Alles auf Anfang

Keine zwei Jahre nach der Gründung des Unternehmens zeigt die junge Automarke Byton ein seriennahes Konzeptfahrzeug in Las Vegas. Bilder: Byton

| von Claas Berlin

Es ist das Business-Märchen des 21. Jahrhunderts: Der gestandene Manager gibt seinen gut dotierten und renommierten Job in einem Großkonzern auf, um mit seinem eigenen Startup alles anders und besser zu machen. Carsten Breitfeld ist so etwas wie der lebende Beweis für diese Geschichte. Der promovierte Ingenieur hat 20 Jahre Berufserfahrung bei BMW im Gepäck und gilt als Spezialist für Antriebe, vor allem elektrische. Zuletzt war er in München für das prestigeträchtige i8-Programm verantwortlich. 2016 dann der bemerkenswerte Entschluss: Carsten Breitfeld verlässt BMW und gründet selbst ein Automobilunternehmen. Das ist bemerkenswert. Offenbar hat er es nicht für möglich gehalten, selbst in einem der fortschrittlichsten Fahrzeugprogramme der Branche, das Auto zu entwickeln, das perfekt zur Mobilität der Zukunft passt. Also gründete Breitfeld 2016 gemeinsam mit Ex-Infiniti-Mann und China-Experte Daniel Kirchert sowie weiteren chinesischen Investoren die Future Mobility Corporation mit der Automarke Byton. „Wir haben kein Produkt auf dem Markt gesehen, das wirklich auf Smart und Shared Transportation vorbereitet ist“, beschreibt Breitfeld am Rande der Technologiemesse CES in Las Vegas die Ausgangssituation.

Das erklärte Ziel von Byton ist es, die Auto- mit der Internetwelt zu verheiraten. Man verstehe sich gleichermaßen als Fahrzeughersteller und Consumer-Electronics-Unternehmen, erklärt Carsten Breitfeld im Interview mit carIT. Das zeigt sich schon beim Blick auf das Managementteam: Dort finden sich sowohl ehemalige Apple- und Google-Spezialisten als auch Mitstreiter Breitfelds aus dem BMW-i8-Programm, etwa Chefdesigner Benoit Jacob. „Wenn Sie mich fragen, was einzigartig an Byton ist, dann ist es genau das: Wir haben die gesamte Bandbreite an Knowhow, von Auto bis Smartphone, in einem Unternehmen“, sagt Breitfeld. Die Marke will das Versprechen, das damit einhergeht, leben: Nicht weniger als das „Next Generation Smart Device“ verspricht der junge Autobauer – mit allem, was dazugehört. Das beginnt bereits bei der Kundenorientierung, die die traditionellen Autobauer bislang eher verschlafen haben.

„Der zentrale Faktor für den Erfolg des Smartphones ist die Kundenzentrierung. Die Hardware dahinter interessiert doch kaum. Entscheidend ist, dass die Menschen die Plattform und den Content nutzen“, konstatiert Carsten Breitfeld. Man müsse als Autohersteller ein Verständnis dafür entwickeln, welcher Content gewünscht ist, welcher nicht, und welcher wann verändert werden muss. „Das ist eine Kundenorientierung, die monatlich geschehen muss – und nicht wie beim klassischen Automobil alle sieben Jahre. Das hat die Autoindustrie bislang noch nicht gut genug verstanden.“ Breitfeld und Kirchert versuchen es mit ihrem Team besser zu machen. Als entscheidende Faktoren dafür hat Breitfeld die Firmenkultur und das Mindset der Mitarbeiter ausgemacht. Auch etwas, das aus seiner Sicht in der Autobranche noch nicht stimmt: „Wenn sich Apple mit BMW oder Daimler zusammentun würde, dann könnten die alles, was wir hier diskutiert haben, mit jeder beliebigen Exzellenz realisieren. Aber das wird nicht funktionieren“, ist sich der Byton-CEO sicher. Dafür lägen die Kulturen zu weit auseinander. Eine gemeinsame Produktvision und ein gemeinsames Geschäft aufzubauen, sei mehr als mühsam.

Bemerkenswert an der Byton-Geschichte ist außerdem, dass die beiden Deutschen ihr Startup nicht in Deutschland, sondern in China ansiedeln. Eine strategische Entscheidung: Auf der einen Seite ist das Land der größte Markt für Elektromobilität, auf der anderen Seite unterstützt die chinesische Regierung das elektrische Fahren massiv. Niedrige bürokratische Schwellen und investitionsfreudige Geldgeber – rund 300 Millionen US-Dollar hat das Startup bereits gesammelt – sind weitere Pluspunkte. Der Entschluss von Breitfeld und Kirchert spricht somit auch Bände über die Attraktivität des Standorts Deutschland. Folgerichtig wird Byton zunächst in China produzieren: Eine Fabrik in der Nähe der Firmenzentrale in Nanjing befindet sich derzeit im Bau. Zu den Partnern gehören etwa die Autozulieferer Bosch und Faurecia sowie der chinesische Internetriese Tencent. Gänzlich kehren Breitfeld und Kirchert Deutschland dann aber doch nicht den Rücken: In München befindet sich das globale Designstudio der Marke. Dort ist auch Bytons Konzeptfahrzeug entstanden, das Anfang Januar auf der CES gezeigt wurde. Und natürlich darf auch das für die Autobranche obligatorische Entwicklungszentrum im Silicon Valley nicht fehlen. Mit einem entscheidenden Unterschied freilich: Bei Byton gibt es das seit den Anfangstagen der Marke. So ein weißes Blatt Papier hat eben doch seine Vorteile.

Redakteur: Pascal Nagel

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