Für mehr als hundert Jahre war die Automobilindustrie fast ausschließlich in der mechanischen Welt zuhause. Jetzt bestimmen zunehmend Bits und Bytes Gegenwart und Zukunft der Branche (carIT 2010).
Wer früher Autos sehen wollte, die ihrer Zeit voraus waren, musste ins Kino. Knight Rider oder James Bond waren State of the Art. Navigation über piepsende Peilsender und ein künstlicher Horizont, der bei wilden Verfolgungsjagden das Armaturenbrett in eine Art Flugzeugcockpit verwandelte, ließen ein staunendes Publikum zurück. Heute verfügt praktisch jeder Mittelklasse-Pkw mit Serienausstattung über mehr computergesteuerte Intelligenz als alle Aston Martin von 007 zusammen – Raketenwerfer und Schleudersitze einmal ausgenommen. Beispiele hierfür: Abstandsregelsysteme oder das inzwischen fast schon selbstverständliche Navigationssystem. Das moderne Fahrzeug denkt mit. Jetzt steht der nächste Quantensprung bevor: Das Internet drängt mit aller Macht ins Auto. Und mit ihm jede Menge Daten, Dienste und Applikationen. Praktisch alle Hersteller arbeiten daran, spätestens in drei bis vier Jahren neue Fahrzeuggenerationen online und auf die Straße zu bringen. Rein äußerlich werden sich Pkw und Trucks evolutionieren. Unter dem Blechkleid aber tobt eine Revolution.
„Hersteller, die die unterschiedlichen Auswirkungen des Internets auf ihre Fahrzeuge nicht beachten, die den Aspekten der Vernetzung und der Integration externer Endgeräte heute nicht genügend Beachtung schenken, laufen Gefahr, im wahrsten Sinn des Wortes den Anschluss zu verlieren“, warnt Stefan Bratzel, der an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach das Center of Automotive leitet. Damit nicht genug: Der Trend, Internetfunktionen ins Automobil zu integrieren und die Fahrzeuge untereinander und mit ihrer Umwelt zu vernetzen, werde nicht nur das Produkt selbst revolutionieren, sondern die gesamte Industrie nachhaltig verändern. „Vom Produktionsnetzwerk bis in den Handel – entlang der traditionellen Wertschöpfungskette sehen wir zahlreiche Implikationen.“ Ab 2016 soll für die Mehrheit der Verbraucher in den etablierten Automobilmärkten die Vernetzung ihrer Fahrzeuge ein wichtiges Kaufkriterium darstellen. „Für Kunden von Premiumautomarken wird dieser Zeitpunkt sogar früher erreicht“, sagt Thilo Koslowski vom Marktforschungsunternehmen Gartner. Der Analyst ist davon überzeugt, dass bei der Modellwahl künftig vor allem eine Rolle spielt, wie das Automobil datentechnisch an die Außenwelt angebunden ist und was Nutzer während der Fahrt tun können.
Tatsächlich: Viel Zeit, die wir im Auto verbringen, ließe sich unter Beachtung aller Sicherheitsaspekte besser nutzen. Zum Beispiel mit neuen Online-Diensten und Miniprogrammen, so genannten Apps. Sie können jede Menge aktueller Informationen entlang der Strecke liefern und sogar mobiles Arbeiten während der Fahrt ermöglichen. Im Netz soll künftig die ganze Bandbreite persönlicher Daten zum Abruf bereitstehen: eigene Musik oder Hörbücher, private und geschäftliche Kontakte und Mails, Dokumente. Die Deutsche Telekom sieht hier ein Milliardengeschäft und will ihren Kunden die Grundlagen für ein vernetztes Arbeiten und Leben auch im Fahrzeug bereitstellen. Mehrere Initiativen mit der Automobilindustrie laufen bereits. Darunter mit BMW, MAN und dem Zuliefererkonzern Continental, mit dem auf der letzten CeBIT ein Showcase für Infotainmentdienste der neuen Generation vorgestellt wurde.
Marktuntersuchungen zufolge sollen Autofahrer in Deutschland und Frankreich bereit sein, für verkehrsrelevante und sichere Services rund zehn Euro pro Monat zu bezahlen. Deshalb wird zwischen Wolfsburg und München mit Hochdruck an einer Vielzahl neuer Online-Dienste und einem erfolgversprechenden Businessmodell gearbeitet. „Wir investieren in den nächsten fünf Jahren einen signifikanten Betrag, um diesen Markt als Innovator zu entwickeln“, sagt Horst Leonberger, der bei der Deutschen Telekom das Konzerngeschäftsfeld Vernetztes Fahrzeug leitet. Zu den wichtigsten Aufgaben zählt, die Bedienung von Internetapplikationen autogerecht zu gestalten. Bislang ist die Eingabe nicht an die besondere Situation des Fahrers angepasst und erfolgt noch recht umständlich über menügesteuerte Displays und Drehknöpfe. Dass es auch anders geht, haben die Entwickler von Apple gezeigt. Sie setzten mit Look and Feel beim iPhone den bis heute gültigen Benchmark für eine zeitgemäße Nutzung des mobilen Internets. Kein Wunder also, dass die Telekom stark in Richtung Apps und berührungsempfindliche Bedienung, kombiniert mit einer intuitiven Sprachsteuerung, denkt – so soll künftig auch im Auto ein schneller, bequemer und vor allem sicherer Zugriff auf vorkonfigurierte Online-Services und Inhalte möglich werden. Eine professionelle Verschlüsselung der Kommunikation und der erzeugten Profildaten während der Fahrt garantiert die Sicherheit von Daten und Privatsphäre.
Erfolgsentscheidend ist die User Experience. Gerade nachwachsende
Fahrergenerationen werden immer stärker die Möglichkeiten, die ihnen moderne Smartphones und Netbooks bieten, mit den Informations- und Unterhaltungsangeboten im Fahrzeug vergleichen. Das ist harte Konkurrenz und für die gesamte Automobilindustrie eine riesige Herausforderung. Hier treffen zwei völlig verschiedene Technikwelten mit unterschiedlichen Entwicklungszyklen aufeinander. Experten wie Stefan Bratzel gehen deshalb davon aus, dass es zu Kooperationen kommen wird. „Die Fahrzeughersteller müssen sich darauf einstellen, künftig mit einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure eng zusammenzuarbeiten, deren Hauptgeschäftsfeld außerhalb der Automobilindustrie liegt und die in ihren Märkten zum Teil deutlich schneller unterwegs sind.“
Einen enormen Schub für Informationstechnologien im Fahrzeug wird die Elektromobilität bringen. Damit Autos massenhaft mit Strom unterwegs sein können, müssen sie das Internet sozusagen als Grundbaustein mit an Bord haben. Ohne intelligente IT-Systeme und eine weitreichende Vernetzung mit der noch zu schaffenden Stromnetz- und Ladeinfrastruktur werden Akzeptanz, Nachfrage und Verbreitung der E-Cars hinter den hochgesteckten Erwartungen der Politik zurückbleiben.
Die technischen Herausforderungen, um die bisher weitgehend unabhängigen Bereiche Fahrzeug, Verkehr und Energie zusammenzuführen, sind immens. Ladestationen zum Beispiel müssen als Teil eines intelligenten Stromnetzes mit einem zunehmend dynamischen Energieverbrauch klarkommen. Standortunabhängige und benutzerfreundliche Abrechnungssysteme gehören ebenso dazu wie die zentrale Steuerung von Informationsströmen im Fahrzeug selbst. Noch in diesem Jahr startet Hewlett- Packard zusammen mit einem Partner den weltweiten Roll-out von Telematikservices für einen japanischen Hersteller von Elektrofahrzeugen. Dazu gehört beispielsweise eine erweiterte Navigationslösung, die die Suche nach Ladestationen entlang der Fahrstrecke ermöglicht und aktuelle Informationen über Verfügbarkeit und Preise liefert. „Diese Lösung wird aktuell in Japan auf den Markt gebracht. Der weltweite Roll-out erfolgt mit der Einführung des Fahrzeugs in den kommenden Monaten“, erklärt Oliver Bahns, der für HP weltweit Kunden in der Automobilindustrie betreut. „Unsere Dienste werden dadurch zu einem festen Bestandteil des Mobilitätsangebots.“ Zudem diskutiert HP derzeit intern, ob es künftig eine eigene Nachrüstlösung geben soll, um Autos zu vernetzen. Selbst ein Car-PC scheint nach dem Kauf der Firma Palm möglich. „Das Betriebssystem WebOS ist ein ganz wesentlicher Eckpfeiler unserer Mobility-Strategie“, verrät Oliver Bahns. „Da ist es nur logisch, wenn wir auch über dessen Verwendung im Kontext ‚Connected vehicle‘ intensiv nachdenken.“
All diese Beispiele geben einen Vorgeschmack darauf, was Mobilität 2.0 ausmachen kann. Welche Produkte und Services sich am Ende durchsetzen, kann freilich noch niemand sagen. Eines aber ist klar: Google und Social-Media- Angebote im Auto allein werden kaum reichen, um dauerhaft erfolgreiche Geschäftsmodelle zu etablieren. Gute Car- IT muss das Fahrzeug und seinen Fahrer in den Mittelpunkt stellen und einen echten Mehrwert bieten. Am besten einen, auf den schon bald niemand mehr verzichten möchte.
Autor: Ralf Bretting
Foto:Â BMW, Daimler, Renault

