Vorstellung Elektro-Fahrzeuge der DHL

Die Letzte-Meile-Logistik besetzen noch die klassischen Unternehmen wie die Deutsche Post – doch neue Player wittern ihre Chance. Bild: DPDHL

| von Pascal Nagel

 

Noch gibt es keine genauen Zahlen, der Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK) legt seine detaillierten Auswertungen zum Vorjahr erst im Mai vor. Dennoch zeigen Hochrechnungen des Verbandes, dass die Zahl der beförderten Sendungen in Deutschland 2018 die Grenze von 3,5 Milliarden überschreiten dürfte – im Jahr 2000 lag der Wert noch bei 1,69 Milliarden Paketen.

Die Logistikdienstleister müssen sich also etwas einfallen lassen. Denn lange wird das Aufkommen kaum mit der klassischen Paketzustellung per Lieferwagen abzuarbeiten sein. In einer Zeit, in der das autonome Fahren Trendthema Nummer eins ist, liegt eine Lösung nahe: selbstfahrende Lieferroboter.

Hermes ist seit 2016 mit einem Robo-Postboten testweise in Hamburg, später auch in London unterwegs. Das kleine Fahrzeug stammt vom Startup Starship Technologies. Die Lieferroboter sollen eigenständig Pakete zum Endkunden bringen, die zuvor in einem Hermes Paketshop abgegeben wurden. Der Internetgigant Amazon setzt seit wenigen Tagen ebenfalls auf die Lieferroboter von Starship. Die Deutsche Post wiederum hat in Bad Hersfeld den PostBot erprobt: Das autonome Mini-Shuttle kann bis zu 150 Kilo schleppen und den Paketzusteller begleiten. Die Technik stammt vom französischen Spezialisten Effidence S.A.S..

An dieser Stelle wird bereits deutlich: technologieseitig ist das Feld bislang von Robotik-Spezialisten besetzt. Doch es kristallisiert sich mehr und mehr ein Interesse der Autobranche heraus, ihre Expertise im Bereich des autonomen Fahrens auf kleinere Verkehrsträger auszuweiten.

Derzeit macht wohl Zulieferer Continental am meisten von sich reden, wenn es um Lieferroboter geht. Auf der diesjährigen CES in Las Vegas zeigten die Hannoveraner einen mit „Robo-Dogs“ – hundeähnlichen Zustellrobotern – bestückten Cube (Continental Urban Mobility Experience). Der Grundgedanke: Ein fahrerloses Shuttle stellt Lieferroboter bereit, die dann ausschwärmen und die Haustürlieferung zum Verbraucher übernehmen. 

Für Continental geht es im Projekt vor allem darum, technologische Synergien zu heben. Oder einfach ausgedrückt: Wenn die Expertise für autonome People Mover im Haus vorhanden ist, dann lassen sich mit dem Wissen auch weniger komplexe und sicherheitskritische Fahrzeuge entwickeln.

Dass man als Zulieferer also künftig über den Tellerrand der klassischen Autoindustrie schauen muss, liegt auf der Hand. „In der künftigen Mobilitätslandschaft werden traditionelle Autos durch neue Möglichkeiten der komfortablen und preiswerten Fortbewegung ergänzt, etwa durch fahrerlose Shuttles, Lieferroboter, elektrische Roller oder auch Drohnen“, sagt Andree Hohm, Direktor Fahrerlose Mobilität bei Continental, gegenüber carIT.

Continental erweitere deshalb sein Produktportfolio von Komponenten über Komplettlösungen bis hin zu Software, die über neue Lizenzmodelle vermarktet werden kann, erklärt Hohm. „Mit dieser flexiblen Geschäftsmodellaufstellung bedienen wir sowohl traditionelle Kunden als auch neue Spieler im Feld der Mobilität.“

Müssen sich Hermes, DHL und Co. nun auf neue Konkurrenz gefasst machen, wenn es nicht nur um die Technik, sondern auch um den gewinnbringenden Betrieb entsprechender Logistiklösungen geht? Der Continental-Experte beantwortet die Frage zurückhaltend. „Die frühzeitige Beschäftigung mit diesen Szenarien erlaubt es uns, zur richtigen Zeit die führenden und passgenauen Lösungen am Markt anbieten zu können“, sagt Hohm etwas kryptisch.

Wahrscheinlicher ist es ohnehin, dass Zulieferer – zumindest vorerst – bei ihrem Kerngeschäft bleiben, allerdings für andere Kunden. Beispiel ZF: Die Friedrichshafener unterstützen die Deutsche Post bei der Automatisierung auf der letzten Meile, indem sie ihr KI-Steuergerät ProAI in die elektrischen Streetscooter installieren.

Ob Zulieferer bald selbst Pakete austragen, bleibt abzuwarten. Ein Wörtchen mitreden in der Letzte-Meile-Logistik werden sie in jedem Fall – wie auch die Autohersteller selbst. Renault hat auf der IAA 2018 das Konzeptfahrzeug EZ-Pro gezeigt. Dabei handelt es sich um ein autonomes Shuttle, das einem bemannten Pod vom Verteilzentrum bis zum Auslieferungsgebiet folgt und dort die Zustellung eigenständig übernimmt.

Die Bemühungen der Autoindustrie zeigen: Das Feld ist lukrativ, die technologische Nische ist da. Zulieferer wie Autobauer verfügen über die Expertise, die Lücke zu besetzen. Continental geht davon aus, dass die automatisierte Warenlieferung für bis zu 80 Prozent der Lieferungen von Unternehmen an Verbraucher stehen wird. Und letztlich müssen sich Zulieferer und Hersteller in einer autonomen Welt neue Ertragsquellen suchen. Die Letzte-Meile-Logistik ist jedenfalls eine.