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Foto: Till Vogel

| von Pascal Nagel und Yannick Tiedemann

Weit über die Hälfte der 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde lebt in Städten. Die Metropolen dieser Welt sind die zentralen Lebensräume der Gegenwart und vor allem der Zukunft. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass 2050 fast 70 Prozent der Weltbevölkerung in urbanisierten Gebieten leben werden. Gerade in den wirtschaftlich und gesellschaftlich aufstrebenden Schwellen- und Drittweltländern zieht es die Menschen immer mehr in die Stadt – mit weitreichenden Folgen. Megacitys wie Mexico City, Tokio oder Delhi ächzen unter der Last ihrer Einwohner, nirgendwo ist das Maß der Lebensqualität so divers, nirgendwo der Unterscheid zwischen Arm und Reich so groß. Jeden Tag begibt sich eine Unzahl an Menschen auf den beschwerlichen Weg zur Arbeit, denn die Verkehrsinfrastrukturen vieler Metropolen stehen fast täglich vor dem Infarkt, die Umweltbelastungen sind immens. Das wachsende Verkehrschaos stellt hohe Anforderungen an Stadtplaner und Politik, städtische Mobilität neu zu denken. carIT hat sich umgeschaut, wie Unternehmen, Stadtverwaltungen oder Startups den Herausforderungen urbanen Verkehrs begegnen.

 

Mit einer Bevölkerung von rund 1,7 Millionen Menschen ist die kanadische Metropole Montreal kein Singapur, Schanghai oder Mumbai. Und auch wenn die Verkehrssituation nicht annähernd so chaotisch ist wie in den genannten Megacitys, hat die größte Stadt in der Provinz Québec mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. Die gesamte Metropolregion umfasst vier Millionen Einwohner, viele von ihnen pendeln in die Stadt. Das allein macht Montreal noch nicht besonders, nahezu jede Millionenstadt ist damit konfrontiert. Doch aufgrund der Lage auf der Île de Montréal, östlich des Mündungsbereiches des Ottawa-Flusses, ist die Stadt von außen nur über Brücken und Tunnel zu erreichen – mit entsprechenden Folgen für den Verkehr.

Montreal löst das Problem unter anderem mit einer der größten Bike-Sharing-Flotten der Welt. Der Service Bixi – ursprünglich privat betrieben, heute eine Non-Profit-Organisation der Stadt – umfasst 5200 Räder an mehr als 460 Stationen im Stadtgebiet. Bevor New York in den letzten Jahren nachzog, war Bixi Montreal das größte Mietfahrradangebot Nordamerikas. Mit Rädern verfolgt Montreal das Ziel, die Straßen zu entlasten und gleichzeitig die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Einwohner zu verbessern. Dafür steht den Nutzern ein Radwegenetz von mehr als 530 Kilometern Länge auf der Insel zur Verfügung. Aktuell läuft in der Millionenstadt zudem ein Pilotprojekt, das Bixi in den nutzbaren Service der Opus-Card – einer Chipkarte, mit der der Großteil des öffentlichen Personennahverkehrs bargeldlos bezahlt werden kann – integriert.

Curitiba – ein Mobilitätsmenü für die Stadt

Im Auge vieler Beobachter hat die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 Brasilien wirtschaftlich und infrastrukturell nur bedingt nach vorne gebracht. Im Gegenteil: Viele Bundesstaaten sitzen weiterhin auf einem hohen Schuldenberg. Besonders profitiert hat im Blick auf neue Mobilitätslösungen allerdings die im Südosten des Landes gelegene Millionenstadt Curitiba. Vor zwei Jahren startete dort während der Fußball-WM das Projekt „EcoElétrico“ mit dem Ziel, bis 2020 ein völlig neues smartes Mobilitätssystem in der Stadt zu etablieren. Dabei sollen sämtliche Dienstleistungen in einem einzelnen sogenannten Mobilitätsmenü zusammengefasst werden. Teil dieses Menüs ist eine Flotte von teilbaren Elektroautos, die von den Mitarbeitern der Stadtverwaltung genutzt werden können. Sämtliche Fahrzeuge werden in Echtzeit online von Mobi.me, einer Mobilitäts- und Energieverwaltungsplattform der Stadt Curitiba, überwacht.

Mit dieser Plattform sollen Informationen über die Mobilitätsansprüche der lokalen Behörden gesammelt werden. Mit Hilfe der Daten wollen die Curitibaner erfahren, wie sich Mobilitätsmuster der rund 1,8 Millionen Einwohner fassenden Stadt über die Zeit verändern und wie sich zudem der Ausstoß von CO2 -Emissionen besser beziffern lässt. Die erste Phase der Initiative 2014 widmeten die Projektpartner, darunter auch Renault-Nissan, dem Aufbau des intelligenten Netzwerkes aus Elektrofahrzeugen und Ladestationen. Bisher besteht die Flotte lediglich aus zwölf Fahrzeugen, sie soll jedoch in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. Dann, so der Plan der Stadt, könnten auch öffentliche Verkehrsmittel Teil des Projektes werden, um das Gesamtbild der Mobilität Curitibas noch präziser zeichnen zu können.

Nairobi: Eine Stadt ringt nach Luft

„Twende, twende“ ist Suaheli für „Auf geht’s“. In Kenias Hauptstadt Nairobi dürften diese optimistischen Worte nur wenigen über die Lippen gehen, die sich in den Verkehr der Millionenstadt begeben. Nairobi liegt laut IBM Commuter Pain Survey 2011 weltweit auf Platz vier der Städte mit den verstopftesten Straßen. Ein Bewohner der Stadt verbringt im Schnitt 40 Minuten pro Tag auf den überfüllten Verkehrswegen, von denen weniger als die Hälfte überhaupt befestigt ist. Behörden schätzen, dass verstopfte Straßen Nairobi jeden Tag rund 600000 US-Dollar kosten. Die Hoffnungen ruhen auf den genannten zwei Worten: „Twende, twende“ ist nicht nur eine kenianische Redewendung, dieselben Worte benennen auch eine seit einigen Jahren in Nairobi erprobte Verkehrsinformations-App, die IBM zusammen mit einem kenianischen Internetprovider ins Leben gerufen hat.

Der Dienst gibt mit Hilfe visueller Daten von existierenden Low-Cost-Kameras und darauf angewendeten Netzwerkalgorithmen Auskunft über aktuelle Verkehrsflüsse in der Stadt. So können Nutzer der Smartphone-App auf einen Blick die Verkehrsverhältnisse einsehen und sich über Alternativrouten informieren. Die Entwickler aus dem IBM-Forschungszentrum Nairobi mussten dabei zwei Hürden überwinden: die geringe Qualität der Bilder und die begrenzte Zahl an Kameras in der Stadt. Das erste Problem lösten die Forscher, indem sie den Algorithmus nicht auf einzelne Fahrzeuge ansetzten, sondern schätzen ließen, wie viel Prozent der Straße noch frei waren. Die geringe Kameraabdeckung – 2013 waren nur fünf Prozent der Straßen videoüberwacht – kompensierte IBM mit einem Berechnungsmodell, das mit Hilfe von Daten von wichtigen Straßenkreuzungen die Verkehrssituation auf allen anderen Straßen voraussagen kann. Twende Twende trägt so dazu bei, Nairobi ohne teure Investitionen in die Infrastruktur ein wenig mehr Luft zu verschaffen.

Helsinki: eine Großstadt ohne Privatfahrzeug?

Autohersteller dürften von den Plänen von Sonja Heikkilä nur wenig begeistert sein: Die Mittzwanzigerin verfolgt in der Hauptstadt ihrer Heimat Finnland das kühne Ziel, bis 2025 den Privatwagen obsolet zu machen. Um die 630000 Einwohner von Helsinki soll stattdessen ein ausgeklügeltes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln, Carsharing-Diensten und Mietwagen oder -fahrrädern gesponnen werden. In Echtzeit wird jedem Nutzer die zu seinen Vorlieben, zum Wetter und zur Verkehrslage passende Verbindung angezeigt. Geplant und gebucht wird per App, für die optimale Auslastung sorgt ein spezieller Algorithmus. „Mobility as a Service“ nennt Heikkilä diese Vision. Nun ist das Thema „ÖPNV-on-Demand“ nicht gänzlich neu. Auch hierzulande gibt es bereits entsprechende Piloten. Den Verkehr einer gesamten europäischen Großstadt auf diese Weise zu organisieren, ist hingegen eine Mammutaufgabe.

Die hat Sonja Heikkilä in ihrer Masterarbeit an der Aalto University bis ins kleinste Detail durchgearbeitet. Das Helsinki City Planning Department selbst hat die Arbeit der Transportingenieurin betreut. Und die glaubt an ihre Idee. „Es geht ja nicht darum, ein Auto zu haben. Sondern darum, von A nach B zu kommen“, sagt Heikkilä im Interview mit „Spiegel Online“. Bereits vor ihrer Masterarbeit gab es in der Hauptstadt den Busservice Kutsuplus. Wie in Heikkiläs Vorstellung sammeln die Fahrzeuge ohne festen Fahrplan Kunden ein, wenn diese per App einen Kutsuplus anfordern. Ein wichtiges Puzzleteil auf dem Weg zu einem Helsinki ohne privates Auto – und eines, auf das die Ingenieurin bei der Erfüllung ihres Ziels verzichten muss. Ende des vergangenen Jahres war Schluss, der Service hat sich nicht gerechnet. Das macht es sicher nicht einfacher, das ohnehin mehr als ambitionierte Ziel zu erreichen. Aber Sonja Heikkilä hat ja noch knapp zehn Jahre Zeit.

Jakarta: Moped-Pooling gegen das Verkehrschaos

In Jakarta, so erzählt man sich, verabredet man sich nur zu einem Geschäftstermin am Tag – denn ein zweiter wäre gar nicht möglich. Zu chaotisch ist der Verkehr in der indonesischen Hauptstadt auf der Insel Java. Zehn Millionen Einwohner in der Stadt, sogar 30 Millionen in der Metropolregion, geschätzte 18 Millionen Fahrzeuge – die Bevölkerungsexplosion der vergangenen Jahrzehnte hat Jakarta zu einem Verkehrsalptraum werden lassen. Grund genug für den Harvard-Absolventen Nadiem Makarim, nach dem Studium in seine Heimat zurückzukehren. Nach Stationen bei McKinsey und Rocket Internet in Indonesien gründete Makarim 2010 Go-Jek. Der Hintergrund: Die Megacity ist voll mit sogenannten Ojeks, Moped-Taxis, die ihren Dienst meist inoffiziell anbieten und Kunden für ein paar Rupiah durch den dichten Stadtdschungel bringen. Sie sind Experten darin, sich einen Weg durch den scheinbar undurchdringlichen Verkehr zu bahnen.

Das machte sich Makarim zunutze und organisierte diese Fahrer unter der Fahrtenvermittlungsmarke Go-Jek. Wie bei Uber & Co. können Bewohner oder Touristen per App ein Go-Jek ordern. Das gab es zuvor nicht in Jakarta – und das Geschäft entwickelte sich explosionsartig. Zu Beginn setzte Nadiem Makarim auf das Schneeballverfahren, wie er in einem Interview erklärte: Er sprach etwa 20 Ojek-Fahrer an, die wiederum weitere Fahrer rekrutierten. Heute fahren 30000 freiberufliche Fahrer für Go-Jek allein in Jakarta. Über 200000 sind es in ganz Indonesien. Aktuell vermittelt das Startup 20 Millionen Fahrten – pro Monat. Nadiem Makarim hat offensichtlich einen Nerv getroffen in der verstopften Millionenmetropole und mit einem neuen Service für einen Grund gesorgt, das eigene Auto lieber stehen zu lassen.

Dieser Artikel erschien erstmals in carIT 03/2016