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Für die Studie zur Verbraucherakzeptanz von digitalen Spiegelsystemen haben die Fahrer und Fahrerinnen die Systeme unter Tag- und Nachtbedingungen getestet. Bilder: Gentex

| von Götz Fuchslocher

Eine Technik, die nicht gekauft werde, sei ein Rohrkrepierer, sagt Professor Bernhard Schick, Research Manager Automated Driving an der Hochschule Kempten. Wichtig sei es daher, dass den Anwendern Vorteile aus einer neuen Technik erwachsen. In Zeiten der digitalen Transformation gelte es, den Menschen in den Mittelpunkt zu bringen, so der Hochschulexperte. Für Fahrerassistenzsysteme oder ADAS hebt Schick vor allem drei Punkte hervor, die den Menschen wichtig seien: zum einen ein Zeitgewinn für andere Tätigkeiten außer Fahren, zum anderen ein Zugewinn an Komfort sowie ein Plus an Sicherheit.

Digitaler Innenspiegel als „verdeckter Ermittler“

Eine interessante Neuerung in der Autobranche sind digitale Rückspiegel. In modernen Fahrzeugen ersetzen Kameras und Displays – so genannte Camera Monitoring Systems, kurz CMS, klassische Spiegel. Auf dem Feld der Außenspiegel sind es neben designerischen Aspekten auch Gründe der Effizienz, wie etwa eine verbesserte Aerodynamik, die zum Einsatz dieser Systeme führen. Ein Beispiel ist hier Audi mit seinem Elektro-SUV e-tron. Anstelle großer und wuchtiger Spiegelgehäuse an den Türen sitzen dort optinal nur noch kleine windschnittige Abdeckungen, unter denen sich jeweils eine kleine Linse verbirgt. Diese liefert die Bilder über ein Display im Fahrzeug-Interieur an den Fahrer.

Diese Maßnahme kann den Kraftstoff-, respektive bei E-Fahrzeugen den Stromkonsum reduzieren helfen. Beim digitalen Innenspiegel hingegen, sollen die Systeme in modernen Fahrzeugen vor allem das Sichtfeld durch die Heckscheibe verbessern und idealerweise vergrößern. Die Notwendigkeit rührt zunehmend aus einem modernen Fahrzeugdesign mit immer kleineren (Heck-)Fenstern. Ganz unabhängig vom Design des Fahrzeugs ist der digitale Innenspiegel aber auch aus ganz praktischer Alltagssicht interessant. Dann nämlich, wenn rückwärtig sitzende Passagiere oder Gepäck die Sicht des Fahrers durchs Heckfenster einschränken oder gar ganz nehmen.

Ein Full Display Mirror, wie ihn Gentex anbietet.

Ein großer Player auf dem Feld der Fahrzeugspiegel ist das 1974 gegründete US-amerikanische Unternehmen Gentex. Vom simplen Spiegel über (automatisch) abblendende Systeme bis hin zum Smart Mirror reicht das Repertoire des Zulieferers, der gerade im letztgenannten Bereich eigenen Angaben zufolge 90 Prozent des Marktes abdeckt. Den digitalen Innenspiegel, der sein Bild von einer hinten außen am Fahrzeug angebrachten Kamera – meist in den Sockel der Dachantenne integriert – auf ein Display im Innenspiegel projiziert, liefert Gentex bereits an fünf OEMs mit zehn Marken.

Den Anfang machte 2016 GM als Kunde, der ein entsprechendes System im Cadillac CT6 einsetzt. Zu den europäischen Fahrzeugen, die mit dieser Technik ausgestattet werden, zählt der neue Range Rover Evoque. Bei den modernen Systemen handelt es sich um so genannte Full Display Mirrors, kurz FDM. Im Spiegelmodus funktionieren diese als gewöhnliche abblendbare Rückspiegel. Durch Umschalten in den Display-Modus wird ein LC-Display auf der reflektierenden Oberfläche des Spiegels angezeigt. Solche hybriden Lösungen ergeben international gesehen Sinn, denn während in Europa rein digitale Systeme erlaubt sind, wird etwa in USA oder Kanada zudem die klassische Spiegelfunktion zwingend gefordert.

Ein Kernvorteil ist das erweiterte Sichtfeld

Gemeinsam mit der Adrive Living Lab, einer Forschungseinrichtung der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kempten, und dem An-Institut MdynamiX hat Gentex kürzlich eine Konsumenten-Akzeptanzstudie zur Technologie des digitalen Rückspiegels durchgeführt, deren Ergebnisse die Beteiligten jetzt vorstellten. Im Rahmen der Studie, die mit modernen Befragungsmethoden durchgeführt wurde, haben 60 Probanden die Fahrzeuge getestet. Dazu wurden 3440 Kilometer zurückgelegt, 54 Stunden im Fahrzeug verbracht sowie 1225 Seiten Fragebogen erstellt, wie Seda Aydogdu, Projekt Engineer bei MdynamiX, schildert. Die Studie wurde durch eine Online-Befragung weiterer 331 Personen ergänzt. In der Studie attestieren die Probanden dem digitalen Innenspiegel vereinfacht gesagt einen hohen Reifegrad sowie eine Verbesserung des Sichtfelds. So schätzen 95 Prozent der Probanden das erweiterte Sichtfeld von Displayspiegeln und gewöhnen sich sehr schnell an die Sicht nach hinten durch ein Videodisplay, weiß Bernhard Schick.

Dennoch gibt es laut Schick einige Herausforderungen, die zu bewältigen sind, um die Kundenakzeptanz zu verbessern. Immerhin würden sich der Befragung zufolge rund 55 Prozent ein solches System kaufen, wenn man, wie in der Studie, einen Preis zwischen 500 und 600 Euro zugrundelege, hört man von den Hochschulexperten. Fast die Hälfte der Teilnehmer äußerten sich dennoch skeptisch gegenüber Displays. Die Bedenken gehen dahin, dass die Sicht nach hinten durch eventuelle kamerabedingte Systemgrenzen, wie etwa bei Regen oder tiefstehender Sonne, stark eingeschränkt sein könnte. Immerhin habe man in der jüngsten Generation des Innenspiegels, wie sie im Evoque verbaut wird, das Phänomen des Flackerns, wenn im Rückspiegel ein Fahrzeug mit LED-Scheinwerfern auftaucht, verbessert, sagen die Produktmanager des Zulieferers.

Eine weitere Herausforderung besteht laut der Studie darin, dass Videoanzeigen in ihrer Funktion beschränkt sind. So geben Videodisplays ein zweidimensionales Bild wieder, was die Entfernung – insbesondere bei Rückwärtsmanövern – verzerre, hört man von den Experten im Rahmen der Präsentation der Studie. Zudem seien die Augen des Fahrers, die sich auf ein Display konzentrieren, deutlich mehr belastet und ermüden schneller als bei einem Blick in einen herkömmlichen Rückspiegel. „Wir schätzen, dass zwischen zehn und 15 Prozent der Autofahrer digitale Spiegelsysteme ablehnen“, gibt denn auch Gentex-Experte Brad Bosma im Rahmen der Vorstellung der Studie zu bedenken. Der Gentex-Mann weist auch auf die zusätzlichen Kosten für die Hersteller hin. „Wenn Sie die zusätzlichen Entwicklungs- und Werkzeugkosten berücksichtigen, kann dies insbesondere bei Fahrzeugen im Niedrigpreissegment problematisch sein.“

Ein neues Feature ist das Einblenden der beiden Außenspiegel-Perspektiven auf dem Display des Innenspiegels. Dazu zeigt Gentex aktuell ein System, bei dem sich zusätzliche Kameras hinter den klassischen Außenspiegeln verbergen. Der Zulieferer führte dies in einem Volvo XC 90 vor. Gentex-Experte Bosma sieht künftig vor allem Hybridsysteme im Kommen; Systeme also, bei denen Spiegel und Videoanzeigen nebeneinander und der herkömmliche Rückspiegel durch zusätzliche Kameras und Anzeigen ergänzt wird. Einen großen Benefit sieht der Experte zudem im Lkw-Sektor.