| von Stefan Grundhoff

Entwicklungsvorstand Dr. Frank Welsch legt ebenso wie der neue VW-CEO Ralf Brandstätter Wert darauf, dass aus dem kunterbunten IT-Potpourri von Funktionen, mit denen der Hoffnungsträger seine Kunden zu Elektrojüngern werden lassen möchte, gerade einmal zwei Details nicht funktionieren. Heißt, der 4,26 Meter lange VW ID.3 kann ab kommender Woche von den vorgemerkten Kunden offiziell bestellt werden. Die Erwartungen sind hoch, dass aus den mehr als 35.000 Vormerkungen mindestens 30.000 feste Bestellungen werden. Die Fahrzeuge werden seit Monaten im Werk Zwickau in der sogenannten First Edition vorproduziert. Wer sich bisher nicht hat vormerken lassen, kann seinen VW ID.3 ab Mitte Juli bestellen und bekommt sein Elektromobil dann im vierten Quartal 2020 geliefert.

Es gibt die erste Serie nur mit 150 kW / 204 PS, dem mittleren 58-kWh-Akku, in vier Farben und drei festen Ausstattungspaketen. Verfügt das knapp 40.000 Euro teure Basismodell des ID.3 First über Navigationssystem, Digitalradio, Sitz- und Lenkradheizung und 18-Zöller, bietet erst das Plus-Paket für knapp 46.000 Euro eine Rückfahrkamera, das schlüssellose Zugangssystem, LED-Matrix-Scheinwerfer und 19-Zöller.

Die Topversion kostet 50.000 Euro

In der rund 50.000 Euro teuren Topversion freuen sich die die Insassen über Ausstattungsdetails wie das Augmented-Reality-Head-up-Display, Panoramadach, elektrische Massagesitze, 20-Zoll-Radsatz und ein Fahrerassistenzpaket nebst Telefonschnittstelle mit induktivem Laden. Schnelles Laden mit 100 kW Gleichstrom (DC) bzw. 11 kW Wechselstrom (AC) bieten dagegen alle Versionen. Das mittlere Akkupaket soll Reichweiten bis zu 420 Kilometern ermöglichen.

Nur durch die vorkonfigurierten Ausstattungspaket war es letztlich möglich, dass die ID.3 ab Anfang September in Kundenhände kommen. Sonst hätte die Corona-Krise die Planungen noch mehr durchkreuzt als dies bisher der Fall war. Die  Elektro-Offensive der Marke Volkswagen wird mit dem ID.3 nun auf der Straße sichtbar.

"Das Auto unterstreicht unseren Anspruch, alltagstaugliche und bezahlbare lokale, emissionsfreie Mobilität für alle anzubieten“, sagt Ralf Brandstätter, der jetzt vom Chief Operating Officer der Marke Volkswagen zum neuen Marken-CEO aufsteigt.

Seit Wochen hatten speziell die Entwicklungsprobleme der komplexen Elektronikarchitektur für Gesprächsstoff gesorgt, wann die ersten Modelle in Kundenhände gingen. Speziell nachdem auch der VW Golf 8 mit einem Elektronikproblem bei seinem Notrufsystem einen Produktionsstopp verursacht hatte, schlugen die Wellen intern wie extern hoch. Doch jetzt gab die Volkswagen Führung Entwarnung.

Updates erfolgen "Over the Air"

Der ID.3 kommt und Funktionen wie das Augmented Head-Up-Display oder die Einbindung der App-Connect-App für das iPhone sollen per Softwareupdate nachgeliefert werden. Dabei ist der Elektro-ID der erste Volkswagen, der per Funk – over the Air – aufgefrischt werden kann. Nur für größere technische Änderungen muss er demnach überhaupt zum Service. Die Kunden, die sich vorgemerkt haben, bekommen die ein oder andere Dreingabe. So kann man im ersten Jahr kostenfrei Strom tanken und die ersten drei Monate kostet der ID.3 First keine Leasingrate.

Wie weit der VW ID.3 mittlerweile ist, merkt man auch nach ein paar Kilometern auf Testgelände und öffentlichen Straßen. Kraftvoll und dynamisch war er Dank seiner 204 PS und 310 Nm maximalem Drehmoment bereits in der Erprobung; doch nunmehr passen auch die Abstimmung von Fahrwerk und Lenkung des über 1,7 Tonnen schweren Elektromodells mit Hinterradantrieb. Dazu sind die nervigen Störgeräusche von den Außenspiegeln oder aus den vorderen Radhäusern verschwunden.

Glänzen kann der neue VW ID3 ohnehin mit einem sehr niedrigen Geräuschniveau und einen aufgewogenen Fahrverhalten. Wie bei anderen Elektroautos üblich, ist bei 160 km/h frühzeitig Schluss; doch kaum jemand dürfte den elektrischen Fünftürer als Langstreckenauto und Autobahnmodell in die eigene Garage holen. Der Fahrer hat die Wahl, ob er den ID.3 wie einen Verbrenner im D-Fahrprogramm rollen lässt oder im B-Modus mit maximaler Rekuperation und dem sogenannten One-Pedal-Feeling unterwegs ist.

Was gefällt, sind der niedrige Schwerpunkt und die gute Rückmeldung von der allerdings sehr leichtgängigen Lenkung. Wer über den Taster unter dem Navigationsdisplay das Fahrprogramm auf sportlich wechselt, bekommt mehr Rückmeldung und eine strafferes Gesamtpaket. Kaum anzunehmen, dass dies jedoch bei einem Elektro-Kompaktwagen ohne sportlichen Anspruch jemand im Alltag nutzt.

Das Interieur ist modern aber nüchtern

So überzeugend das Fahrverhalten und das Platzangebot ist, da auch groß gewachsene Personen dank 2.,76 Metern Radstand im Fond sitzen können, muss man sich an das allzu nüchterne Interieur gewöhnen. Die Kunststoffoberflächen wirken nicht derart wertig wie beim Verbrenner-Bruder VW Golf und das Instrumentendisplay hinter dem Steuer ist klein. Daran ändern auch das optional verbaute Head-Up-Display und die gute Sprachbedienung etwas. Überhaupt hat man bei verschiedenen Details im Innenraum das Gefühl, dass der mehr als sieben Jahre alte BMW i3 nennenswerte Design- und Funktionspate stand.

Das gilt nicht nur für den wenig schmuckvollen Innenraum, sondern eben auch für die Anordnung der beiden Displays oder die gewöhnungsbedürftige Bedienung der Gangwahl über den Bediensatelliten rechts hinter dem Lenkrad. Den ersten Kunden wird dies ebenso egal sein, wie der Volkswagen-Führung. Zu groß ist die Mischung aus Freude und Stolz, dass der ID.3 trotz Corona-Krise und Elektronikbaustellen nunmehr nahezu zeitgerecht auf die Straße rollt und die man die eingeplanten Termine beinahe halten kann.

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