| von Hilmar Dunker

Die Durchsage beim Radiosender SWR3 klingt fast schon monoton: „Stau auf der B27 zwischen Tübingen und Stuttgart auf einer Länge von acht Kilometern.“ Kein Wunder, vergeht doch kaum ein Morgen, an dem diese Nachricht nicht verlesen wird. Nur die Länge der Blechlawine variiert. Zwischen zwei und zwölf Kilometern sind üblich. Wenn es regnet oder schneit, wächst die Gesamtlänge noch einmal deutlich an. Selbst der Einsatz eines Verkehrsleitsystems und der umfangreiche Umbau der belasteten Strecke brachten nur eine geringfügige Verbesserung. Das Nadelöhr gehört zu den neuralgischen Punkten rund um Stuttgart. Die Krux: Die in den Verkehrsdurchsagen angekündigten Staulängen stimmen oftmals nicht mit dem wahren Verkehrsgeschehen überein. Die Autofahrer können nicht mehr reagieren. Zu groß ist die zeitliche Differenz zwischen Meldung und Ausstrahlung der Durchsage. Hinzu kommt: Ausweichrouten gibt es kaum – und die sich anbietenden sind meist verstopft, weil sich die B27 mit der vielbefahrenen A8 kreuzt. Steht dort der Verkehr, bricht meistens auch auf der angrenzenden Bundesstraße alles zusammen.  Die Folge: Nichts geht mehr.

Szenario kein Einzelfall. Weder in Deutschland noch in Europa. Da ein weiterer Ausbau des Straßennetzes hierzulande nur noch eingeschränkt möglich ist, wird die Zunahme des Verkehrsaufkommens vornehmlich durch eine intensivere Nutzung der bestehenden Infrastruktur-objekte bewältigt werden müssen. Doch wie soll das gehen? Das Verkehrsaufkommen steigt weiter an. Vor allem im Güterverkehr. Mit rund 73 Prozent trägt das Nutzfahrzeug mit Abstand die Hauptlast der Güterverkehrsleistung. Diese betrug laut Angaben des VDA im Jahr 2010 allein auf deutschen Straßen rund 455 Milliarden Tonnenkilometer. Für 2011 wird damit gerechnet, dass die Leistung – auch aufgrund der guten Konjunktur – um fünf Prozent auf 478 Milliarden Tonnenkilometer zunimmt. Für die Folgejahre bis 2014 kalkulieren Experten mit einer jährlichen Wachstumsrate von 3,2 Prozent. Tendenz weiter steigend. Schon heute quälen sich Lastwagen in Kolonnen über die Autobahnen. Damit nicht genug: Das Autobahnnetz wird künftig laut ADAC zu 44 Prozent aus permanent staubedrohten Abschnitten bestehen. Einem Viertel dieser Strecken droht sogar ständige Überlastung. Die Kosten jährlich: 17,4 Milliarden Euro. „Bei den Stauursachen ist festzuhalten, dass weit mehr als die Hälfte aller Staus auf den Autobahnen baustellen- beziehungsweise unfallbedingt entsteht. Gerade aus diesen Gründen sind Verkehrsmanagementmaßnahmen als organisatorische Instrumente besonders gut geeignete Ansätze, den Problemen entgegenzuwirken“, erklärt Wolf-Rüdiger Runge vom Institut für Verkehrsmanagement (IfVM) der Hochschule Ostfalia in Salzgitter. Ohne ein innovatives Verkehrsmanagement wird es also künftig nicht gehen. Positiver Effekt: „Im Gegensatz zu Infrastrukturmaßnahmen wie Aus- und Neubauten von Straßen können Verkehrsmanagementmaßnahmen deutlich rascher mit erheblich geringerem finanziellen Aufwand umgesetzt werden“, betont Runge. Auch die EU-Kommission fordert in ihrem Weißbuch für den europäischen Verkehrsraum neue Technologien für Fahrzeuge und Verkehrsmanagement. „Sie werden für eine Verringerung der Verkehrsemissionen in der EU ebenso wie in der übrigen Welt ausschlaggebend sein. Aufschub und eine zögerliche Einführung neuer Technologien könnten die EU-Verkehrsbranche zu einem nicht wieder rückgängig zu machenden Niedergang verurteilen“, mahnt die Kommission in dem 35 Seiten starken Strategiepapier.

Für eine schnelle Umsetzung benötigt man die so genannte Car-to-Car- und Car-to-X-Technologie. Dabei werden die Fahrzeuge als Erfassungseinheiten für die Ermittlung von Verkehrsdaten benutzt. Diese tauschen sie dann untereinander oder mit Verkehrsleitstellen aus. Mit anderen Worten:  Die Autos kommunizieren miteinander. In Deutschland haben sich Autohersteller, Kommunikationsunternehmen und Forschungsinstitute zum staatlich geförderten Forschungsprojekt „SimTD“ (Sichere Intelligente Mobilität – Testfeld Deutschland) zusammengeschlossen (Schwesterzeitschrift carIT berichtete). Nach drei Jahren intensiver Forschungsarbeit geht das für die Erprobung im Feldversuch entwickelte SimTD-System zur Fahrzeug-Fahrzeug- und Fahrzeug-Infrastrukturkommunikation im Oktober in Frankfurt live. Rund 100 speziell ausgestattete Versuchsfahrzeuge nehmen daran teil. Das Projekt steht im engen Zusammenhang mit dem internationalen Car-to-Car-Consortium, in dem die europäische Automobilindustrie gemeinsam tätig ist. Geht es nach dem Willen der Teilnehmer, soll aber gerade SimTD ein Leitprojekt für weitere Versuche in Europa sein.  Das Ziel: Aufbau einer hinreichenden Datenbasis, um eine Einführungsentscheidung von Fahrzeug-Infrastruktur- und Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikationstechnologien zu unterstützen.

Nicht minder ambitioniert sind die Ideen zum Thema Verkehrsmanagement im Nachbarland Österreich. Das Alpenland hat ebenfalls mit massiven Verkehrsproblemen zu kämpfen. Ein Beispiel: Die Bahnstrecke über den Brenner wird im Sommer 2012 aufgrund von Renovierungsarbeiten nur beschränkt passierbar sein. Damit verlagert sich ein Großteil des Güterverkehrs auf die Straße – mit vermutlich gravierenden Folgen in der Urlaubszeit. Aber auch Metropolen wie Wien, Linz und Salzburg ächzen täglich unter der wachsenden Verkehrslast. Die Stadt Salzburg reagiert. Dank einer Förderung durch den Klima- und Energiefonds des Landes Österreich kann in der Touristenhochburg ein größerer Modellversuch gestartet werden, bei dem auf Basis der XFCD-Technologie (Extended Floating Car Data) Staus reduziert werden sollen. Rund 500 Fahrzeuge werden dafür mit Datenübertragungsgeräten ausgestattet. Die Informationen aus dem Fahrzeug liefert ein eigens entwickelter Anonymer Sensordaten-Gateway (ASG), der an den CAN-BUS im Fahrzeug angeschlossen wird. Die anonym gesammelten Daten – die Privatsphäre bleibt also geschützt – gehen mit Hilfe des Mobilfunknetzes direkt an eine Leitzentrale, und zwar in Echtzeit. Zu den Primärdaten zählen unter anderem Geschwindigkeit, Beschleunigung, Verbrauch und Temperatur. Aus Tempo und Beschleunigung ergeben sich über das fahrzeugübergreifende Sensornetzwerk Anhaltspunkte für den Verkehrsfluss. So werden letztlich alle Zustände des Fahrens abgebildet, auch das Stehen, vor Ampeln oder im Stau – die Basis für eine intelligente Verkehrssteuerung und für den Umweltschutz. Wertvolle Hinweise liefert nämlich auch die Temperaturangabe. Aus den ermittelten Temperaturverläufen lassen sich wie beim deutschen SimTD klare Rückschlüsse auf die Witterung und die Straßenverhältnisse ziehen. Auf die-se Weise kann beispielsweise der Verkehr frühzeitig gewarnt und zudem bei Eisglätte die Salzstreuung exakt darauf ausgerichtet werden, denn nicht immer ist jeder Streckenabschnitt gleich von der Eisbildung betroffen. „Wir erwarten beim Streusalz Einsparungen von bis zu 20 Prozent. Das wäre überdies ein Beitrag zum Umweltschutz“, so Raimund Wagner, Geschäftsführer von AMV Networks, dem Unternehmen, das die Technologie entwickelt hat. Verkehrssteuerung, Sicherheit und Umweltschutz sind Kernthemen des Modellprojekts. Die Politik fördert das Vorhaben und sieht auch klare Vorteile: „Das Ministerium misst den intelligenten Verkehrstechnologien eine hohe Bedeutung bei, um den Verkehr in Zukunft effizienter, umweltfreundlicher und kundenorientierter abzuwickeln“, sagt Evelinde Grassegger, zuständig für Mobilitäts- und Verkehrstechnologien im Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie in Wien.  „Die Floating-Car-Data-Modellregion Salzburg ist ein interessantes Projekt neben einer Reihe von anderen Aktivitäten, die derzeit in Österreich in Umsetzung oder geplant sind“, so Grassegger weiter. Die österreichweite Grafenintegrationsplattform (einheitliche Geodatenbasis für Verkehrsdaten), die geplante österreichweite Verkehrsauskunft, der Vorarlberger Pilot zu einem elektronischen Fahrgeldmanagement verdeutlichen die Ambitionen der Österreicher auf diesem Gebiet. „Damit sind wichtige Voraussetzungen geschaffen, um Österreich als ,Leitmarkt für Verkehrsmanagement‘ zu entwickeln“, so die Sprecherin. Das könnte wie in Deutschland Anfang einer neuen Mobilität sein. Die Schwierigkeit hierzulande: „Derzeit existieren weder auf Bundesebene noch in allen Bundesländern ausreichende Finanzierungstöpfe für den Ausbau und den Betrieb entsprechender Verkehrsmanagementsysteme“, so Experte Runge.

Ein Problem mit Folgen: Innovatives Verkehrsmanagement vermag nämlich mehr. Im besten Fall leistet es einen Beitrag zum intermodalen Verkehr, also der Verbindung des Individualverkehrs mit dem öffentlichen Angebot. Rudimentäre Ideen dazu gab es bereits im vergangenen Jahrhundert. Seit Ende der 1990er Jahre wurden unter dem Stichwort „Intermodalität“ an den Stadträndern und einigen Bahnhöfen auf den Hauptpendlerachsen Park-and-Ride-Parkplätze geschaffen. Eine breite Nutzung stellte sich jedoch laut dem Institut für Mobilitätsforschung nicht ein, und die gewünschten Verlagerungseffekte auf den öffentlichen Verkehr blieben weitgehend aus. Das wird sich ändern. Mit der aufkommenden Elektromobilität und alternativen Mobilitätskonzepten wie Carsharing verändert sich auch der Individualverkehr. Die intelligente Verbindung aller Mobilitätsformen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Das Stichwort heißt Vernetzung. Dahinter steht die Idee, auf Basis innovativer Technologien Verkehrsketten aus unterschiedlichen Verkehrsträgern zu knüpfen, die letztlich alle miteinander kommunizieren. Durch die clevere Vernetzung  der einzelnen Verkehrsträger untereinander sowie mit der Infrastruktur entsteht ein intelligentes und hocheffizientes Netzwerk. Autofahrer könnten bei der Fahrt in Metropolen frühzeitig über den Verkehr und mögliche Alternativangebote wie Carsharing oder Park and Ride informiert werden. Die Reservierung findet noch im eigenen Auto statt. Gleiches gilt für Parkhäuser, die freie Stellplätze über das Netzwerk anbieten. Buchbar per Knopfdruck – und dynamische Navigationssysteme weisen anschließend sofort den Weg. Dazwischen wird noch kurz getankt, weil eine Tankstelle auf dem Weg fallende Preise ankündigt. Das Netzwerk hat es rechtzeitig vermeldet. Das Ziel: Die Verknüpfung und Integration von Fahrzeug-, Kommunikations- und Verkehrstechnologien zu einem ganzheitlichen System. Doch die schöne neue Welt hat einen Haken: „Die Stichworte ,Vernetzung‘ oder auch ,Integration der Verkehrsmittel‘ kursieren seit rund zwei Jahrzehnten in der verkehrspolitischen und verkehrswissenschaftlichen Diskussion, ohne dass es zu signifikanten Veränderungen zum Beispiel beim Einsatz von Fördermitteln gekommen ist“, kritisiert Verkehrsexperte Runge.  Bleibt das wichtige Umwelt- und Mobilitätsthema also weiterhin eine Vision? Audi-Chef Rupert Stadler: „Die neuen Ansprüche an vernetzte Mobilitätskonzepte, neue Antriebe, C02– und Energieeffizienz sowie die Digitalisierung erfordern ein neues Denken.“ Doch das hat offensichtlich noch nicht stattgefunden. Die Regierung schläft. Klar ist: Intelligente Verkehrssteuerung ist der Anfang, aber Vernetzung die unabdingbare Voraussetzung für die künftige Mobilität. Die Bildung intelligenter Netzwerke ist mit Sicherheit der Schlüssel dazu. Elektromobilität ist nur ein Baustein des modernen Verkehrs – diese Erkenntnis hat sich aber noch nicht durchgesetzt.

 

Autor: Hilmar Dunker

 

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