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Bild: Continental

| von Pascal Nagel

Intelligentes Glas, das sich auf Wunsch abdunkeln lässt oder sogar ganze Videos abspielen kann, klingt wie ein Gadget aus einem Sciencefiction-Film. Doch das Tech-Startup Gauzy aus Israel schickt sich an, eben diese Vision zum Alltag zu machen. Die Idee hatte Gründer Eyal Peso, als er sich einem praktischen Problem in seiner Wohnung in Tel Aviv gegenübersah: „Ich wollte einen Sonnenschutz an meinen Fenstern anbringen, hatte aber für herkömmliche Blenden schlicht keinen Platz“, erklärte Peso in einem TV-Interview. Er suchte nach Lösungen, fand aber keine. Und wie so oft entstand in solch einer Situation eine Geschäftsidee. Die Lösung von Gauzy ist einfach und setzt auf eine bereits etablierte Technologie: Flüssigkristalle. Vergleichbar mit der Funktionsweise von LCD-Bildschirmen hat das Startup eine Möglichkeit entwickelt, einen Liquid-Crystal-Film zwischen zwei Glasscheiben einzubetten. Im Normalzustand sind die einzelnen Kristalle der Schicht ungeordnet, das einfallende Licht wird zu einem Großteil gebrochen und das Glas ist opak, es erscheint milchig. Werden die Kristalle mit elektrischer Spannung versorgt, ordnen sie sich gleichmäßig an. Abhängig vom Betrachtungswinkel ist das Glas dann nahezu vollständig transparent. Gauzys patentierter LC-Controller erlaubt eine stufenlose Dimmung zwischen beiden Zuständen.

Das Startup versteht sich als Technologiezulieferer. Das Ge- schäftsmodell sieht die eigene Herstellung des intelligenten Glases gar nicht vor. Stattdessen verkauft Gauzy den Film aus Flüssigkristallen sowie den LC-Controller, bietet seinen Kunden Fertigungs- und Installationstraining an und zertifiziert die Partner. Die Einsatzmöglichkeiten sind so vielfältig wie die von normalem Glas. Natürlich findet die LC-Technologie aber primär in Glastüren oder Fensterscheiben Anwendung, um mechanische Sonnenblenden zu ersetzen. Nicht zuletzt deshalb ist Gauzys Entwicklung auch für Autobauer interessant. Derzeit arbeitet die israelische Firma eng mit Daimler zusammen. Als eines von dreizehn Jungunternehmen wurden Peso und sein Team in das Accelerator-Programm „Startup Autobahn“ aufgenommen. Mit dem Stuttgarter Premiumhersteller entwickeln die israelischen Spezialisten Flüssigkristallsonnenblenden in der Windschutzscheibe.

Eine ganz ähnliche Technologie auf Basis von Liquid Crystals nutzt bereits der E-Auto-Neuling Faraday Future in seinem jüngst vorgestellten Modell FF 91: Im Elektro-SUV lassen sich die Heckscheibe, sämtliche Seitenfenster sowie das Panoramadach auf Knopfdruck verdunkeln. Und auch Technologiekonzern Continental hat dimmbare Aut scheiben auf dem Zettel: Bereits im vergangenen Jahr zeigte der Zulieferer auf der CES in Las Vegas ein Testfahrzeug, das mit der sogenannten Suspended-Particle-Device-Technologie (SPD) ausgestattet war, eine Technik, die zwar auf andere Partikel als Flüssigkristalle setzt, in der Funktionsweise allerdings dem LC-Glas gleicht. Auf der diesjährigen Messe ging der Zulieferer noch einen Schritt weiter und zeigte, wie die sogenannte Intelligent Glass Control sogar technologieübergreifend Smart Glass ansteuern kann – sei es SPD, LC oder Elektrochromie. Außerdem hat Continental die Glas-Steuerung mit seinem schlüssellosen Zugangssystem gekoppelt. So könnte sich das Fahrzeug aufhellen, sobald sich der Fahrer seinem Auto nähert.

Die Vorzüge von intelligentem Glas im Automobilbau erklärt Andreas Wolf, Leiter des Continental-Geschäftsbereichs Body & Security: „Das gezielte, stufenlose Verdunkeln der Seitenscheiben, der Heck- und teilweise auch der Frontscheibe bietet nicht nur einen deutlich höheren Komfort für die Insassen, sondern macht das Autofahren sicherer.“ Denn smarte Blenden in der Frontscheibe könnten sich automatisch auf das einfallende Licht einstellen, noch bevor der Fahrer gestört wird. Außerdem lasse sich durch den Einsatz von intelligentem Glas CO2 einsparen, verspricht Continental. Denn mit dimmbaren Scheiben lässt sich Hitze aus dem Fahrzeug fernhalten und die Klimaanlage wird entlastet. Gleichzeitig könnte das Bauteil wesentlich kleiner und leichter ausfallen, mechanische Sonnenblenden und Jalousien entfallen sogar komplett. „Unsere Berechnungen haben ergeben, dass sich der CO2-Ausstoß durch diese Maßnahmen um gut vier Gramm pro Kilometer senken lässt. Die Reichweite bei Elektrofahrzeugen steigt um etwa 5,5 Prozent“, rechnet Continental-Mann Wolf vor.

Wirft man einen Blick in die etwas fernere Zukunft, zeigen sich Möglichkeiten, die weit über die bloße Dimmung des Glases hinausgehen. Eyal Peso und das Gauzy-Team wollen künftig ganze Videos im Glas abspielen können. Allein für den Einzelhandel als Werbemöglichkeit im Schaufenster ein riesiger Markt. Doch dafür müssten die zu realisierenden Pixel noch deutlich kleiner werden. Aktuell ist es bereits möglich, abgedunkelte Scheibenbereiche als Projektionsfläche für Beamer zu nutzen. Auch Continental denkt bereits an weitere Funktionalitäten, etwa das Einkoppeln von Lichteffekten, Energiegewinnung oder Touchscreen-Funktionen. Doch zunächst geht es darum, das intelligente Glas in seiner simpelsten Ausführung überhaupt ins Auto zu bringen. Der Haken: Noch ist die Technologie recht teuer und daher Luxusmodellen vorbehalten. Bei Continental rechnet man allerdings mit rasch sinkenden Preisen. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, ist sich Andreas Wolf sicher. Es scheint, als müssten sich Filmemacher um eine neue Zukunftsvision bemühen. Das intelligente Glas jedenfalls ist Realität.

 Dieser Artikel erschien erstmals in carIT 01/2017

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