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Auf den Fahrer warten immer mehr Gesundheits- und Wellnessdienste hinterm Steuer. Bild: Audi

| von Claas Berlin

Stress, Übermüdung, Unkonzentriertheit – der Gesundheitszustand von Autofahrern hat nachweislich starke Auswirkungen auf den Fahrstil. Digitale Systeme wie Müdigkeitserkennung oder Spurhalteassistenten sollen entsprechenden Ausfallerscheinungen entgegenwirken und gehören in vielen Fahrzeugen schon zur Grundausstattung.

Proaktive Gesundheitsvorsorge spielte bis vor Kurzem aber nur eine untergeordnete Rolle. Doch nun kommt im wahrsten Sinne des Wortes Bewegung in die Sache: In der S-Klasse von Mercedes-Benz lassen sich seit Herbst 2017 über die Energizing Komfortsteuerung verschiedene Systeme im Fahrzeug ansteuern, die den Wohlfühlfaktor an Bord erhöhen sollen.

Die Mercedes-Technologie steuert Funktionen der Klimaanlage, der Sitze wie beispielsweise Heizung, Belüftung und Massage sowie das Licht- und Musiksystem an und bietet dem Fahrer ein individuell abgestimmtes Wellness-Setup. Dadurch sollen Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit während der Fahrt oder bei einem Stopp gesteigert werden.

Für ein verbessertes Fahrerlebnis kooperiert der Premiumhersteller künftig auch mit dem Technologieunternehmen Garmin. Per Mercedes me-App und Garmin-Smartwatch können Daten zur Herzfrequenz oder dem Stresslevel des Fahrers an die Energizing Komfortsteuerung übertragen werden. Daraus werden für den Fahrer individuelle Empfehlungen zur Verbesserung des Wohlbefindens abgeleitet. Außerdem haben Nutzer die Möglichkeit, potenziell weniger anstrengende Routen im Navigationssystem auszuwählen.

Seit 2016 arbeitet auch Audi an der Vision eines emphatischen Autos, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Im Projekt Audi Fit Driver wird mithilfe eines Wearables der Puls gemessen. Per Bluetooth werden die Signale von einem mobilen Gerät ans Auto übermittelt. So stellt das Fahrzeug fest, ob der Fahrer unter Stress steht – und reagiert mit Gegenmaßnahmen wie Atemübungen oder einer Massage.

„Wir arbeiten mit lernenden Algorithmen und stellen uns so auf jeden Menschen ein. Denn jeder wird von anderen Dingen gestresst. Das System wird also besser, je länger man es nutzt“, unterstreicht Christiane Stark, Projektleiterin von Audi Fit Driver.

Doch nicht nur in Stuttgart und Ingolstadt ist man an den Gesundheitsdaten von Smartwatches und Fitness-Trackern interessiert. US-Autobauer Ford hat bereits im Jahr 2016 in Dearborn ein Automotive Wearables Experience Lab ins Leben gerufen. Dort lotet der OEM aus, welche Anwendungsmöglichkeiten sich aus der Verbindung zwischen Auto und Smartwatch ergeben.

So sei es denkbar, dass Assistenzsysteme künftig direkt auf Gesundheits- und Schlafdaten von Wearables direkt reagieren. Wenn der Fahrer beispielsweise besonders gestresst oder müde ist, könnte das Fahrzeug noch sensitiver die Spur halten oder den Abstand zum nächsten Fahrzeug vergrößern, damit im Ernstfall mehr Zeit zum Reagieren bleibt.

„Immer mehr Kunden nutzen intelligente Uhren, Brillen und Fitnessarmbänder. Wir hoffen, dass wir zukünftige Anwendungen entwickeln werden, die mit diesen Devices funktionieren und damit die Fahrzeugfunktionalitäten und die Sicherheit des Fahrers erhöhen“, sagt Gary Strumolo, globaler Manager für Fahrzeuge Design und Infotronics, Ford Research and Advanced Engineering.

Autonomes Fahren eröffnet neue Möglichkeiten

Die Aufmerksamkeit des Fahrers sowie den Blutdruck, Blutzuckerspiegel, Puls und anderer Werte über ein tragbares Gerät zu erfassen, werde aus Sicht von Ford aber auch in der ersten autonomen Fahrzeuggeneration eine wichtige Rolle spielen. Im hauseigenen Lab untersucht der Autobauer, wie Passagiere eines selbstfahrenden Pkw benachrichtigt werden könnten, falls sie kurzfristig selbst das Steuer übernehmen müssen. Ein Vibrationsalarm am Handgelenk, Signaltöne oder Leuchtsignalen im Armaturenträger seien denkbare Optionen.

In einer komplett fahrerlosen Zukunft könnte das Geschäft mit Gesundheits- und Wellnessdiensten noch weiter ausgebaut werden. Denn wer sich nicht mehr mit allen Sinnesorganen dem Straßenverkehr widmen muss, hat Zeit für Freizeitaktivitäten und Erholung. Laut einer Studie des Zulieferers Faurecia würden 47,7 Prozent der Befragten in den Roboterautos schlafen, um ausgeruht das Ziel zu erreichen.