Der Fahrer eines Audis sitzt am Steuer und blickt dabei auf sein Smartphone.

Audi bietet bereits einzelne Abos mit nur einem Monat Laufzeit an – ohne automatische Verlängerung. Bild: Audi

| von Johannes Winterhagen

Eine aktive Spurführung, die das Auto durch kontinuierliche Lenkeingriffe in der Mitte des Fahrstreifens hält, kostet nur noch 19,50 Euro Aufpreis – pro Monat. Erstmals bietet Porsche im Modelljahr 2021 Sonderausstattungen an, die der Kunde abonnieren kann. Vor allem aber entfällt der Werkstattbesuch: Die Zusatzfunktionen, zu denen auch eine geschwindigkeitsabhängige Servolenkung gehört, können digital über einen Online-Shop gebucht werden. Sofern nicht nur ein Freischaltcode, sondern neue Software benötigt wird, kann diese über eine OTA-Schnittstelle (Over-the-Air) heruntergeladen werden. Auch alle anderen deutschen Premiumhersteller beginnen ernsthaft damit, Funktionen auf Abruf („Function on demand“) anzubieten.

Schwerpunkt liegt noch auf Infotainment

Beschränkten sich entsprechende Angebote noch vor wenigen Jahren auf das Nachladen aktueller Kartendaten für das Navigationssystem, so können nun auch fahr- und damit sicherheitsrelevante Funktionen per Funkschnittstelle nachgerüstet werden. Oliver Rooks, Leiter Connectivity von Mercedes-Benz, bestätigt: „Seit diesem Jahr, mit der neuen S-Klasse und der nächsten Infotainment-Generation MBUX, können wir bis zu 50 Steuergeräte Over-the-Air updaten.“ Tatsächlich liegt auch bei den Stuttgartern aktuell noch der Schwerpunkt auf Inhalten für das Infotainmentsystem. So kann sich der Fahrer auf Wunsch beispielsweise neue Stimmen für die Sprachbedienung bestellen – oder auch eine Software, die die Luftqualität in der Umgebung analysiert.

BMW bietet in immer mehr Modellen das „Remote Software Update“ an, über das nicht nur die vorhandenen Programme aktualisiert, sondern auch Zusatzoptionen erworben werden können. Darunter befinden sich auch klassische Ausstattungsoptionen wie adaptive Geschwindigkeitsregelung oder ein Fernlichtassistent. Voraussetzung ist dafür selbstverständlich, dass Aktuatoren und Sensoren bereits verbaut sind. Das gilt auch für einen Teil der bei Audi nachträglich buchbaren Funktionen wie den Matrix-LED-Scheinwerfern für den E-Tron.

Personalisierung für den Massenmarkt

Wie sich die Nachfrage nach digitaler Aufrüstung tatsächlich entwickelt, ist vorerst ungewiss. „Wir gehen davon aus, dass der Markt in den kommenden Jahren deutlich wächst“, sagt Frank Oswald, Direktor für Geschäftsentwicklung bei Elektrobit. „In den letzten Jahren ging es zunächst einmal darum, alle Fahrzeuge mit entsprechender Konnektivität auszustatten und die Backends bei den Herstellern einzurichten.“ Dieser Schritt sei nun bei allem Premiumherstellern vollzogen. „Spannend wird nun, wofür Autofahrer wirklich Geld ausgeben.“ Im Volumenmarkt, so Oswald, komme der Trend gerade erst an. Hier seien vermutlich Angebote erfolgreich, die es ermöglichen, ein Fahrzeug stärker zu personalisieren – etwa durch ein neues Design für das Kombi-Instrument.

Der Trend zur digitalen Nachrüstung beflügelt den Wandel der Elektronikarchitekturen – oder umgekehrt. Denn damit OTA überhaupt funktioniert, muss ein Steuergerät als Master eingerichtet werden. Aktuell übernimmt diese Rolle meist die sogenannte Head Unit, der Rechner für das Infotainmentsystem. Erst nach einer Integrationsprüfung wird das Programm auf dem Zielsteuergerät implementiert. Sofern es sich nicht um eine Infotainment-Funktion handelt, wird das Steuergerät in der Regel komplett geflasht. Künftig wird der OTA-Master jedoch immer häufiger Teil eines hochperformanten Zentralrechners. „Mit neuen Zentralrechner-Architekturen werden Software-Updates in den kommenden Jahren deutlich einfacher“, meint Continental-Entwickler Christian Wohlwender. Rennt die Branche damit in die Falle, dass ältere Fahrzeuge mangels Speicherplatz und Rechenkapazität irgendwann keine Updates mehr erhalten können? Wohlwender ist optimistisch: „Leistungsstarke Zentralrechner werden wesentlich mehr Kapazität bereithalten, als bei Produktionsstart benötigt wird.“  

Kritik der Kunden am Bezahlmodell

BMW bietet seinen Kunden auch an, die Installationsdateien nicht direkt ins Fahrzeug, sondern im WLAN zuhause zunächst auf das Smartphone zu laden. Anschließend ist eine Synchronisation zwischen Fahrzeugrechner und Smartphone möglich, wobei das Fahrzeug nicht fahren darf. Für die Synchronisation und die Installation auf der Zielhardware geben die Münchner eine Zeit von zirka fünf Minuten an, nach der das Fahrzeug wieder gestartet werden kann. Während sich für die technische Umsetzung der Abruf-Funktionen ein durchgängiger Weg erkennen lässt, experimentieren die Hersteller noch mit der Angebotsgestaltung.

So bietet Mercedes-Benz die meisten Abo-Dienste derzeit mit einer Laufzeit von drei Jahren an. Doch Rooks verrät: „In einem nächsten Schritt ist angedacht, bestimmte Dienste nur für die aktive Zeit der Nutzung gegen Gebühr anzubieten.“ Audi hingegen bietet bereits einzelne Abos mit nur einem Monat Laufzeit an – und legt Wert auf die Feststellung, dass danach keine automatische Verlängerung erfolgt. Man achte auf das Feedback der Kunden, so ein Sprecher, und passe sich entsprechend an. Dass das nötig sein könnte, zeigt eine nicht repräsentative Umfrage von Norstad unter deutschen Autofahrern. 42 Prozent sagten darin, sie seien nicht bereit, regelmäßig Geld für Zusatzfunktionen zu bezahlen – und 35 Prozent fanden es sogar unverschämt, nützliche Funktionen zu verbauen, ohne sie dem Kunden freizuschalten.

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