| von Hilmar Dunker

Die Elektronik hat Autodieben in den vergangenen Jahrzehnten das Leben schwer gemacht: Durch immer bessere Wegfahrsperren und zunehmend auch Ortungssysteme sank die Zahl der in Deutschland gestohlenen Autos zwischen 1993 und 2008 von mehr als 105 000 auf weniger als 17 000 Fahrzeuge. Doch die Autodiebe rüsten auf, die Tricks werden immer raffinierter. Inzwischen werden auch wieder deutlich mehr Autos gestohlen. „Es ist immer ein spannender Wettlauf der Täter gegen die Entwickler bei den Autoherstellern“, sagt Sandra Kruse, Physikerin beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden, gegenüber carIT. Auch weiter verbesserte und neue Systeme schützen nicht völlig vor Schwachstellen. Software- und Hardwarehersteller auf dem IT-Markt können ein Lied davon singen. „Microsoft baut die Sicherheitslücken auch nicht mit Absicht ein,“ meint die BKA-Expertin. Kontinuierliche Nachbesserung ist nach ihrer Meinung der beste Schutz. Ein Angriffspunkt bleibt: Fahrzeuge müssen sich im Notfall nicht nur vom Fahrer öffnen oder abtransportieren lassen. Außerdem haben Autos in der Regel eine viel längere Lebensdauer als IT-Produkte. Veraltete Hardware kann meist nicht mit moderner Software nachgerüstet werden, in der Regel müsste das gesamte Netzwerk ausgetauscht werden – ein komplett neues Auto ist dann fast schon billiger.

Tatsächlich werden vermehrt Fahrzeuge mit älteren Wegfahrsperren gestohlen. Denn da ist die Manipulation für technisch versierte Autoknacker recht einfach. So kann man bei den Sperren vor 2008 das Motorsteuergerät einfach gegen ein manipuliertes Steuergerät austauschen. Bei den modernsten Systemen hingegen wäre der Aufwand deutlich höher. Und selbst nachgemachte Fahrzeugschlüssel lassen sich nicht einfach so einsetzen. Das macht den Langfingern ihr Handwerk schwer. „Die Zeit der Joy-Diebe, die nach zwei Bierchen eben mal ein Auto für eine Spritztour gestohlen haben, ist durch die modernen Wegfahrsperren vorbei“, berichtet Christian Lübke, Sprecher beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Heute haben wir es mit organisierter Kriminalität oft aus Osteuropa zu tun. Die Diebe arbeiten auf Bestellung und sind Kfz-technisch ausgebildet. Diese Experten kommen die Versicherungen teuer zu stehen: Mehr als 12 000 Euro kostete sie jedes gestohlene Auto. Insgesamt 219 Millionen Euro waren es 2009 für 18 200 Fahrzeuge, dazu kommen noch 49 Millionen Euro für 31 500 Aufbrüche von Autos (Navis, Autoradios et cetera). Gestohlen werden Autos oft auf Bestellung, doch nicht nur Premiummodelle. Mit 6700 Fahrzeugen stellte Volkswagen 2009 hierzulande mehr als ein Drittel der gestohlenen Autos, weit vor Mercedes (2400) und BMW (2038). Möglicherweise liegt das daran, dass durch Baugleichheiten bei elektronischen Wegfahrsperren den Dieben ein Tool für die vier Hauptmarken reicht – wie die meisten Hersteller äußert sich Volkswagen kaum über seine Sicherheitsvorkehrungen. Die gesamte Branche kritisierte vor zwei Jahren der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière: „Mein Eindruck ist, dass sich die Autoindustrie auf ihren Lorbeeren ausruht.“ Neben den Wegfahrsperren haben die Autodiebe verstärkt die elektronischen Fahrzeugschlüssel ins Visier genommen. Zwar lässt sich deren Code nicht mehr so einfach ausspähen, doch es gibt die so genannten Funkblocker: Diese „Jammer“ überlagern das Signal vom Schlüssel zum Auto und verhindern die Verriegelung. Der Fahrer geht weg, das Auto bleibt offen. Zwar funktionieren alle modernen Schlüsselsysteme  mit optischen (Blinker) oder akustischen Rückmeldungen, aber „unseren Erfahrungen nach haben viel zu wenige Fahrer die Betriebsanleitung zu ihrem Fahrzeug gelesen, weshalb sie oft gar nicht wissen, wie das Fahrzeug zu verschließen ist beziehungsweise welche Rückmeldung erfolgt“, erklärt Sandra Kruse vom BKA. Und: Der elektronische Fahrzeugschlüssel kann „entschlüsselt“ werden. Sein Algorithmus ist sowohl im Schlüssel als auch im Auto selbst gespeichert. Das hat Folgen nicht nur für ein Fahrzeug – meist werden diese Algorithmen für ganze Modellreihen berechnet, ein geknackter Code ermöglicht leichten Zugang zu allen baugleichen Autos.

Mögliche Abhilfe kann eine Lösung aus dem Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) schaffen. Dort arbeitet man mit asymmetrischen Algorithmen. Das heißt: Der Geheimcode wird nur im Schlüssel selbst gespeichert. Wird der Code doch einmal geknackt, gilt das nur für ein Auto, nicht aber eine ganze Modellreihe. Das Verfahren funktioniert so gut, dass die Wissenschaftler auch Wegfahrsperren damit verschlüsseln wollen. Die Autoindustrie ist hoch interessiert, so Frederic Stumpf, Bereichsleiter an dem Fraunhofer-Institut: „Wir sind mit mehreren Herstellern in der Diskussion und haben inzwischen ein Projekt mit Texas Instruments begonnen.“ Bis die Technik marktreif ist, dürften aber noch ein paar Jahre vergehen. Nicht gegen den Diebstahl selbst, aber vor dem endgültigen Verlust des fahrbaren Untersatzes können elektronische Ortungssysteme schützen. In manchen Ländern verlangen Versicherungen diese Systeme für teure Autos. Der Zulieferer Continental etwa bietet eine Telematikbox namens Novanto an, die man unauffällig irgendwo im Auto unterbringen kann. Denn individueller, versteckter Einbau ist laut BKA ein Erfolgsmerkmal für solche Sys-teme. Moderne Trackingtechnologien machen das Überlagern der GPS-Signale durch Störsender zusätzlich schwierig oder unmöglich. Den wohl originellsten Ansatz hat Sven Tuchscheerer von der Uni Magdeburg, der früher lange in der Volkswagen-Konzernforschung tätig war. Da man gestohlene Autos aus rechtlichen Gründen (Unfallgefahr) auch dann nicht einfach von außen stilllegen darf, wenn das technisch möglich ist, setzt Tuchscheerer auf Wertminderung: Wenn es heiß ist, wird die Klimaanlage deaktiviert, die Heizung auf volle Kraft geschaltet und werden die Fenster gegen das Öffnen gesperrt. Bei kaltem Wetter hingegen öffnen sich die Fenster und lassen sich nicht mehr schließen. Möglich wäre das durch ein Online-System oder im Auto eingebaute Intelligenz, die erkennt, wenn längere Zeit nicht der Original-Fahrzeugschlüssel verwendet wird. Dieser plötzliche „Wertverlust“ könnte die meist gewinnorientierten Autodiebe abschrecken, glaubt der Psychologe. Ob Autodiebe dann endlich kalte Füße bekommen? Man darf gespannt sein.

 

Autor: Gert Reiling

 

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