| von Stefan Grundhoff

Vorbei sind die Zeiten, in denen Coupés Inbegriff für Luxus, Exklusivität und gerade einmal zwei Türen standen. Heutzutage sind die Coupés nicht viel mehr als Silhouetten mit abfallender Dachlinie und vier oder gar fünf Türen. Da macht das BMW M 235i Gran Coupé keine Ausnahme, denn hier gaukeln einem rahmenlose Seitenscheiben und eine abfallende Dachlinie den Charakter eines Coupés trotz vier Einstiegen vor. Mit 4,53 m Länge ist es 21 Zentimeter länger als der neue Einser, mit dem es einen Plattformwechsel von hinten nach vorne gab. Nur das 2er Coupé steht nunmehr noch auf der Hinterradplattform mit Längsmotor und den so charismatischen Reihensechszylindern; die anderen Modelle haben Front- oder Allradantrieb und einen Quermotor mit vier oder gar nur drei Zylindern. Den Längenzuwachs beim Gran Coupé gab es ausschließlich im Heck, wodurch ein Gepäckraum integriert werden konnte, der 50 Liter mehr Platz bietet als die Schrägheckversion des Einsers (430 statt 380 Liter).

Der Innenraum ist aufgrund der großen Türen hinten leicht zugänglich, wobei es im Fond alles andere als geräumig zugeht. Wer häufiger Erwachsene in den Fond stecken will oder muss, sollte sich für ein größeres Modell im Hause BMW entscheiden. Immerhin gibt es hinten USB-Anschlüsse und Lüftungsdüsen. Im gesamten Fahrgastraum dominieren Soft-Touch-Materialien und eine wertige Verarbeitung, wobei der Info-/ Entertainment-Bildschirms gut positioniert und leicht zum Fahrer geneigt ist. Die Bildschirmdiagonale liegt wie beim Cockpit bei 10,25 Zoll und man kann sich zwischen Touchfunktion, Spracheingabe und den zentralen Dreh- / Drücksteller für die Eingabe der Befehle entscheiden. Auf Wunsch gibt es ein sinnvolles Head-Up-Display, mit dem der Fahrer die relevanten Informationen ins Sichtfeld projiziert bekommt.

Derzeit ist neben dem 140 PS starken 218i mit dem rasseligen Dreizylindermotor der zweite vom Start weg verfügbare Benziner im Gran Coupé der mindestens 58.700 Euro teure BMW M235i xDrive, der vom bekannten Zweiliter-Turbo mit 225 kW / 306 PS angetrieben wird. Er tritt direkt gegen den Mercedes AMG CLA 35 mit 306 und den wohl rund 330 PS starken Audi S3 an, der jedoch erst Mitte des Jahres nachgelegt wird. Auch wenn es sich bei normaler Fahrt um einen reinen Fronttriebler handelt, können beim M 235i bis zu 50 Prozent der Motorleistung an die Hinterachse gebracht werden. Wer es drauf anlegt und Gas gibt, presst den sportlichen Viertürer in unter fünf Sekunden auf Tempo 100. Was ihm im Vergleich zu den Sechszylindern fehlt, ist der sonore Klang des Reihentriebwerks. Damit der Kunde auch akustisch das Gefühl hat, gibt es einen digitalen Verstärker, der seinen Job gerade bei niedrigen Drehzahlen ordentlich erledigt; jedoch gerade im Sportmodus um die 4.000 Touren allzu künstlich tönt. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 250 km/h elektronisch abgeriegelt. Der Normverbrauch: rund sieben Liter Super.

Überaus angenehm macht sich die nennenswert größere Spreizung der einzelnen Fahrmodi bemerkbar. Wer Lust am sportlichen Fahren hat und wer auch einmal die Backen ausblasen will, der ist mit dem Sportmodus gut bedient, der die gesamte Abstimmung einschließlich Motorelektronik, Lenkung und Gangwechsel der guten Achtgang-Automatik straffer und direkter werden lässt. Die Fahrwerksabteilung der Bayern verbaute im sportlichen Gran Coupé zudem einen Bumerang-Querlenker an der Hinterachse, um das dynamische Verhalten zu verbessern und den Untersteuereffekt zu reduzieren. Das sogenannte ARB-System (Wheel Slip Limit Actuator) soll für einen reduzierten Radschlupf sorgen. „Der ARB kann die Traktionsverlustkorrektur bereits vor dem Start starten, da er im Voraus festlegt, wie viel Drehmoment der Motor zu jedem Zeitpunkt verarbeitet“, erläutert Peter Langen, Direktor für Fahrwerksentwicklung, „das System kann sich so gut wie möglich an die Räder anpassen, bevor sie mit dem Skaten beginnen.“ Das war zumindest das Ziel, denn selbst mit dem Performance Control System, das das innere Rad in die Kurve bremst, um das Auto hineinzuziehen, spüren wir immer noch ein gewisses Durchrutschen der Vorderräder, insbesondere bei plötzlichen Beschleunigungen. Jedoch versucht das System gerade auf kurvigen Straßen mit wenig Grip die Antriebskräfte im Lenkrad auf ein Minimum zu reduzieren.

Obwohl nicht elementar über die Hinterachse angetrieben, haben die BMW-Entwickler das Maximum herausgeholt, um den knapp 1,7 Tonnen schweren M235i xDrive zu einem pfeilschnellen Sportler zu machen, der sich mit der ersten Liga der Kompaktklasse jedoch nicht messen will. Der Hauptkonkurrent Mercedes CLA ist als AMG 45 auch mit einem 421 PS starken Allradpaket zu bekommen und auch der kommende Audi RS3 mit seinem über 400 PS starken Turbo-Funkzylinder ist in einer völlig anderen Liga als das BMW M 235i Gran Coupé unterwegs. Diesen Fehdehandschuh nimmt der Bayer nicht auf und schickt die Interessenten zur Konkurrenz oder zum BMW M2 mit sechs Zylindern und Hinterradantrieb. Wieso nicht?