Orit_Shifman_OSR_Enterprises_AG

Im Jahr 2011 gründete Orit Shifman OSR Enterprises, inzwischen hat das Unternehmen an zwei Standorten über 100 Mitarbeiter. Bild: OSR

| von Werner Beutnagel

Im Zeitalter des Connected Car rückt der Bereich Fahrzeugsicherheit zunehmend aus der physischen in die digitale Welt. Die Manipulation von Fahrzeugfunktionen aus der Ferne ist keine düstere Zukunftsvision, sondern zunehmend Realität, wie zahlreiche aufsehenerregende Auto-Hacks zeigen. Den Grund und die Lösung hierfür möchte Orit Shifman, Gründerin und CEO des Unternehmens OSR mit Standorten in Israel und in der Schweiz ausgemacht haben: Statt unzähligen Steuereinheiten (ECUs) mit veralteter Technik sei die Zeit nun reif für eine holistische, konsolidierte IT-Architektur. OSR brachte daher 2017 die dritte Generation des „Evolver“ auf den Markt. carIT hat sich mit Orit Shifman über das System unterhalten.

Orit Shifman: Evolver ist ein Multi-Domain KI-Gehirn für das Auto. Wir glauben, dass das Auto der Zukunft auf ein einzelnes digitales Steuerungszentrum zurückgreifen muss, um unter anderem die Datenverschwendung derzeitiger Architekturen zu beenden. Dafür setzen wir auf ein zentrales Repository aller Daten und eine KI-Struktur. Die Zentralisierung der Intelligenz im Fahrzeug erhöht außerdem dessen Sicherheit. Derzeitige Security-Konzepte sind dem Untergang geweiht, solange keine holistische Steuerung vorliegt.

Welche Rolle genau spielt KI bei Evolver?

Unter anderem kommt KI bei der Echtzeit-Analyse der Daten zum Einsatz. Zum anderen setzen wir Algorithmen ein, um Anomalien zu erkennen, die die Sicherheit des gesamten Fahrzeugs kompromittieren könnten – durch Deep Learning erfasst Evolver dabei auch unbekannte Bedrohungen.

Entwickeln Sie die KI in Evolver selbst oder greifen Sie auf das Wissen von Partnern zurück?

Wir haben 130 sorgfältig ausgewählte Mitarbeiter im Unternehmen mit einem immensen Know-How in diesem Bereich. Auf dieser Basis haben wir die gesamte Hard- und Softwareplattform von Grund auf In-House erarbeitet. Im Bereich der Cloud Services haben wir im vergangenen Jahr eine Partnerschaft mit SAP vereinbart.

Die Entwickler im Automobilbereich sind an die im eigenen Unternehmen gewachsenen Systeme gewöhnt. Wie stark wäre die Disruption durch eine Umstellung auf Evolver?

Zunächst einmal: Der Wechsel auf eine zentralisierte Plattform ist für die Autohersteller zwingend nötig. Ohne ein zentrales Steuerungszentrum im Fahrzeug wird man die Herausforderungen der Zukunft nicht meistern können. Um einen solchen Wandel zu vollziehen, setzen wir auf Revolution durch Evolution: Wir stellen den Entwicklern Tools zur Verfügung, die es Ihnen ermöglichen, die genutzte Architektur hard- und softwareseitig umzustellen und eigene Algorithmen oder Softwaresysteme auf Basis von Evolver zu betreiben. Die Nutzung einer sowohl einheitlichen als auch offenen Plattform erlaubt es den Entwicklern anschließend, effektiver mit ihrer Zeit und ihren Ressourcen umzugehen.

Wie kann die Zentralisierung der digitalen Steuerungsstruktur im Fahrzeug zu mehr Sicherheit beitragen? Wird das Risiko nicht größer, wenn ein zentraler Angriffspunkt existiert?

In der jetzigen Infrastruktur der Fahrzeuge gibt es eine Vielzahl von Angriffspunkten. Wenn ein Angreifer auch nur an einem einzelnen Punkt in die Systeme eindringen kann, wird er sich schnell auch im restlichen Fahrzeug ausbreiten. Dies ist in etwa vergleichbar mit einer Entzündung an einem Zeh, die sich mit genügend Zeit auch im gesamten Rest des Körpers ausbreitet. Ein zentrales System wie Evolver ist in der Lage, das Gesamtsystem besser zu überblicken. Das Gehirn des Fahrzeugs muss in der Lage sein, sowohl Angriffe als auch Fehlfunktionen zu verhindern und nicht bloß zu entdecken. In dem Moment, wo eine Cyberattacke erkannt wird, ist es in jetzigen Sicherheitsmodellen meist schon zu spät. Unsere KI-Systeme sind in der Lage, das Fahrzeug mit einem proaktiven Immunsystem aufzurüsten.