jaguar Land Rover bereits Ende des vergangenen Jahres an. Die Engländer gehen das Thema mit Blick auf die Fahrzeugdynamik und Cockpiteinstellungen an und arbeiten dazu mit komplexen Algorithmen. Bislang wisse man noch wenig über die genauen Gründe für die Missempfindungen und mögliche Abwehrmechanismen, sagt Spencer Salter, der bei Jaguar Land Rover Wellness-Technologien für Autoinsassen erforscht. Mit dem von den Briten ermittelten Algorithmus soll sich künftig für jeden Passagier eine individuelle Wellness-Quote errechnen lassen. Mit dieser wiederum lassen sich Fahrverhalten und Cockpiteinstellungen personalisieren. Damit können laut JLR Gefühle von Unwohlsein um die genannten mindestens 60 Prozent reduziert werden.

Bei JLR hat man viele tausende Kilometer Erfahrung dazu gesammelt, wie sich etwa das Lesen von E-Mails beim Fahren auswirkt. Bereits mit Blick auf autonom fahrende Fahrzeuge sei es gelungen, eine Grundeinstellung für den Betrieb selbstfahrender Fahrzeuge zu entwickeln, hört man vom OEM. Diese reduzieren beispielsweise Lenkkorrekturen auf ein Mindestmaß, um so bei arbeitenden oder ausspannenden Insassen das Aufkommen von Übelkeit gleich zu unterbinden. Der „Wellness-Quotient“ errechnet, wie schnell einzelnen Fahrern und Passagieren beim Fahren schlecht werden könnte. Dabei helfen biometrische Sensoren, die physiologische Signale aufzeichnen. In Kombination mit Bewegungs- und Dynamik-Daten erfahre das Fahrzeug verlässlich, wenn ein Passagier oder Fahrer entlastet werden sollte, heißt es.

Wie JLR bereits zum Ende des vergangenen Jahres mitteilte, sind die Forschungsergebnisse zur Reisekrankheit das Produkt jahrelanger Simulations-Reihen über und persönlicher Erfahrungen mit Müdigkeits- und Übelkeitssymptomen. Die Arbeit von Spencer Salter zählt laut dem OEM zu den bislang umfangreichsten und gründlichsten über die Reisekrankheit. Die Forschungen erlauben es Jaguar Land Rover, Projekte für Zukunftstechnologien um die Wellness an Bord steigernde Technologien zu erweitern. Mit dem Ziel, durch weiter personalisierte Lösungen das Wohlbefinden weiter zu steigern.

Eine erste praktische Umsetzung der Erkenntnisse im Kampf gegen Müdigkeit und Unkonzentriertheit gibt es bereits. So sollen etwa im Jaguar E-Pace 26 verschiedene Sitzeinstellungen dazu beitragen, dass die Position der Augen in eine Ebene mit dem Infotainment-Touchscreen gebracht wird. Zugleich gelinge die für Fahrer und Beifahrer getrennte Regelung der Heiz- und Kühlfunktion der Sitze optimal, heißt es. Beides habe, ebenso wie der Aufmerksamkeitsassistent, bereits nachweislich das Risiko vorzeitiger Ermüdung gesenkt, hört man vom Automobilhersteller.

Besser verträgliches Rücksitz-Entertainment

Audi nimmt das Thema Reiseübelkeit quasi mittelbar über eine Erlebnisplattform für Virtual Reality ins Visier. Eine gute Adresse rund um diese Themenfelder ist die CES in Las Vegas. Auf der diesjährigen Technikmesse zeigte der deutsche Autohersteller bereits zu Beginn des Jahres eine Technologie, die virtuelle Inhalte – dargestellt auf einer VR-Brille – in Echtzeit an die Fahrbewegungen des Autos, konkret den neuen e-tron, anpasst. Fährt das Auto durch eine Rechtskurve, fliegt beispielsweise auch das Raumschiff in der virtuellen Welt nach rechts.

Audi hat über die Tochtergesellschaft Audi Electronics Venture das Startup holoride mitgegründet, das diese neue Unterhaltungsform über eine offene Plattform kommerzialisieren will. Eine erste Demonstration lief über das von Disney Games and Interactive Experiences entwickelte „Marvel’s Avengers: Rocket’s Rescue Run“. Der Audi e-tron wird dabei zum von den Guardians of the Galaxy bemannten Raumschiff. Das Erlebnis soll aber auch auf ganz normale Filme anwendbar sein. Auch hier kommt die Idee des Zusammenführens von Sinneswahrnehmungen zum Tragen: „Auch herkömmliche Filme, Serien oder Präsentationen lassen sich mit einem viel geringeren Risiko für Reiseübelkeit betrachten, da visuelles und gefühltes Erlebnis synchron laufen“, heißt es bei Audi.

Innerhalb der nächsten drei Jahre will holoride die neue Unterhaltungsform mithilfe handelsüblicher VR-Brillen für Passagiere auf dem Rücksitz auf den Markt bringen. VR-Entertainment-Angebote prüft im Übrigen auch der Reiseanbieter Flixbus auf ausgewählten Strecken in den USA (carIT berichtete bereits im Januar). Dies mit „bewusst ruhig gehaltenen Inhalten“, die zu einer entspannten Fahrt beitragen sollen.

Forschungen von Jaguar Land Rover zur Reisekrankheit haben Techniken identifiziert, welche die Symptome um mindestens 60 Prozent reduzieren sollen. Bild: JLR

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