| von Jürgen Zöllter

Leute kennenlernen im Café? Das war gestern! Die angesagten Treffs liegen an der Strasse, dort, wo Elektrofahrzeuge Saft ziehen. Und dort darf es auch mal knistern, wenngleich nicht in der sorgsam ummantelten Hochvolt-Technik. Eher zwischenmenschlich.

Wenn man aufgeschlossene Menschen trifft, die den Ladevorgang ihres Elektromobils gern bei einem Schwätzchen mit Gleichgesinnten begleiten. Warum haben die Ladesäulen-Betreiber eigentlich vergessen, Kaffeemaschinen gleich mit aufzustellen.

E-Auto weckt Interesse bei Reisenden

Wir verlassen München in Richtung Lindau. Neben mir Alexander Klose, unter uns ein 359 Kilo leichter, aber leistungsfähiger 63-kWh-Akku im Aluminium-Unterboden. Wir fahren im ersten batterie-elektrischen Familienfahrzeug aus China, im Aiways U5. Ab September fährt er in Kundenhand.

Klose leitet beim chinesischen Start-up die Auslandsgeschäfte und ist unterwegs nach Korsika. So, wie Hunderte nordeuropäischer Familien auf Urlaubsreise. Vielleicht etwas entspannter, denn er rollt nicht schneller als 120 km/h. Geschwindigkeiten darüber seien unter E-Mobil-Fahrern verpönt, weiß er.

Sie knabbern an der Reichweite und könnten das Pläuschen an der Strom-Tankstelle überdehnen und in die Langeweile treiben. Oder, mangels Kaffeeautomat, in ein Nickerchen. Unterwegs im Aiways U5 passiert das aber eher selten. Denn das EV aus China weckt überall Interesse - auch unter Reisenden in Verbrennern.

Aiways spricht Schwyzerdütsch

In der Schweiz legen wir einen ersten Ladestopp ein. Neben uns an der Raststätte Heidiland kämpft ein schweizer Gesinnungsgenosse mit dem Stromspender. Sein E-Auto stammt aus Deutschland, offenbar beherrscht es die schweizer Landesprache nicht.

Die Kommunikation mit der Ladesäule will nicht klappen, und wir fragen skeptisch: Kann unser Aiways schwyzerdütsch? Er kann, und Alexander Klose triumphiert. Grund genug für den frustrierten EV-Fahrer nebenan, sich ausgiebig nach unserem U5 zu erkundigen.

"Nach WLTP schaffen wir 410 Kilometer", schwärmt Klose. Und mit einem Lächeln auf den Lippen: "Mit Vollausstattung kostet der U5 37.990 Euro inklusive deutscher Mehrwertsteuer und abzüglich 9.480 Euro Fördergelder." Nun schaut unser schweizer Freund noch genauer hin, kostet sein SUV auf annähernd gleicher Verkehrsfläche doch etwa das Doppelte - wenngleich mit etwas mehr Ausstattung. Ob er mal Probe sitzen dürfe...

Ein elektrischer Bergsteiger

Nach gut 30 Minuten hat der U5 Akku 82 Prozent seiner Kapazität zurückgewonnen. Unser Gesprächspartner bricht unverrichteter Dinge zur nächsten Ladestation auf. Wir fahren weiter Richtung Hochgebirge. Ab Disentis geht's steil und kurvenreich bergauf: Der Oberalp-Pass führt uns auf 2.044 Meter Höhe.

Hier demonstriert der U5 die Stärken des elektrischen Antriebs und die Vorteile seines Leichtbau-Konzepts. So unangestrengt wie in der Ebene hängt der U5 auch im Hang am Gas, oder genauer gesagt, am Fahrpedal. Ein Elektromobil schwitzt nicht! Den Antritt mit bis zu 315 Nm Drehmoment behält er in luftiger Höhe bei, wo Verbrennungsmotoren deutlich die Puste ausgeht.

Die intelligente Mischbauweise des U5 aus Aluminium-Chassis (mit Sicherheitskäfig für die Akkus) und hochfester, leichter Stahl-Verbundstoff-Bauweise führt zu einem Fahrzeuggewicht von nur 1.750 Kilo. Für ein 4.680 mm langes, 1.865 mm breites und 1.684 mm hohes SUV geradezu sensationell!

Es trägt maßgeblich zur hohen Reichweite bei. Natürlich saugt die Bergauffahrt unter Last gieriger am Stromspeicher als bei gleichförmiger Geschwindigkeit in der Eben. Andererseits laden Akkus auf den anschließenden Talfahrten fleißig nach.

Beachtliche Ladeinfrastruktur

Hinter Andermatt nehmen wir das Kopfsteinpflaster des alten Gotthard-Pass unter die Räder. Spitzkehre um Spitzkehre schwingen wir den "König der Pässe" hinauf, das längste Straßenbau-Denkmal der Schweiz. Auf 2.175 Meter übernachten wir in Airolo und legen den U5 mit 20 Prozent Batteriekapazität an die Nabelschnur.

Dass Airolo Ladesäulen für Elektrofahrzeuge vorhält, käme uns spontan gar nicht in den Sinn. Die hohe Durchdringung der elektromobilen Förderung in der Schweiz bis in kleine Alpendörfer ist beachtlich. Über Bellinzona stromern wir durchs Tessin nach Lugano, wo wir Italien erreichen und ein Frühstück am See einnehmen. Dann ruft das Mittelmeer: Vorbei an Mailand und Alessandria cruisen wir auf Genua zu.

Die Verkehrsdichte nimmt zu, mehr und mehr Urlauber sind unterwegs, atmen wiedergewonnene Freiheiten nach den wochenlangen COVID-19 Ausgangssperren. Die italienische Leichtigkeit kommt zurück. Wir fahren eine Ladesäule in Hafennähe an.

Genua ist dicht bebaut. Wir zwängen den U5 zwischen Stadtmauer und Zweirad-Parkplatz. Hier fände nicht mal mehr ein Kaffeeautomat Platz. Dieser Ladeplatz fällt als Kommunikationsbeschleuniger zwischen EV-Fahrern aus. Wir lassen den Stromer allein, suchen uns ein Restaurant und ziehen Zwischenbilanz.

Die Elektrifizierung Korsikas

Unsere Reise ans Mittelmeer im batterie-elektrischen Aiways U5 ist kein Kilometer fressender Marathon. Entspannt befahren wir Autobahnen, Landstraßen, enge Gassen und Energie intensive Alpenpässe. Niemals befällt uns die Angst, mit leeren Akkus irgendwo zu stranden. In Savona wartet die Nachtfähre nach Bastia auf uns.

Morgens um sechs Uhr geht die Sonne auf und kleidet Korsika in wunderschönes weiches Licht. Am Flughafen von Bastia erreichen wir Filippi Auto, das korsische Tochterunternehmen der Autovermietung Hertz. Hier endet Alexander Kloses Reise. Der Vermieter nimmt die ersten von insgesamt 500 Aiways U5 in Dienst.

Sie markieren eine Charge zur schrittweisen Elektrifizierung der kompletten Mietwagenflotte Korsikas. Parallel wächst die Infrastruktur heran. 80 Ladesäulen gebe es bereits, erfahren wir. Leider auch auf Korsika ohne angedockte Kaffeeautomaten.

Der Eintrag "freemium_overlay_form_cit" existiert leider nicht.