Blickfeld
| von Claas Berlin

Augen auf im Straßenverkehr – das gilt umso mehr für Autos, wenn sie auf Level 5 vollautonom unterwegs sein werden. Spätestens dann brauchen sie einen Rundumblick, um schnell Gefahren ausweichen zu können. Das gelingt derzeit am besten mit Lidar (Light Detection and Ranging), also blitzschnell rotierenden Laserscannern. Man kennt sie von dem knubbeligen Google-Forschungsauto, auf dem das Lidar wie ein Blaulicht auf dem Dach thront – und unglaublich teuer ist. Fünfstellige Summen sind für solche Systeme fällig, wenn sie als Highend-Radar ein hochauflösendes dreidimensionales Bild ihrer Umgebung liefern sollen. Es geht aber auch ein paar Nummern kleiner, etwa im neuen Audi A8, der auf Level 3 auf Autobahnen mit bis zu 60 km/h hochautomatisiert unterwegs sein darf.

Nur: Für Brot-und-Butter-Autos ist die Technik nach wie vor zu teuer. Es könnte sein, dass das Münchner Startup mit dem vielsagenden Namen „Blickfeld“ die Umfeldüberwachung per Laser und eigenentwickelter Erkennungssoftware massenmarkttauglich macht. „Unsere Technik wird deutlich günstiger und kompakter als bisherige Lösungen sein“, verspricht Florian Petit, Mitgründer der Blickfeld GmbH und verantwortlich für die Produkt- und Geschäftsentwicklung. „Trotzdem können mit ihr autonome Fahrzeuge ihre Umgebung absolut zuverlässig erfassen, um intelligente und sichere Entscheidungen zu treffen“, betont der 35-Jährige. Damit könnte die erst 2016 gegründete Firma den Trend zum vollautonomen Fahren beschleunigen. Die Augen des Autos sollen eben nicht tausende Euros kosten, sondern nur wenige hundert, um auch kostengünstigere Vehikel ausstatten zu können. Dieses Ziel verfolgen Petit und sein Team und peilen beim Preis als Zielgröße „einen niedrigen dreistelligen Betrag“ an. Für ihren hoffnungsvollen Ansatz wurden sie mit dem „carIT Startup Factory 2017 powered by Cisco“-Award ausgezeichnet.

Belohnt wird damit auch der Mut der Gründer, die sich auf einen hart umkämpften Markt begeben, auf dem alle großen Zulieferer rund um Conti und Co. an kompakten, bezahlbaren Lösungen arbeiten. Daher lässt sich Blickfeld nicht allzu tief in die Karten schauen und verweist auf mehr als 20 Patentanmeldungen, mit denen der besondere Dreh abgesichert werden soll. Der Trick liegt in cleverer Einfachheit: „Im Gegensatz zu anderen Lidar-Systemen verwenden wir handelsübliche Komponenten, die wir mit neuartigen Silizium-Mikrostrukturen kombinieren“, lässt Petit ahnen, woher der Kostenvorteil rührt. Die Detektionsqualität soll nicht leiden, die hohen Anforderungen der Autoindustrie sollen erfüllt werden. Statt frei beweglicher Teile wie Motoren, Getriebe und Achsen tastet das System mit Festörper-Mikrospiegeln (solid-state Technologie) die Umgebung ab.

Die Mikromechanik lässt das Lidar auch auf die handliche Größe eines dicken Handys schrumpfen, wie Petit sagt. Damit kann das System relativ flexibel an das Design des Autos angepasst und eingebaut werden. „Die Technik lässt sich unauffällig integrieren und sieht nicht wie ein Blumentopf auf dem Dach aus“, unterstreicht Florian Petit, weitere Miniaturisierung ist nicht ausgeschlossen. Das ist der Charme des siliziumbasierten mikromechanischen Ansatzes. Wichtiger noch: Der Blickfeld-Laser scannt aktuell bis zu 34-mal in der Sekunde seine Umgebung und gewinnt dabei eine Datenmenge, aus der die Erkennungssoftware praktisch in Echtzeit eine präzise Tiefenkarte erzeugt. Blickfeld peilt künftig sogar eine noch viel höhere Rate an: Bis zu 100 Scanlines soll das System in Zukunft schaffen – womit es den Autos extrem hochauflösende Bilder liefern würde.

Ein ambitioniertes Ziel, keine Frage. Aber es könnte zu schaffen sein. In die Firma fließt das Knowhow des promovierten Elektro- und Informationstechnikers Petit, der sich auf Robotik spezialisiert hat, sowie seiner beiden Mitgründer Mathias Müller, Experte für optische Messtechnik, und Informatiker Rolf Wojtech. Binnen eines Jahres ist die Mannschaft auf 25 Mitarbeiter gewachsen, hinzu kommen Werksstudenten. „Wir sind offen für weitere Bewerbungen“, wirbt Petit. Finanziert wird das Startup von Osrams Venture-Capital-Einheit Fluxunit, dem Hightech-Gründerfonds, Tengelmann Ventures und Unternehmertum Venture Capital Partners. In der ersten Finanzierungsrunde wurden 3,6 Millionen Euro eingesammelt – aber allen ist klar, dass es dabei nicht wird bleiben können, um die Technik auf den Massenmarkt zu bringen. Derzeit wird an dem System für erste Tests bei OEMs gefeilt, die sich ab Frühjahr im Feld von dessen Leistung überzeugen können. Der Marktstart ist Ende des Jahres 2018 geplant – zunächst mit Kleinserien für F&E-Zwecke. Petit ist erstaunt, wie rege das Interesse der Autohersteller und großer Zulieferer ist: „Anfangs haben wir uns schon gefragt, wie es uns als Startup gelingen soll, auf einem von großen Playern dominierten Automotive-Markt Fuß zu fassen.“

Die Investoren trauen den Gründern jedenfalls einen guten Start zu: „Wir sind davon überzeugt, dass Blickfeld mit seiner innovativen Strahlführungstechnologie ein wichtiger Enabler sein kann, um Lidar im Auto massenmarkttauglich zu machen“, begründet Fluxunit-CEO Ulrich Eisele das Engagement. Andreas Unseld, Partner bei Unternehmertum Venture Capital Partners, sagt dazu: „Der innovative technologische Ansatz sowie das gründungserfahrene Team ermöglichen die Perspektive, den Lidar-Markt nachhaltig mitzugestalten.“ In Blickfeld erspäht er das Potenzial, dass hier „ein relevanter europäischer Technologieprovider für das autonome Fahren“ entsteht.

Redakteur: Chris Löwer

Bild: Blickfeld

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