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Andreas Gissler: „Ein erfolgreicher Hersteller baut auch in Zukunft noch Lkws. Nur verkauft er die sicher nicht mehr einfach als solche.“ Bild: Accenture

| von Pascal Nagel

Die Digitalisierung erfasst zunehmend die Nutzfahrzeugbranche. Nirgends ist das derzeit so gut sichtbar, wie auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover. Der Lkw der Zukunft ist vollvernetzt, die OEMs erschließen zudem neue Geschäftsmodelle. Im Gespräch mit carIT spricht Andreas Gissler, Geschäftsführer für den Bereich Automotive bei Accenture Strategy, über künftige Einnahmequellen für die Hersteller, die „Uberisierung“ des Transportwesens und darüber, was die Pkw-Branche von den „großen Brüdern“ lernen kann.

Andreas Gissler: Ein erfolgreicher Hersteller baut auch in Zukunft noch Lkws. Nur verkauft er die sicher nicht mehr einfach als solche. Sondern er vermietet sie überwiegend kurz- oder langfristig im Zuge von „Truck-as-a-Service“-Verträgen. Und er umgibt sie mit digitalen Mehrwert-Diensten: Spritspar- und Reporting-Apps, Predictive-Maintenance-Services oder Internet-of-Things-Anwendungen. Wir erwarten, dass auf diese Weise erwirtschaftete Umsätze 2020 bereits etwa 5 Prozent des EBITDA eines durchschnittlichen Herstellers ausmachen werden.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von der „Uberisierung“ des Transportwesens. Was genau meinen Sie damit?

Privatkunden kaufen in zunehmendem Maße „Mobilität“ ein statt ein eigenes Auto – und das oft nicht vom Hersteller, sondern von Dienstleistern oder sogar anderen Privatkunden. Dieses Prinzip dürfte sich sehr bald auch in den Frachtbranchen verbreiten, schließlich dreht sich dort alles um das Erhöhen von Auslastung und das Einsparen von Kosten. Peer-to-Peer-Trucksharing-Plattformen ermöglichen genau das – auf ihnen können Frachtdienstleister je nach Bedarf Teile des eigenen Fuhrparks vermieten oder aber zusätzliche Kapazitäten anmieten, um Auftragsspitzen zu überbrücken.

Die Nutzfahrzeugindustrie gilt in Sachen Fahrzeugvernetzung als Vorreiter. Was können Pkw von ihren „großen Brüdern“ in Zukunft lernen?

Ich meine, die Pkw-Hersteller sollten sich die Plattform-Geschäftsmodelle genauer ansehen, die viele Lkw-Hersteller gestartet haben oder derzeit starten. Einige davon haben nämlich bereits zur Entwicklung vielversprechender Ökosysteme beigetragen. Aber auch in Sachen unternehmensübergreifende Kooperation und Vernetzung haben manche Nutzfahrzeug-Hersteller ihren Pkw-Pendants viel voraus: Denken Sie nur an die Daten- und Geschäftsmodelle im öffentlichen Personenverkehr, an Verkehrs- und Parkleit-Technologien oder meinetwegen sogar an Toll-Collect – für alle diese Anwendungen haben Lkw- und andere Nutzfahrzeugbauer sehr eng und erfolgreich mit IT-Dienstleistern, Dienstanbietern und der öffentlichen Hand kooperiert.