| von Wolfgang Gomoll

Der Lack des Continental GT V8 reicht schon, um Aufmerksamkeit zu erregen. „Dragon Red II“ heißt die Farbe und ist ein intensives rot-metallic, das dafür sorgt, dass selbst linkespurverliebte Dienstwagen-Kombis höflich nach innen ziehen, wenn man mit gebührenden Respektabstand im Rückspiegel auftaucht. Dazu kommt dann noch der mächtige Chromgrill, der jedem Vorausfahrenden klar macht, dass da kein Kleinwagen hinter einem auftaucht. Auch das Heck ist markant genug, um drängelnde Dieselfahrer davon abzuhalten, die Auspuffrohre zu küssen. Das macht das Vorankommen auf Landstraßen und Autobahnen sehr entspannt. Wie schlägt sich so ein 223.165 Euro teures Automobil eigentlich im Alltag? Grundsätzlich ist das Gefühl „ich könnte, wenn ich wollte“, auch beim 404 kW / 550 PS starken kleinen Bentley Continental stets präsent. Auch wenn die acht Töpfe 63 kW / 85 PS weniger generieren als der mächtige W12-Hammer beim Topmodell.

Kein Wunder bei Fahrleistungen, wie in vier Sekunden von null auf 100 km/h und einer Höchstgeschwindigkeit von 318 km/h. Viel wichtiger ist, dass das maximale Drehmoment von 770 Newtonmetern schon bei 1.960 U/min bereitsteht, bis 4.500 U/min erhalten bleibt und zeigt, dass der V8-Motor bei aller Wucht auf Fahrbarkeit und nicht auf das Herauskitzeln der letztens Zehntelsekunde auf der Nordschleife getrimmt ist.

Achtzylinder mit viel Wumms

Der Vierliter-Achtzylinder lässt sich auch bei hohen Tempi nicht aus der Drehzahl-Reserve locken: Bei 185 km/h liegen lediglich 2.200 U/min an, bei 215 km/h sind es sage und schreibe 300 U/min mehr. Davon können VW Golf GTI-Fahrer nur träumen. Das entschleunigt beim Mitschwimmen im Verkehr – ob auf der Autobahn oder in der Stadt. Bei unseren Testfahrten stand ein Durchschnittsverbrauch vom 15,1 Litern pro 100 Kilometern auf der Uhr, Bentley gibt 12,0 l/100 km an.

Die Entwickler aus Crewe haben den Gentleman-Cruiser als Gegenentwurf zum Porsche Panamera auf die Räder gestellt, der sich mit dem Bentley Continental die Plattform teilt. Die Konzern-Sparräson gereicht dem Briten aber nicht immer zum Vorteil. Das Infotainment ist nicht mehr Up to date braucht gefühlte zwei E-Mails, die auf dem Smartphone getippt werden, zum Hochfahren. Auch die Spracheingabe ist mehr russisches Silbenroulette denn zielführend.

°Dafür entschädigt das gute Head-up-Display nur teilweise. „Menschen, die ein solches Auto fahren, legen auf andere Sachen wert als auf die neueste Technologie“, heißt es bei den Machern dieser Luxus-Mobile fast unisono. Das mag alles richtig sein, aber irgendwann muss der Herr Baron auch mal das heimische Landgut verlassen und das Navigationssystem benutzen.

Einmal in Bewegung ist das Luxus-Schiff eine wahre Freude. Natürlich agiert man mit einem solchen Luxuscoupé im Stadtverkehr anders als mit einer quirligen Vierzylinder-Wespe. Da helfen solche Assistenzsysteme wie der Totwinkel-Assistent. Auch die Parkplatzsuche verläuft anders als mit einem gewöhnlichen Automobil. Man achtet auf geeignete Stellplätze und breite Straßen. Das ist weniger einen der Länge von 4,85 Metern geschuldet, obwohl die in zugeparkten Innenstädten schon mal hinderlich sein kann, sondern eher der Breite von rund zwei Metern. Trotz eingeklappter Seitenspiegel ist die Entlangschrammgefahr bei engen Gassen ähnlich hoch wie bei großen SUVs. Beim Rangieren hilft die 60-Grad-Kamera.

Die dick gepolsterten Sitze vorne sind so bequem, wie eine teure Couch-Garnitur, die dazu noch den Körper fixieren, wie man das von einem guten Sportsitz erwartet. Dank der vielfältigen Einstellmöglichkeiten des Gestühls kann man gefühlt durch ganz Europa cruisen und steigt entspannter denn je aus. Die Dreikammer-Luftfeder macht im Zusammenspiel mit der 48-Volt-Wankstabilisierung (4.045 Euro extra) einen souveränen Job.

V8 und Allradantrieb - eine ideale Kombination

Schließlich haben die Bentley-Techniker schon genug Erfahrung beim SUV Bentayga gesammelt. Wer dem 2.165 Tonnen schweren Bentley Continental GT nur eine Längsdynamik unterstellt, liegt falsch. Das Zusammenspiel zwischen Allradantrieb und Hinterachsdifferenzial machen dem Briten auch Agilitäts-Beine. Zumal der Achtzylinder-Motor weniger Gewicht auf die Vorderachse bringt als das große W12-Triebwerk. Doppelt verglaste Fenster sorgen dafür, dass es im Innenraum extrem ruhig bleibt.

Der Innenraum ist eine Pracht an Luxus: Klavierlack, Chrom, Holzfurnier verströmen eine Schöner Wohnen Wohlfühlambiente. Wer will, kann auch noch den 12,3 Zoll Touchscreen per Knopfdruck wegklappen und durch schicke Rundinstrumente ersetzen. Dieses rotierende Display kostet 4.775 Aufpreis. Sehr schick, aber unbedingt nötig ist es nicht. Allerdings werden Innenraum-Puristen kaum darauf verzichten. Hinten im Coupé geht es natürlich etwas enger zu. Auch ist die Überschicht nach hinten nicht ganz optimal, aber da hilft ja die bereits erwähnte Kamera-Armada und der Toter-Winkel-Assistent.