Eine Frau hält bei der Autofahrt den Arm aus dem Fenster und genießt ihre Freiheit.

Die Corona-Pandemie könnte das Mobilitätsverhalten nachhaltig verändern. Bild: Unsplash

| von Alexandra Riegler

Im letzten Jahr war die Welt des Ridesharing noch in Ordnung. Uber und Lyft wagten den Sprung an die Börse, und Probleme wie schwarze Zahlen oder ein gerechterer Verdienst für Fahrer sollten sich irgendwann über die Nachfrage regeln. Als ein Jahr später Covid-19 übers Land zieht, bleibt indes kein Stein auf dem anderen.

Uber und Lyft im Krisenmodus

Die Einnahmen für Fahrer, die zudem einer hohen Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind, brechen ein: Für sein zweites Quartal meldete Uber einen Umsatzrückgang von 29 Prozent. Die zögerliche Haltung der Kunden gegenüber Fahrdiensten bestätigt auch eine internationale Studie des Capgemini Research Institute: 49 Prozent der 11 000 Befragten gaben an, die Dienste diese Jahr „weniger wahrscheinlich“ zu nutzen.

Lyft schlägt in den USA indes einen geradezu antikommerziellen Ton an. Um sich und andere zu schützen, sei es am besten, überhaupt zuhause zu bleiben. Einsteigen sollten Kunden nur noch, wenn es unbedingt notwendig sei. Ähnlich trist sieht es bei öffentlichen Verkehrsmitteln aus. U-Bahn und Bus benutzt in den USA derzeit nur, wer keine andere Wahl hat. Zu den weiterhin hohen Infektionszahlen in vielen Bundesstaaten kommen ein Misstrauen in Hygienemaßnahmen und mitreisende Maskenmuffel.

„Schutzraum auf Rädern“

Die Lösung des Problems scheint geradezu klassisch amerikanisch: die verstärkte Rückkehr zum eigenen Auto. „Das Automobil ist in vielerlei Hinsicht ein integraler Bestandteil der amerikanischen Kultur, ein Ausdruck von Freiheit und Unabhängigkeit“, so Gary Silberg, Global Automotive Sector Leader und Partner bei KPMG in einer aktuellen Studie.

Neu ist die Bedeutung des Fahrzeugs als „Schutzraum auf Rädern“, wie die New York Times schreibt, mit dem es vom Supermarkt zum neuerdings beliebten Autokino geht. Laut einer Erhebung von McKinsey verwendet die Hälfte der Autobesitzer ihr Fahrzeug in der Pandemie nicht nur für Erledigungen, sondern um mit der Außenwelt „sicher in Verbindung zu treten“.

Eine Statistik zum Mobilitätsverhalten während und nach der Corona-Pandemie.
Mobilitätsdienstleister müssen sich auch nach der Corona-Welle auf eine harte Zeit einstellen. Quelle: BCG

Zahl der Neuzulassungen steigt

Der Markt für Autoneukäufe sackte in den USA im ersten Quartal 2020 dennoch bis um die Hälfte zusammen, so die Zahlen des Capgemini Research Institute. Doch schon im Juli zählte man in New York 40.000 neue Fahrzeugregistrierungen. Vor allem 18- bis 35-jährige Städter sind es, die sich jetzt ein Auto anschaffen.

Wie sehr Covid-19 das urbane Leben umformte, zeigt sich an der Metropole New York. So verließen zwischen März und Mai rund 420.000 Bewohner die Stadt. Viele darunter waren Millennials, die kurzfristig zu den Eltern oder längerfristig in andere Bundesstaaten zogen, weil sie ihren Job verloren hatten oder sich dort sicherer fühlten.

Verkehrsaufkommen nimmt wieder zu

Der Reiz des Stadtlebens schien verschwunden, dazu kam plötzlich die Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten. Warum also nicht in die günstigere und grünere Kleinstadt ziehen, auch wenn dazu ein Auto notwendig ist? Die Abwanderung zeigt sich in Manhattan unter anderem an der Zahl leerstehender Mietwohnungen. Diese war im August doppelt so hoch wie im Vorjahr. Wer in der Großstadt bleibt, verschafft sich mit dem Auto ein bisschen Freiheit. Und wer nicht kauft, mietet zumindest: in New York lag der durchschnittliche Tagespreis für ein Leihauto im Juni bei nahezu 300 Dollar. 

Waren die Straßen während des Lockdowns noch leer, so legte das Verkehrsaufkommen in den USA inzwischen wieder auf 90 Prozent des Vorjahreswertes zu, so ein Report von KPMG. Die Verfasser der Studie halten es für möglich, dass es bei diesem verringerten Verkehrsaufkommen bleiben könnte. Gründe dafür sind das verbreitete Arbeiten im Homeoffice sowie veränderte Einkaufsgewohnheiten. So planen zwei Drittel der in der Studie Befragten, auch nach einem Ende der Coronakrise verstärkt online einzukaufen.

Boom für den Gebrauchtwagenmarkt

Die Verkehrsminderung könnte große Wellen schlagen. Die Autoren veranschlagen eine Reduktion von 14 Millionen Autos und 430 Milliarden gefahrenen Kilometern – wäre da nicht die frisch wiederentdeckte Vorliebe der Amerikaner für das eigene und gründlich desinfizierte Auto. Laut KMPG erwägt jeder vierte Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel den Wechsel zum eigenen Pkw.

Schließlich empfiehlt auch die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC in der Pandemie neben Radfahren und Zufußgehen, mit dem Auto zu fahren, „alleine oder mit Personen, die im selben Haushalt wohnen“. Die angespannte wirtschaftliche Lage und Rekordarbeitslosigkeit bescherten zuletzt dem Gebrauchtwagenmarkt einen Boom.

Der Onlinemarktplatz Edmunds meldete, dass der Durchschnittspreis auf der Webseite gelisteter Gebrauchtfahrzeuge von Juni auf Juli um über 700 Dollar auf 21 558 Dollar anstieg. Edmunds spricht von einer „beispiellosen historischen Veränderung“, typischerweise würde eine Wertminderung stattfinden. Die Konkurrenz bei Carvana beobachtet eine ähnliche Entwicklung: Die Nachfrage an Gebrauchtwagen würde das Angebot übersteigen.

Fahrräder werden zur Autokonkurrenz

Doch nicht alle Zeichen stehen auf Auto. Immer mehr US-Amerikaner entdecken das Fahrrad als Alternative. In Chicago etwa berichten Fahrradhändler von ausverkauften Geschäften und Wartelisten, die bis in den März zurückreichen. Um Abhilfe zu schaffen, dehnen Städte Bikesharing-Angebote aus, zuletzt auch erweitert um E-Bikes.

Gleichzeitig fordern Stadtplaner, die Krise als Chance zu nutzen. Mehr autofreie Straßen, die den öffentlichen Raum für Menschen und Fahrräder öffnen, würden die Lebensqualität vor allem in Großstädten verbessern. Ebenso dürfte mit der Verfügbarkeit einer Impfung gegen Covid-19 die Skepsis gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln wohl wieder abflauen.

Schließlich führte das auch durch Uber und Lyft gesteigerte Verkehrsaufkommen in den letzten Jahren immer häufiger zu stundenlangen Verspätungen. Und wer steckt schon gerne zweimal pro Tag im Stau.

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